Zeitung Heute : Krisenregionen: Wiederentdeckung lässt auf sich warten

Matthias Meisner

Die Villa "Galeb" gilt als erste Adresse des montenegrinischen Küstenstädtchens Herceg Novi. In einem wunderschönen Park liege die einstige Residenz des Präsidenten Josip Tito, priesen die Tourismuswerber im 2000er Katalog. Aus den Appartements richte sich der Blick auf die Bucht von Kotor, von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt.

Als die jugoslawische Teilrepublik Montenegro im vergangenen Jahr diese Reklame publiziert hatte, war die Villa "Galeb" schon nicht mehr zu buchen. Eine russische Firma hatte sich die edle Herberge als Dauer-Quartier gesichert. Weil Urlauber aus Ländern, die selbst die Krise vor der Haustür haben, weniger zurückhaltend sind als die Deutschen?

Das Auswärtige Amt warnt gegenwärtig generell vor Reisen in 13 Länder der Welt, und nur eines davon, Mazedonien, liegt in Europa. Zwar gibt es immer wieder zusätzliche Sicherheitshinweise - zuletzt etwa nach der Hochwasserkatastrophe in Polen oder nach dem Bombenterror der Eta in Spanien. Die Küste von Montenegro kommt in den Warnungen nicht vor, und davor, dass Deutsche etwa nach Kroatien fahren, ist dem Auswärtigen Amt längst nicht bang.

Krisen schrecken nicht lange

Nachhaltig werden die Schäden für ein Urlaubsland, wenn es in die Dauerkrise gerät, wie das gerade in Israel der Fall wird. Die Lage dort sei unübersichtlich, berichtet das Auswärtige Amt in Berlin - und empfiehlt Urlaubern, "die akutelle Entwicklung laufend aufmerksam zu beobachten". Lufthansa und British Airways haben inzwischen ihre Flugpläne geändert, weil die Besatzungen Angst haben, noch in Tel Aviv zu übernachten. Nicht nur die US-Rockband Red Hot Chili Peppers hat nach den Selbstmord-Bombenanschlägen einen Auftritt in Israel auf unbestimmte Zeit verschoben: Die Tourismus-Industrie Israels hat wegen der eskalierenden Gewalt bis zu 50-prozentige Rückgänge zu verzeichnen.

Allerdings werden Reiselustige nach Beobachtung von Tourismus-Forschern durch Krisen nicht sehr lang abgeschreckt. "Die Deutschen sind dickfellig", sagt Martin Lohmann vom Institut für Tourismus und Bäderforschung in Kiel. Ob Robbensterben an der Nordsee, Algenpest an der Adria, die Atomkatastrophe von Tschernobyl oder die Anschläge auf Touristen in Ägypten - meist, hat Lohmann ermittelt, sind die Auswirkungen auf das Reiseverhalten der Deutschen "zeitlich und regional sehr begrenzt". Der Wissenschaftler fügt hinzu: "Wenn jemand sehr sensibel ist, dann sind das Amerikaner."

Deutsche Urlauber lustlos

Doch auch wenn sie als recht dickfellig gelten: Der Blick auf einzelne Länder zeigt, dass die Deutschen bei der Wiederentdeckung traditioneller Reiseregionen nach einer Krise nicht immer die Schnellsten sind. Vor allem die Länder des ehemaligen Jugoslawien haben zu spüren bekommen, dass die Deutschen ihren Koffer schnell auch in andere Teile der Welt schleppen können. Als sich der Tourismus-Ausschuss des Bundestages im Sommer 1999 mit den Auswirkungen des Krieges um das Kosovo auf die Reiselust der Deutschen beschäftigte, zeigte sich, dass wenig differenziert wird: Ex-Jugoslawien wurde in einen Topf geworfen und ganz allgemein gemieden, während etwa Spanien deutlich häufiger als in den Vorjahren gebucht wurde.

Vor allem auf die kroatische Mittelmeerküste, bis 1999 die Haupttourismus-Region des ehemaligen Vielvölkerstaats Jugoslawien, hatten die deutschen Urlauber so gut wie keine Lust mehr. Die Touristen würden das ganze Gebiet zu einer Krisenregion zusammenfassen, klagte damals etwa die SPD-Abgeordnete Annette Faße, und verkennen, dass Staaten wie Kroatien, Slowenien und Ungarn sichere Reiseländer seien. Dennoch fehlten beispielsweise dem Plattensee eine ganze Weile angestammte Badegäste.

Gerade weil die Westeuropäer ihnen unangemessen ängstlich erschienen, hatten die kroatischen Tourismuswerber schon vor 1999 nach neuen Zielgruppen Ausschau gehalten. Mit staatlicher Unterstützung nahm dann in den 90er Jahren vor allem der Tourismus aus Russland und Tschechien zu, wie Zahlen der Welttourismusorganisation der Vereinten Nationen (WTO) zeigen. Noch 1985 hatte die WTO die Touristendestination Jugoslawien, wegen der Kombination von attraktiver Natur und Kultur, auf Platz fünf der Beliebtheitsskala aller Länder der Welt gesetzt.

Doch Angstgefühle wegen der Krise auf dem Balkan hegten längst nicht nur Urlauber aus Deutschland. Briten und US-Amerikaner, das belegen die Zahlen, sind weit sensibler. Beispiel Kroatien: Noch 1985 stellte Deutschland dort 36 Prozent aller Urlauber, zehn Jahre später waren es nur noch zwölf Prozent. Derweil aber ausgerechnet der Anteil der ehemaligen Kolonialmacht Großbritanniens von acht auf ein Prozent und der der Amerikaner von zwei auf null fiel.

Die Touristen-Werber der kroatischen Fremdenverkehrsbehörden registrieren sehr genau, wer empfindlich ist und wer nicht. Zlatko Dezeljin, Direktor der Vertretung in Frankfurt am Main, sagt, vor allem Urlauber aus Süddeutschland hätten seinem Land fast durchgängig die Treue gehalten, während die Detailkenntnis über mögliche Gefahren in den jugoslawischen Nachfolgestaaten unter Norddeutschen geringer ist. "Viele von denen meinen immer noch, in Kroatien herrscht Krieg", berichtet Dezeljin. Als Dorado für Russen möchte er sein Land dennoch nicht dargestellt wissen: Nur zwei Charterflüge gebe es von dort jede Woche.

Die Statistiken über das Reiseverhalten können leicht zu einer Hitliste von Schüchternen und Mutigen werden. Im vergangenen Jahr etwa buchten österreichische Urlauber schon wieder mehr Übernachtungen in Kroatien als noch als im friedlichen Jahr 1990, während die Zahl der von Deutschen reservierten Betten noch um ein Viertel hinter dem Wert von vor zehn Jahren lag. Vergleichsweise zögerlich sind die Italiener geblieben. Und auch von den Niederländern ist, statistisch gesehen, erst jeder Dritte zurückgekehrt. Auch die Engländer sind weiter fern geblieben: Im Jahr 2000 haben sie nicht mal ein Zehntel der Betten gebucht, die sie noch 1990 in Kroatien reserviert hatten. Osteuropäer derweil nutzen neue Reisefreiheiten begeistert. Im vergangenen Jahr wurden von ungarischen Urlaubern in Kroatien mehr als doppelt so viele Ferienbetten wie noch 1990 belegt, Tschechen kamen sogar drei Mal so häufig wie vor zehn Jahren.

Lebensgefahr als Attraktion?

"Touristen sind wie Vögel. Ein Schuss - und sie sind verschwunden", sagt Predrag Kunic, Reiseleiter in Montenegro. Ein Satz, der für den Massentourismus mit Sicherheit stimmt. Angebote an risikofreudige Touristen sind ein Nischengeschäft. Selbst das wurde allerdings im Urlaubsweltmeisterland Deutschland von kleinen Agenturen entdeckt - immer vorausgesetzt, der Kunde ist bereit, das Risiko selbst zu tragen. Das Reiseziel Jemen etwa wird regelmäßig von Menschen gebucht, die den Nervenkitzel womöglich brauchen - obwohl dort in den vergangenen zehn Jahren mehr als 300 Ausländer entführt wurden.

Lebensgefahr als Urlaubsattraktion? Zumindest in Slowenien, Kroatien und auch an der montenegrinischen Küste wollen die Tourismus-Werber davon nichts wissen. Beim Deutschen Reisebüro und Reiseveranstalter-Verband gilt Kroatien als "Boom-Land des Jahres". Und auch in Montenegro, dem über kurz oder lang die Unabhängigkeit von Serbien vorausgesagt wird, sind schon die Investoren unterwegs, um sich die Filetstücke der Küste für die Urlaubermassen aus Deutschland zu sichern.

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