Zeitung Heute : Kritik an Regierung

ALEXANDER KÖNIGS

Weniger als ein halbes Jahr haben wir noch Zeit, bis der Jahr-2000-Fehler gemeistert werden muß. Aus den Fachzeitschriften hat sich das Thema auf die Titelseiten der Tageszeitungen geschlichen. Von der Bundesregierung hört man (fast) nur Gutes: Siegmar Mosdorf, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundeswirtschaftsministerium, verkündete: Die Maßnahmen der Bundesverwaltung seien weit fortgeschritten, die lebensnotwichtigen Versorger wie die Energiewirtschaft blickten zuversichtlich auf den Datumswechsel.Dennoch gibt es seriöse Stimmen, die der Bundesregierung Verharmlosung des Problems vorwerfen. Aktuelle Studien, durchgeführt vom Allensbach Institut für Demoskopie, stellen fest, daß sich bislang nur ein Drittel der mittelständischen Unternehmen mit dem Jahr-2000-Fehler beschäftigt haben. Aus dem Wirtschaftsministerium hört man dazu, daß dies bedauerlich aber nicht zu verhindern sei, weil man schließlich nicht in jede Bäckerei vordringen könne. Eine Aussage, die Mittelstandsvertreter André Podszus vom Verband "UnternehmensGrün" unerhört findet. "Wir haben hier ca. 40 000 Unternehmen. Von denen gelten 20 Prozent als gefährdet und weitere 20 Prozent werden als unzureichend vorbereitet eingestuft." Auch der Informatiker Klaus Brunnstein von der Universität Hamburg ist mit der Arbeit der Bundesregierung unzufrieden: "Die Bundesregierung ist total ahnungslos und hat das Problem viel zu spät in Angriff genommen." Seine größte Sorge ist das Gesundheitswesen. Auch wenn einige Großkliniken Jahr-2000-Fähigkeit melden, "die meisten Ärzte wissen gar nicht, wo überall Chips drinstecken". Aber selbst wenn die Bundesregierung eingreifen wollte - in den meisten Fällen hat sie dazu keine Handhabe. Die Kontrollmöglichkeit des Staates über die kommunalen Energieversorger beschränkt sich zum Beispiel auf die Preisgestaltung. Eine kritische Bilanz zieht der Bundesrechnungshof: "Die Experten des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) haben mitgeteilt, daß sie den Stand der Jahr-2000-Arbeiten in den Geschäftsbereichen trotz gegenteiliger Beteuerung der Ressorts sehr kritisch sehen."Immerhin: Am Montag macht die Berliner Bewag den großen Test. Um 11 Uhr werden alle Computersysteme der Kraftwerks-Leittechnik des Kraftwerks Oberhavel an das Ende des Jahres 1999 versetzt.

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