Zeitung Heute : Kritik genießen

David Ensikat

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann

Hinter Helmut Kuhn war ein großes Menschärgerdichnichtspiel an die Wand gemalt. Das machte die Sache nicht besser. Helmut Kuhn versuchte zu lächeln, als sie ihn in der Luft zerrissen. Als der Moderator ihn fragte, ob er noch was sagen wolle, sagte er: Nein. Dann klatschten alle, das Publikum und auch die Juroren zu seiner Linken und zu seiner Rechten, die ihn gerade fertig gemacht hatten. Helmut Kuhn stand auf und ging.

Ich bin ein großer Fan des Ingeborg-Bachmann-Literatur-Wettbewerbs, den sie im Fernsehen und im Internet übertragen. Ich bin ein schlechter Mensch. Denn beim Bachmann-Wettbewerb interessieren mich nur die Kritiken. Die Texte, die die Autoren zunächst vorlesen, sind zumeist todlangweilig. Sind sie es nicht, so lesen die Autoren sie vor, als wären sie’s. Da gibt es viele Strategien, Texte so vorzulesen, dass keine Sau bei der Sache bleibt. Aber die Juroren, die sind wirklich toll! Was die alles wissen! Ein Lieblingswort der Juroren, als sie Helmut Kuhn fertig machten, war „onomatopoetisch“. Sein Text sei zwar in Passagen onomatopoetisch gewesen, alles in allem jedoch kitschig, ungelenk und außerdem unter aller Kanone.

Onomatopoetisch heißt so viel wie lautmalerisch. Kloppe, Abwatschen – das ist onomatopoetisch. Insofern war, was die Juroren mit Helmut Kuhn taten, reine Onomatopöie.

Im Übrigen war die Kritik von fundiertem gynäkologischen Wissen geprägt. Kuhns Text handelte offensichtlich von jemandem, der noch in der Gebärmutter mit Geburtszange in Position gebracht worden war und dadurch eine interessante Behinderung mitbekommen hatte. Mit der Zange in der Gebärmutter, pah, so ein Schwachsinn!, rief eine Jurorin und schaute einen Jurykollegen böse an, den diese Ungenauigkeit nicht so sehr störte. Helmut Kuhns Lächeln wirkte derweil leicht frostig. Was mag der gedacht haben? Mist, hab ich echt nicht gewusst!, oder: Diese Tusse, will über Literatur urteilen und redet über Geburtskanäle!

Wirklich interessant dieser Wettbewerb. Literaten deutscher Sprache! Schaut ihn euch an, und, so ihr ein Quäntchen Selbstachtung habt, meidet ihn! Die Juroren sind einfach zu gut.

Der Bachmann-Wettbewerb vollständig im Internet: http://bachmannpreis.orf.at.

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