Zeitung Heute : Kritik in Schwarzweiß

Wie ein Berliner, Ost, die Stadt erleben kann

David Ensikat

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Also ich mache ja nur noch Buntfotos mit einer kleinen Elektrokamera, das genügt mir vollkommen (manchmal, wenn ich sie von der Kamera in den Computer hinübergekabelt habe, drücke ich auf den Schwarzweißknopf, finde: Mensch, sieht eigentlich auch gut aus, stilsicherer, ehrgeiziger irgendwie – und dann drücke ich auf den Alleszurücklieberwiederbuntknopf, denn man will ja die Farbinformationen nicht verlieren, und die Sache mit den stilsicheren, ehrgeizigen Bildern ist für mich schon lange vorbei).

Früher, sehr viel früher, habe ich mal ehrgeizig fotografiert, manchmal, wenn ich Glück hatte, sogar stilsicher. Bunte Fotos verachtete ich, denn ich konnte sie mir nicht leisten, meine schwarzweißen entwickelte ich selbst in stundenlangen Dunkelkammersitzungen. Die Eltern waren stolz auf mich – Unser Junge hat ein Hobby! – und ein paar Freunden konnte ich auch imponieren. Boah, cool, und so systemkritisch, riefen sie, wenn ich ihnen eins meiner systemkritischen Bilder zeigte (in Bunt wäre das nicht halb so systemkritisch rübergekommen). Ich fotografierte vor allem: dicke Männer und ältere Frauen, die Bockwurst essen, leere Schaufenster, traurig guckende junge Leute, die FDJ-Hemd tragen, Kinder, die auf Mülltonnen sitzen. Da unsere Gesellschaftsordnung damals Sozialismus hieß, waren solche Bilder zwangsläufig systemkritisch. Der Sozialismus war ja per se eine schöne Gesellschaftsordnung, wer darin das nicht so Schöne erblickte und auch noch reproduzierte, war per se ein mutiger Systemkritiker. Tolle Sache eigentlich.

Dann haben sie eingesehen, dass das so nicht weitergehen kann, und haben die Mauer geöffnet. Weltpolitisch habe ich diesen Schritt begrüßt, privat hat er mein fotografisch-ehrgeiziges Schaffen jäh beendet. Was sollte ich den bunten Kapitalismus schwarzweiß kritisieren? Das hatte doch schon die DDR-Fernsehredaktion „Alltag im Westen“ hinlänglich getan. Außerdem gibt es kaum Kapitalisten, die es einem Fotografen übel nehmen, wenn er die nicht so schönen Seiten des Kapitalismus abbildet. Mit dem Untergang des Sozialismus beendete ich also meine verheißungsvolle Laufbahn als kritischer Schwarzweißfotograf und zog mich in die Kapitalismus nahe Buntfotografie vornehmlich des privaten Sektors zurück.

Vorgestern war ich in einer Ausstellung kritischer DDR-Schwarzweißfotos von Harald Hauswald. Der hat damals, ich darf das mal so selbstlos sagen, eigentlich genau das fotografiert, was ich auch fotografiert habe: das nicht so Schöne. Noch selbstloser muss ich sagen: So gut wie der hätte ich das damals gern gekonnt (hätte ich’s gekonnt, müsste ich mich heute allerdings sehr grämen, es aufgegeben zu haben – also ist alles in allem die Sache doch ganz gut gelaufen).

Das letzte Jahrzehnt. Fotografien aus der DDR von Harald Hauswald, Galerie Imago Fotokunst, Auguststr. 29c in Mitte, Dienstag-Freitag 12-19 Uhr, Sonnabend 14-18 Uhr. Ein sehr schönes, wenn auch nicht mehr ganz aktuelles Buch mit vielen Hauswald-Fotos, „Die DDR wird 50“, Aufbau Verlag, gibt es in der Galerie für 25 Euro zu kaufen.

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