Zeitung Heute : Kritisch Gesehen: Zeitgenössische Tragödie

Mechthild Zschau

Jenseits. ZDF. Die schwarze Plane eines Lasters flattert im Fahrtwind: Der Tod winkt. Glas splittert, ein Fahrrad fliegt durch die Luft, ein kleiner Junge stirbt. Das Leben zweier Familien gerät aus der Bahn. Die Russlanddeutsche Katharina verliert mit dem Sohn jeden Sinn des Lebens. Staatsanwalt Mathias, der Fahrerflucht begangen hat, quälen seine schuldlose Tat und ihr Verschweigen bis zur Unerträglichkeit. Wenigstens will er verhindern, dass auch noch die Mutter des Kindes stirbt, verfolgt sie, beschenkt sie, bringt sie zum Reden, löst ihre Verstörung. Langsam füllen sich die klaffenden Löcher des Schweigens mit Worten, mit Gefühlen, das Leben kehrt behutsam zurück.

Kein Melodram hat Max Färberböck aus diesem selbsterdachten Stoff gemacht, sondern sehr konsequent eine zeitgenössische Tragödie, in der die irdische Gerechtigkeit den Dimensionen des Geschehens nicht im Geringsten gewachsen ist. Leider gehört es zu den Gesetzen des ZDF-Fernsehspiels, dass jede Geschichte ein irgendwie positives Ende haben muss, auf dass das Publikum getröstet zu Bette gehen kann, und so hat auch Färberböck den (hinreichend grotesken) Gerichtsurteilen noch ein überflüssiges Stücklein Liebe und Zukunft angehängt.

Sylvester Groth und Ekaterina Medvedeva spielen, als sei es ihr eigenes Leben. Präzise balancieren sie das Übermaß der Emotionen aus zwischen Eruptionen und düsterer Erstarrung, Verzweiflung und aufkeimender Zuneigung. Und Anja Kling als Staatsanwaltsgattin entfaltet eine erstaunliche Palette von Farben zwischen Weibchen und kluger Frau, Temperament und Zurückhaltung. Das Beste an schicksalsschweren, beklemmenden und gleichzeitig realitätsträchtigen Film: Er spielt im Raum zwischen und unter den Worten.

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