Zeitung Heute : Kritische Masse

Erst Ackern, dann Schottern. Vor Eintreffen des Castor-Transports strömten am Samstag zehntausende Atomkraftgegner auf einem Feld in Splietau bei Dannenberg zu einer Kundgebung zusammen. Foto: Reuters
Erst Ackern, dann Schottern. Vor Eintreffen des Castor-Transports strömten am Samstag zehntausende Atomkraftgegner auf einem Feld...Foto: REUTERS

Und dann fängt er an zu tanzen, ein wenig nur, ein Wippen zur Musik, die über den Acker weht, ein gelöster Mann auf elastischen Beinen, ein Gegner. Er hat Spaß daran.

Es ist in den vergangenen Wochen kaum etwas ausgelassen worden, kaum eine Diffamierung schien falsch genug, um nicht gegen ihn und seinesgleichen benutzt zu werden. Und jetzt tanzt er, Peter Selig-Eder aus Stuttgart. Dort ist er Teil der Protestbewegung gegen den Bahnhofsneubau, hier, am Rand eines Ackers bei Dannenberg im Wendland, Niedersachsen, ist er ebenfalls Teil einer Protestbewegung. Seit 33 Jahren gibt es sie, aber Selig-Eder hätte niemals gedacht, dass es soweit kommen würde. Selig-Eder ist Jahrgang 1951, es hätte in seinem Leben reichlich Anlässe gegeben, doch er ist zum ersten Mal dabei. Nun schaut er auf ein Meer aus gelben Fahnen und grünen Luftballons und zehntausende Menschen, auf eine Art Ritual am Vortag der Ankunft eines Castor-Transports. Der Verladebahnhof, wo die Strahlungsbehälter von der Schiene auf Sattelschlepper gehoben werden, ist nicht weit weg. Die Sonne bricht durch.

Zuletzt hat die Obrigkeit die Stuttgarter Protestierer irgendwie zu Nazis erklären wollen, ein baden-württembergischer Bundestagsabgeordneter hat das versucht, indem er den prominenten Schauspieler und S 21-Gegner Walter Sittler einen „Propagandisten“ nannte, dessen Vater schon für die Nationalsozialisten Stimmung gemacht habe. CDU-Ministerpräsident Stefan Mappus sprach von „Berufsdemonstranten“, „Aggressivität“ und „Gewaltbereitschaft“. Die Bundeskanzlerin warnte vor der Totalblockade: „Keine Kohlekraftwerke, möglichst keinen neuen Bahnhof, um jede Straße Theater, keine Hochspannungsleitungen mehr – so wird Deutschland seinen Wohlstand nicht sichern.“ Der Außenminister sagte: „Ein Land, in dem keine Hochspannungsleitungen, Straßen, Flughäfen oder Bahnhöfe mehr gebaut werden, verliert seinen Wohlstand.“ Der Innenminister wiederum aus dem erreichten Wohlstand einen Vorwurf ab: „Wenn tausende 13-jährige Schüler von ihren begüterten Eltern Krankschreibungen kriegen, um zu demonstrieren“, sagte de Maizière, „dann ist das ein Missbrauch des Demonstrationsrechts.“ Baden-Württembergs Justizminister sagte, „die Menschen sind in zunehmender Zahl sehr unduldsam und wohlstandsverwöhnt.“

Peter Selig-Eder, gebrandmarkter Fortschrittsfeind, meint: „Ich sage immer, uns geht‘s sehr gut.“ Er bildet an der Stuttgarter Universität Geoinformatiker aus. Und er blockiert gelegentlich die Zufahrten zur Bahnhofsbaustelle, wozu er viel Mut aufbringen muss, wie er sagt.

Am Donnerstag hat er sich in seinen Renault Megane gesetzt und ist ins Wendland gefahren. Die Hotels waren da schon längst ausgebucht, die Pensionen auch. Seine neuen Protestiererfreunde haben ihm dann ein Bett bei einer Pastorenwitwe vermittelt, drei Leute beherbergt die in diesen Tagen. Blockieren will Selig-Eder hier nicht. Warum er hergekommen ist, warum er das Stehen auf einem unbestellten vom Regen durchweichten Feld seinem jährlichen Segelurlaub vorzieht, darauf hat er keine Antwort. Er hat nur eine Vermutung.

„Ja, warum kommt das plötzlich hoch?“, sagt er, „wie kommt das?“ Er ist Techniker, ein Vergleich fällt ihm ein: Das sei vielleicht wie bei der Kernspaltung, um die es hier ja geht. Damit die funktioniert, braucht man immer eine Mindestmenge an spaltbarem Material, eine kritische Masse. „Dann läuft das, dann wird das ein Selbstläufer.“

Und dann braucht es natürlich noch eines Impulses. Selig-Eder hat spät mit dem Protestieren gegen den neuen Stuttgarter Bahnhof angefangen, vor ungefähr einem Jahr begann er, bei den dortigen Montagsdemonstrationen mitzulaufen. Seine Meinung zu zeigen, öffentlich. Er musste dann in diesem Sommer feststellen, dass man deshalb noch lange nicht gehört wird. „Der Nordflügel vom Bahnhof wurde abgerissen“, sagt er, Selig- Eder spürte Ohnmacht, „also nur dagegen demonstrieren, wir haben gemerkt, damit halten wir das nicht auf.“ Abends ging er heim und sah fern, die Nachrichten, das Ohnmachtsgefühl kam wieder, das Gefühl, dass vieles von dem, „was die da oben machen, nicht richtig begründet ist“, sagt er, „dass es den falschen Interessen dient“.

In einem wissenschaftlichen Symposium zur Atommüll-Endlagerung formulierte es ein Forscher vor zwei Jahren so: „In breiten Kreisen der Bevölkerung gibt es ein – man möchte fast sagen: von allen Seiten her sauer erworbenes – tief sitzendes Misstrauen gegen die etablierten politischen Prozeduren sowie gegen die für diese zuständigen Autoritäten und Entscheidungsträger. Dieses Misstrauen hat sich seit dem Beginn der Konflikte um die Asse, um Gorleben und um Schacht Konrad im politischen Generationenwechsel von Legislatur zu Legislatur tiefer in das soziale Gedächtnis eingegraben.“

Vor dem totalitären Charakter politischer Entscheidungen im „Atomstaat“ hat der Publizist Robert Jungk in seinem zum Klassiker gewordenen Buch bereits 1977 gewarnt. Aber das war eine intellektuelle Außenseitermeinung damals. Für die Wendländer ist es seit jenem Jahr bittere Realität. Ein handschriftlicher Aktenvermerk machte Gorleben auf Drängen des damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht zum bevorzugten Endlagerstandort.

Tief im Gedächtnis sitzt das Misstrauen der Wendländer, dass auch hier etwas nicht richtig begründet ist. Sie protestieren, sie werden zur Kenntnis genommen. Doch an ihrer Lage ändert das nichts. Sie bleiben unter sich, einmal im Jahr kommen mehrere Tausend andere Atomkraftgegner von weither angereist, was die Vorsitzende der örtlichen Bürgerinitiative auch diesmal wieder „glücklich macht“. Politprominenz aus Berlin ist da, Gregor Gysi von der Linken steuert einen Trecker, die Grünen halten vormittags eine Vorstandssitzung in einem Gasthof ab. Claudia Roth und Cem Özdemir tragen grellgrüne Kapuzensweater. Es gibt Schienen- und Straßenblockaden, die „Bäuerliche Notgemeinschaft“ verstopft mit Landfahrzeugen die Zugangswege zum Zwischenlager. Es ist das gewohnte Bild. Die Wendländer hätten keine Wahl, sagt eine Aktivistin, sie würden sich sowieso wehren. Sie wissen, dass auf den zwölften der dreizehnte Castor-Transport folgen wird, dass es mal zu mehr mal zu weniger Gewalt kommt. Doch scheint sich etwas geändert zu haben. Die Menschen werden aktiver.

Ein Mann und eine Frau zum Beispiel, beide ebenfalls alt genug, um in der Vergangenheit mehr unternommen haben zu können, als gegen die regelmäßigen Castor-Transporte nur zu protestieren, sitzen in einem Gasthof auf dem Boden. Es ist der Sonntag vorige Woche, und beide sind hier, um an einem so genannten Aktionstraining teilzunehmen. Sie hatten es nicht weit, sie stammen aus der Gegend und lernen jetzt, dass, wer Straßen blockieren will, nicht allein unterwegs sein sollte, sondern stets in einer „Bezugsgruppe“. Sie lassen sich Kommunikationsweisen erklären, die aus einer hundertköpfigen Menge ein strukturiert vorgehendes Wesen machen, mit Hierarchien und Gesprächsebenen und dem Leitgedanken, dass kein Einzelner etwas gegen seinen Willen tun soll.

Sie schauen auf eine Tafel, als dort der „Konsensfisch“ aufgemalt wird, ein abstraktes Sinnbild für Willensbildung in der Gruppe. Sie lernen auch, wie man sich von Polizisten von der Straße tragen lässt, ohne dass die zu sehr davon angestrengt oder gereizt werden könnten. „Blickkontakt, Freundlichkeit, sprechen Sie die immer an, und rennen Sie nie irgendwann los.“ Es ist eine seltsame Mischung aus Konsequenz und Weichheit, die hier gelehrt wird.

Und warum waren die beiden Wendländer nun hier, bei diesem Aktionstraining im Herbst 2010? Atombeschluss des Bundestages ein paar Tage zuvor, das Mutmachende der Dagegenbewegung von Stuttgart? Ja, auch, sagen sie. Das sind konkrete Gründe, aber die zählen gar nicht so viel. Was zählt, ist ein Gefühl, so ähnlich, wie Peter Selig-Eder es beschreibt. „Es reicht. Es ist an der Zeit.“

Wer diese Antwort öfter hören wollte, der musste am letzten Wochenende nur dahin gehen, wo die protestierenden Wendländer ohnehin immer sind. Zur so genannten Stuhlprobe am Dannenberger Verladebahnhof wo sonst am Sonntag nur Alte sitzen. Menschen, die sich nicht mehr auf kalte Asphaltstraßen setzen können. Sie bringen Stühle mit. Nun aber waren auch Dutzende Junge da, Premierenblockierer. Junge auch beim wöchentlichen Gebet an den drei Holzkreuzen im Wald bei der Gorlebener Endlagererkundungsstätte.

„Herr, erbarme dich“, singen sie, und dann schildern sie ihre Gedanken. „ich denke an diejenigen, die das Zeug aus der Erde holen, das bei uns ja nur abgefackelt werden soll. Also vor allem in Afrika, die keine Wahl haben.“

„Herr, erbarme dich.“

„Ich bitte ganz besonders darum, dass wir die Polizisten nicht als unsere Feinde sehen.“

„Herr, erbarme dich.“

„Ich denke an diejenigen, die vielleicht als Provokateure hierher geschickt werden, die jene Gewalt vielleicht erst provozieren, die wir verhindern wollen.“

Ansonsten ist es still in diesem Wald. Aber jeder hier spürt die Spannung, dass zwischen diesen Kiefern hier bald irgendetwas Lautes, Angstmachendes stattfinden wird.

Eine Woche später wird es schmutzig. Die Menschen, die zwischen den Bäumen ein Zeltlager errichtet haben, sind schlammverschmiert. Die Nacht bricht herein, der Castor-Zug ist da noch viele hundert Kilometer entfernt. Und in einem umfunktionierten Zirkuszelt beratschlagen die Angereisten nun, wie sie das Gleisbett „schottern“ und „Aktionsmaterial bauen“. Still wird es heute Nacht nicht im Wald.

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