Zeitung Heute : Kuba: Zigarre ständig im Mundwinkel

Daniela Spannagel

Jahrmarkt in Havanna. Nippes am Straßenrand, Heiligenfiguren und Kerzen in allen Farben und Formen. Die untergehende Sonne gibt den bunten Plastik- und Tonfiguren einen fast edlen Glanz. Bettler bitten mit quäkiger Stimme um ein paar Almosen und kleine Jungen ziehen wie selbstverständlich an Zigarren. Am Straßenrand sitzt ein Einbeiniger, an sein Fußgelenk ist ein Ziegelstein gebunden. Über die Straße kriechen und robben Menschen, die immer wieder ermattet liegen bleiben und nach Luft schnappen. Angehörige träufeln ihnen Wasser in den Mund. Unter ihnen müht sich auch Enrique.

Der nackte Oberkörper des 50-jährigen ist mager und völlig von Staub bedeckt. Sein dünnes dunkelblondes Haar verfilzt. Die ursprüngliche Farbe seiner Hose muss blau gewesen sein. Enrique Vico Hernandez sitzt, die Beine flach ausgestreckt, einen Arm hinter sich aufgestützt, auf der Straße. Erschöpft und dankbar nimmt er den Becher Wasser entgegen. Verschnaufpause. Um sein Fußgelenk ist ein Seil gebunden, an das Seil ein Basaltstein von der Größe eines Fußballes. Diesen 30 Kilo Koloss zieht er bereits mehr als drei Kilometer hinter sich her. Dabei bleibt das Bein mit dem Stein gestreckt. Seine Arme und das andere Bein winkelt er an und stößt sich mit aller Kraft ein Stück nach vorn, mit dem Rücken voran. Mit jedem Mal schiebt er sich 30 Zentimeter vorwärts. Ein dicker großer Mann in Latzhose fegt ihm mit einem Palmenwedel den Weg frei.

Um Enrique und die anderen Bodenlahmen drängeln Unmengen von steh- und gehtüchtigen Kubanern durch die Hauptstraße von Rincon. Die Verkaufsstände rechts und links der Straße bieten den Weitgereisten Erfrischungsgetränke und Brötchen mit Schinken. An manchen Ständen dreht sich ein frisch geschlachtetes Schwein über dem Feuer. Dazwischen Blumen in allen Farben. Salsa dröhnt laut und scheppernd aus den Lautsprechern.

Ob lahm, ob kriechend, oder ob zu Fuß - alle haben das gleiche Ziel: die Wallfahrtskirche von Rincon. 20 Kilometer von der Altstadt Havannas entfernt, ist sie am 17. Dezember, dem Tag des heiligen Lazarus, Anlaufstelle für eine Viertel Million Menschen. Der Ärmste der katholischen Heiligen zieht als Herr über die Krankheiten Gehandicapte, Kranke und ihre Angehörigen aus ganz Kuba in seinen Bann. Die Kranken erhoffen sich Heilung oder kommen, ihre gegebenen Versprechen einzulösen.

Seit 23 Jahren nun ist Enrique in der Pflicht des Heiligen. Jahr für Jahr bringt er sein Opfer. Es fehlen ihm noch zwei Jahre, dann hat er sein Versprechen vollständig eingelöst. Denn als er 20 Jahre alt war, erkrankte der bis dahin sportliche junge Mann an Kinderlähmung. Er konnte nicht mehr gehen, nicht mal mehr seine Finger bewegen, so schildert er seine Behinderung. Da hat er als letzte Rettung den heiligen San Lazarus "angerufen" und ihn um Heilung gebeten. Dafür hat er ihm ein Versprechen gegeben: Wenn er ihn wieder gesund mache, wolle er sich 25 Jahre lang am 17. Dezember mit einem jedes Jahr schwerer werdenden Stein zur Kirche von Rincon schleppen. Vier Kilometer lang ist die Strecke, die er den Stein hinter sich herzieht. Ungefähr 12 Stunden braucht er dafür.

Auf den Knien

Ana und ihre Familie sind die 20 Kilometer vom Zentrum Havannas aus zu Fuß gegangen: Sie barfuß, ihre Zwillingstöchter Laura und Alicia auf Strümpfen. Die letzten 500 Meter bis zur Kirche schürft die hübsche Mulattin mit den Knien über den Asphalt, die Zigarre nimmt sie dabei nicht aus dem Mund. Rechts und links neben ihr trappeln die beiden vierjährigen Mädchen. Ab und zu bleiben sie stehen, damit ihre Tante ihnen die kleinen Steine entfernt, die an ihren Strümpfen festkleben und sich in die Fußsohlen drücken.

Beide Mädchen sind mit Asthma zur Welt gekommen und mussten die ersten Lebensjahre um ihr Leben ringen. Mutter Ana hat dem heiligen Lazarus versprochen, fünf Mal mit ihnen zur Kirche zu pilgern, auf Knien zu rutschen, und 200 Pesos (umgerechnet 10 Dollar) zu spenden, wenn der Herr die Mädchen nur von ihrer Krankheit erlöse. So robbt sie Stufe für Stufe zur Kirche hinauf. Die dicht gedrängte Menge bildet einen Korridor. Die Tante fegt mit dem Palmenwedel.

Jedes Jahr im Dezember verwandelt sich der Wallfahrtsort in eine Stätte tiefer religiöser Überzeugungen. Aber eben karibisch religiöser, in denen sich im Laufe der Jahrhunderte der katholische Glauben der spanischen Eroberer mit den heidnischen Riten der schwarzen Sklaven aus Afrika vermischt hat. Die Schwarzen haben ihre Götter heimlich hinter den Heiligen des Katholizismus verborgen, weil ihnen der Heidenkult verboten war. Aus der Not geboren, ist der afrikanische und der katholische Glaube in Kuba eine Verbindung eingegangen: Die Santería - die Heiligenverehrung.

Auch die katholischen Prediger nehmen an dem bizarren Schauspiel teil und veranstalten den Gottesdienst auf kubanisch gelöste Weise: "Wir feiern ein Fest mit Jesus" ist die Losung in diesem Jahr und schallt ununterbrochen durch die Kirche. Zusätzlich werfen sie die Frage in den Raum: "Wer ist der Freund des Heiligen Lazarus?" Und finden gleich selbst die Antwort: "Jesus ist der Freund des Heiligen Lazarus."

San Lazaro heißt afrikanisch Babalú Ayé und er liebt wie die meisten afrikanischen Heiligen und Gottheiten vor allem die Zigarre. So ist trotz ständiger Ermahnungen der Priester nicht zu rauchen, die Kirche völlig vernebelt, denn die Kranken folgen dem Beispiel Babalu Ayes, der auch immer mit einer Zigarre im Mundwinkel dargestellt ist. Ebenso Ana. Sie richtet sich vor dem Opferaltar wieder auf, grinst erleichtert, zieht an ihrer Zigarre und verlässt stehenden Fußes die Kirche. Laura und Alicia trippeln neben ihr. Als sie die Stufen hinuntergeht, kommt ihr Enrique entgegen. Seine Kraft reicht kaum mehr zum Gruß. Sie sind Nachbarn in Centro Havana.

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