Zeitung Heute : Kühe in Halbtrauer

IT-Scouts in den Familien, sture Bauern: Wie schwierig es ist, wenn ein ganzes Dorf dauerhaft online gehen soll

Jutta Heess

Rötsweiler-Nockenthal, Niederbrombach, Oberbrombach, Elchweiler – wo Dörfer so heißen, da könnte man am Ende der Welt angekommen sein. Aber wenigstens die Sonne scheint im tiefsten Hunsrück und macht darauf aufmerksam, dass der Wald sein Indian-Summer-Gewand angelegt hat. Das ist den beiden Kühen, die auf einer Weide mit ihren Schwänzen die Zeit totschlagen, offensichtlich ziemlich egal. Doch trotz aller Idylle und Abgeschiedenheit – nicht weit von hier hat die Zukunft bereits Einzug gehalten. Und gleich ein ganzes Örtchen in ihre Obhut genommen. Denn im Hunsrück befindet sich das wahre globale Dorf. Oberhambach heißt es. Es ist durch und durch vernetzt.

Am 6. Dezember 2000 fing alles an. Am Nikolaustag wurden die 380 Einwohner mit Computern, Modems, Kabeln und ISDN-Anschlüssen versorgt. So gut wie alles, was notwendig ist im Informationszeitalter, wurde nach Oberhambach gebracht. Kurz darauf waren alle 100 Haushalte bestens ausgerüstet und onlinefähig. Verbandsbürgermeister Manfred Dreier erklärt in seinem Büro im Rathaus in Birkenfeld, dem benachbarten Städtchen, wie es zu dieser Technik-Offensive kam: „Wir haben mit der Idee, ein komplettes Dorf in einer ländlich strukturierten Region den Zugang zum Internet zu ermöglichen, den Multimedia-Wettbewerb Rheinland-Pfalz gewonnen.“ Schlechte Verkehrsanbindungen, wenige Einkaufs- und Informationsmöglichkeiten besonders für ältere Menschen, die nicht mehr mobil sind, kaum Freizeit-Angebote für junge Menschen – man wollte prüfen, ob sich solche Nachteile durch den Gebrauch des Internet aufheben lassen. Mit 300 000 Mark Preisgeld und der Unterstützung von Sponsoren wurde das Konzept umgesetzt.

So wurde Oberhambach zur Computer-Hauptstadt Deutschlands. Ausgerechnet dort, wo es zuvor mehr Traktoren als PCs gab, wo kein Bäcker und kein Metzger die Menschen versorgt, wo einmal wöchentlich ein Sparkassen-Bus den Einwohnern das nötige Bargeld bringt, entstand plötzlich eine IT-Hochburg. Zumindest für die Zeit von anderthalb Jahren. So lange sollte das Pilotprojekt dauern. Gleichzeitig wurde in Kooperation mit Einzelhändlern aus der Umgebung ein virtueller Marktplatz eingerichtet, auf dem die Einwohner via Internet Lebensmittel bestellen konnten.

Manfred Dreier, der zur Umsetzung des Online-Dorfes den Verein „Birkenfeld inform“ gegründet hatte, schickte IT-Scouts in die Familien. Sie sollten die User wider Willen von den Vorteilen des Computers überzeugen. „Irgendwann hat selbst der sturste Bauer erkannt, dass es ganz praktisch ist, wenn er seine Kälber über das Internet bei der zuständigen Stelle in München anmelden kann", sagt Dreier. Nach und nach hätte auch der E-Mail-Verkehr von einem Ende des Dorfes zum anderen zugenommen. „Die Leute haben Brötchen und Haarshampoo per Mausklick geordert.“

Heute ist der virtuelle Marktplatz verwaist. Nur noch im Schnitt fünf Einwohner lassen sich regelmäßig über den Internetdienst beliefern. „Besonders Nahrungsmittel werden weniger nachfragt“, sagt Dreier. Wer ein Brot oder einen Salat kauft, der wolle das Produkt eben riechen und betasten. Also fahren die meisten wieder in den 10 Kilometer entfernten Supermarkt. Manfred Dreier zieht dennoch eine positive Bilanz aus dem Projekt, das mittlerweile abgelaufen ist. Im Februar wurden die Oberhambacher gefragt, ob sie den umsonst zur Verfügung gestellten PC für 400 Euro übernehmen möchten. „Vier Computer wurden zurückgegeben“, sagt Dreier. „Aber die Technik- und Medienkompetenz wurde im Laufe der Zeit verbessert. Wir haben die Menschen etwas näher an die Welt gebracht.“ Kühe und Kälber auch, auch wenn es den Tieren egal sein dürfte, ob sie online angemeldet werden oder nicht.

Für Ende diesen Jahres erwartet der Bürgermeister die Fertigstellung einer Studie über das Online-Örtchen. Gemeinsam mit der Fachhochschule Birkenfeld hat sein Verein drei Befragungswellen durchgeführt – unter anderem über das Nutzungsverhalten sowie die Bedienerfreundlichkeit der Rechner und der Programme. Aber auch über die Qualität der angelieferten Ware: „Von 100 neuen Computern waren 20 defekt.“

Schluss mit digital ist in Oberhambach noch lange nicht. „Wir arbeiten an einer Internetplattform, in der Informationen über die Region und typische Produkte angeboten werden.“ Edelsteine aus Idar-Oberstein. Hunsrücker Spießbraten. Birkenfelder Kartoffelwurst. Und das, obwohl Dreier festgestellt hat, dass Lebensmittel im Internet schnell zu Ladenhütern werden? „Ja, bei Spezialitäten funktioniert das.“ Ein halbes Jahr dauert es noch, bis der Hunsrück-Online-Shop ins Netz geht. Dann werden die Spießbraten auf die Reise geschickt, als Botschafter für Birkenfeld sozusagen. Ob wohl einer von Oberhambach aus bestellt wird?

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