Zeitung Heute : Kühle Schärfe, fruchtige Eleganz

Unsere Probierrunde kostete Minz- und Verveine-Tees aus dem Berliner Handel

Unscheinbarer Inhalt: Kräutertee kommt in wertvoller Verpackung erst so richtig zur Geltung. Foto: Mike Wolff
Unscheinbarer Inhalt: Kräutertee kommt in wertvoller Verpackung erst so richtig zur Geltung. Foto: Mike Wolff

Vielleicht sollte man sich als Erstes darüber klar werden, dass nicht nur die Temperatur heißes von kaltem Wasser unterscheidet. Auch in geschmacklicher Hinsicht besteht ein gar nicht so unbedeutender Unterschied: Gekocht treten Salze und Säure nach vorne und ein Gefühl von Fülle tritt an die Stelle des Strahls, den der Durstige mit Wasser frisch aus dem Hahn assoziiert. Aromatisiert mit Tee wären die Voraussetzungen geschaffen für ein Panorama von Geschmackseindrücken, das weit über das Durstlöschen hinausgeht. Noch geeigneter als die fermentierten Blätter vom Teestrauch kann das getrocknete Grün von diversen Kräutern das Wasser selbst zum Thema machen. Denn zum Beispiel Minze, deren Varietäten einander bis zur Verwechslung ähneln, und Eisenkraut beziehungsweise Verbena sind nicht einmal annähernd so überdeckend wie etwa grüner oder weißer Tee. Und schon gar nicht treten sie einem frontal gegenüber. Das ist allein des Kaffees Sache. Dessen starke Röstnoten degradieren das Wasser zum Träger.

Die monatliche Testrunde versammelte sich diese Woche in einem der schönsten Cafés der Stadt, um Infusionen von getrockneter Minze und Verbena zu prüfen. Das „Fleury“ am Weinbergspark wurde vor fünf Jahren von der Straßburgerin Betty Armbruster-Haag gegründet und dürfte heute allein schon wegen der süßen Tartes, des Elsässischen Wurstsalats und des Croque Monsieur nahezu unschlagbar sein.

Unschlagbar? Als leicht zu bezwingen erwiesen sich die grasige Apfelminze von „Reines Kraut“ aus dem Biomarkt sowie die Pfefferminze (Deutsche Minze) von „CDS Tee“, die auf dem Winterfeldtmarkt gekauft wurde. Wiewohl aus gekrümmten Blättern bestehend – und nichts anderes kommt ja für Connaisseure in Frage –, erinnerte ihr Aufguss an die staubige Art von Beutelware. CDS Tee bot immerhin den botanisch interessanten Wink, dass Blätter nicht einfach vom Himmel fallen. Der Anteil von mindestens streichholzlangen Ästen stempelt ihn quasi zum Barrique, zumal ein Anflug von Harz mit dem Gaumen Verstecken spielt. Demgegenüber blieben die Nanaminze von „Living. Miriam Eva Kebe“, den Lindenberg führt, sowie das vergleichbare Produkt vom „Berliner Teesalon“ gleichsam unbeschriebene Blätter. Beide erwiesen sich als relativ undifferenzierte Kräutertees, denen das Leuchten der Minze bloß bedingt zukam.

„Lebensbaum Pfefferminze“, den fast jeder Bioladen führt, war am Ende ein souveräner Sieger. In der Tasse erwies sich der grüne Trunk als unaufdringlich, ja sogar zart und trotzdem sehr präsent. Besonders hervorstechend war, wie genau er den belebenden Aspekt der Pfefferminze transportiert und zudem jenen Glanz versprüht, der auch den frischen Blättern zu eigen ist. Die Hitze des Brühwassers und die Kühle des Menthols bilden hier einen ausformulierten Reiz, der auch von seiner Paradoxie lebt.

Ganz anders „Seasons Tea Pure Mint“ (KaDeWe und Lindenberg), der zweite Sieger. Heu, Strohblumen, ein bisschen Süßholz, ja sogar ein Anflug von Zitronenmelisse bilden sozusagen das Bukett von einer Gebirgswiese, auf der die Nana-Minze besonders gut gedeiht. Erst im Abgang eines eher warmen als heißen Tees kommt das Menthol richtig zur Geltung. Die ätherischen Öle aus dem trockenen Blatt werden bei der ursprünglich aus Marokko stammenden Sorte Nana stets eingerahmt von wuchtigen Röstnoten. Deshalb dürfte Seasons vor allem eine Sache für Kaffeetrinker, Raucher und Tankwarte sein, während die spitze Nase von Lebensbaum selbst Leute ansprechen kann, die den kleinen Finger von der Darjeelingtasse abspreizen.

In Frankreich gehört Verbena ganz selbstverständlich in den Abspann des Menüs, selbst in den feinsten Häusern. Allein als dessen Nachwort – oder um es sehr deutsch auszudrücken: „Mahlzeitschlussgetränk“ – sollte man gebrühtes Eisenkraut nicht verstehen. Schließlich handelt es sich um eine Pflanze, deren Blätter einerseits auf naturwüchsige Art in sich eine ganze Kräutermischung vereinen und auf der anderen Seite klar und prägnant in der Tasse hervortreten. Die Verwandtschaft mit der Minze ist unverkennbar, wenngleich die kühle Schärfe der Minze hier in Eleganz überführt ist.

Beim Probanden von CDS Tee schien bereits nach einer Ziehzeit von gerade einmal fünf Minuten das Zitronenmelissige überbetont und von deutlich zu herben Tönen eingerahmt. Nach zwei weiteren Minuten wirkte der Aufguss schon ein bisschen ordinär. Barrieren, die den Anmarsch des Aromas aufhielten, kennzeichneten auch die Zitronenverbene von Reines Kraut. Die mit zarteren Tönen aufwartende Verbene des Berliner Teesalons ließ trotzdem die typisch feine Säure vermissen. Nicht zuletzt ihr bitterer Abgang stempelt sie fast zum Muckefuck des Genres. Miriam Eva Kebes Verveine roch nach Heuhaufen und schmeckte auch so.

Nach diesen Kräuterzigaretten war Betty Armbruster-Haag froh, mit „Le Dauphin Verveine feuille“ von Maître Philippe einen veritablen Herausforderer begrüßen zu dürfen. Endlich waren ein voller Körper, sanfte Säure, zurückhaltende Bitternoten, Untertöne von Gras und eine versteckte Süße in einer Tasse versammelt.

Im Abgang gesellte sich dazu ein rauchiges Aroma, welches das ohnehin schon beeindruckende Spektrum vervollkommnete. Deutlich übertroffen wurde Le Dauphin von „Infusion de verveine“ aus den Galeries Lafayette. Hier gesellten sich zum eben genannten Fächer noch blumige Düfte, die an Jasmin und Veilchen erinnern, sowie ein Anflug von Szechuan-Pfeffer.

Dieser großartige Extrakt beschäftigt die ganze Zunge wie ein guter Sencha- Tee: Deren Spitze spürt eine gedämpfte Hitze, an den Rändern entwickelt sich Biss, in der Mitte versammeln sich die einzelnen Aspekte in seltener Harmonie und am Ende der Zunge erst bündeln sich die Gerbstoffe. Plötzlich fühlt man sich in einen Menschen verwandelt, der auf ein friedvolles Leben zurückblickt und nun weiß, dass auf jeden Abend ein Sonnenaufgang folgt.

Berliner Teesalon, Mitte, Invalidenstr. 160

Lindenberg, Charlottenburg, Morsestr. 2, Prenzlauer Berg, Hermann-Blankenstein-Straße 48

Maître Philippe, Wilmersdorf, Emser Str. 42

Gastgeber: Café Épicerie Fleury, Weinbergsweg 20, Tel. 44034144.

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