Zeitung Heute : Künstler der Verwandlung

Wissenschaftlicher Erfolg oder unmoralische Anmaßung – das Klonen embryonaler Zellen bleibt umstritten

Hartmut Wewetzer

Erstmals ist es gelungen, Stammzellen unheilbar Kranker zu klonen – ein Schritt, den Wissenschaftler als „spektakulären Durchbruch“ feiern. Was macht die medizinisch-therapeutische und die ethische Bedeutung dieses Versuchserfolges aus?

Nur wenige Forscher hätten vor kurzem für möglich gehalten, was dem koreanischen Tierarzt Woo Suk Hwang von der National-Universität in Seoul und seinem Team nun gelang. Der Wissenschaftler erzeugte erstmals geklonte embryonale Stammzellen von elf Patienten im Alter zwischen zwei und 56 Jahren – mit einer bisher nicht gekannten Erfolgsquote.

Bereits vor einem Jahr hatte Hwang im Fachblatt „Science“ berichtet, zum ersten Mal aus einem geklonten menschlichen Embryo Stammzellen gewonnen zu haben. Allerdings benötigte Hwang damals 248 menschliche Eizellen für eine einzige Stammzell-Linie. Bei der jetzigen Versuchsserie waren es weniger als 20 Eier pro gelungenem Versuch. Damit ist das Argument mangelnder Effizienz hinfällig, das bisher gegen das Klonen von Stammzellen eingewandt wurde.

Dementsprechend euphorisch fielen die Reaktionen führender Stammzellforscher aus. „Spektakulär“ sei Hwangs Arbeit, lobte George Daley von der Harvard-Universität. „Ein Durchbruch, den ich in Jahrzehnten nicht für möglich gehalten hätte“, jubelte Gerald Schatten von der Universität von Pittsburgh.

Schatten hatte den Koreanern zuvor bei ihren Versuchen über die Schulter gesehen. Das durfte er, weil er den Wissenschaftlern beim Übersetzen ihrer Studie ins Englische half. Holprige Fremdsprachenkenntnisse dürften aber so ziemlich die einzige Schwachstelle von Hwang und seinen Mitarbeitern sein. „Diese Forscher arbeiten 365 Tage im Jahr“, verriet Schatten der „New York Times“, „mit Ausnahme eines Schaltjahres. Dann arbeiten sie 366 Tage.“

Auch der schottische Klon-Pionier Ian Wilmut, der vor neun Jahren das Schaf „Dolly“ aus dem genetischen Material einer Euterzelle erzeugt hatte, holte sich schon Rat in Seoul. Hwang soll ihm nun in seinem Labor im Roslin-Institut in Edinburgh beim Herstellen menschlicher Klon-Embryonen helfen. Der Lehrer ist zum Schüler geworden.

Hwangs Erfolg verdankt sich subtilen technischen Verbesserungen. So benutzt er keine Saugnadel, um die Eizelle zu entkernen. Stattdessen wird der Zellkern über einen kleinen Riss in der Eihaut vorsichtig herausgedrückt. Dann wird durch den gleichen mikroskopischen Spalt der Zellkern und mit ihm das Erbgut der Spenderzelle in das Ei eingeschleust und mit dieser durch einen Stromstoß verschmolzen. Nicht minder wichtig war wohl die Tatsache, dass den Koreanern „frisch geerntete“ Eizellen junger Spenderinnen zur Verfügung standen.

Für die Medizin könnten die geklonten embryonalen Stammzellen auf zweierlei Weise interessant sein. Zum einen, weil sich aus den Zellen eine Vielzahl menschlicher Gewebearten züchten lassen, die erkrankte oder zerstörte Zellen ersetzen könnten, zum Beispiel bei der Schüttellähmung (Parkinson), der Zuckerkrankheit (Diabetes) oder bei Lähmungen wegen Rückenmarksverletzungen.

Da die geklonten Zellen die gleiche Erbinformation wie die des Patienten enthalten, ist eine Abstoßungsreaktion nicht zu erwarten. Ob und wann eine solche Stammzelltherapie erfolgreich sein wird, lässt sich nicht abschätzen. Die raschen Fortschritte der Koreaner laden zu Spekulationen ein. Dennoch: Bis zum ersten geheilten Patienten ist es noch weit.

Jedoch können die Stammzellen der Patienten zum anderen auch dazu dienen, die genetischen Wurzeln ihrer Krankheiten zu untersuchen oder Therapien im Reagenzglas zu erproben.

Die koreanischen Wissenschaftler wie auch alle anderen seriösen Stammzellforscher betonen stets, dass sie keine Menschen klonen wollen, sondern nur medizinische Zwecke verfolgen. Trotzdem haben die jüngsten Erfolge auch die bioethische Kontroverse um das Klonen belebt.

Das gilt nicht zuletzt für die USA und Großbritannien, wo am Donnerstag eine Wissenschaftlergruppe um Miodrag Stojkovic von der Uni Newcastle bekannt gab, ebenfalls menschliche Embryonen im Frühstadium geklont zu haben – eine europäische Premiere. Allerdings gelang es Stojkovic nicht, aus ihnen Stammzellen zu gewinnen. Mit dieser Forschung werde das Leben „trivialisiert“, kritisierten britische Lebensschützer. „Man kann darüber rechten, ob der geklonte Embryo eine Person ist, aber man kann nicht darüber hinwegsehen, dass er lebt und menschlich ist“, sagte der Neurowissenschaftler Neil Scolding von der Universität Bristol. Dagegen bezeichnete der US-Forscher Schatten die Klonforschung als „moralische Verpflichtung“.

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