KÜNSTLERFILM„Schmetterling und Taucherglocke“ : Aus tiefster Tiefe

Christina Tilmann

So eingeschränkt ist die Sicht: eingefroren der Blickwinkel, halbschräg von unten, und dann ragt noch ein dicker Brillenrand ins Bild. Bewegen sich die Gesprächspartner zu sehr, laufen sie etwa unruhig auf und ab wie die nervöse Ex-Ehefrau Céline (Emmanuelle Seigner), sind sie, schwupps, aus dem Blickfeld. Und ihre Stimmen kommen nur noch aus dem Off. Jean-Dominique Bauby, Chefredakteur der französischen „Elle“, ist nach einem Schlaganfall mit Anfang 40 komplett gelähmt, kann – bei vollem Bewusstsein – nicht mehr sprechen, nur noch ein Auge bewegen. Ein Auge, welches die Welt als Mini-Ausschnitt wahrnimmt. Bis Bauby auf die Idee kommt, sein inneres Auge zu öffnen.

Julian Schnabel, der Maler-Regisseur, hat die Memoiren verfilmt, die Bauby (bravourös: Mathieu Amalric) diktierte, indem er Buchstabe für Buchstabe an der richtigen Stelle bestätigend blinzelt, wenn seine Lektorin (Anne Consigny) das Alphabet aufsagt. Eine Mammut-Fleißarbeit – das Buch „Schmetterling und Taucherglocke“, das 1997 erschien, wurde zum Bestseller. Und der Film, gedreht an Originalschauplätzen, mit einer beeindruckenden Riege schöner französischer Schauspielerinnen, gewann in Cannes den Preis für die beste Regie sowie den Golden Globe für die beste Regie und den besten fremdsprachigen Film.

Die Sprache ist nur eine Säule von Julian Schnabels außergewöhnlichem Film. Sicher, man hört Baubys Stimme, seine Gedanken, aus dem Off, lange bevor man seine Gestalt nach 40 Minuten dann auch zu sehen bekommt. Die lakonischen Reflexionen des Gelähmten über seine Situation und die Reaktionen der Umwelt tragen den Film souverän auf einem humorvoll-coolen Bewusstseinsstrom. Doch die wirkliche Sensation sind die Bilder: die inneren Bilder eines wahrnehmungsbeschränkten Mannes, der nach anfänglicher Verzweiflung begreift, dass gerade seine Unbeweglichkeit der Fantasie Flügel verleiht. Lange hat man im Kino nicht mehr solche Visionen gesehen (Kamera: Janusz Kaminski). Plötzlich ist alles möglich: Eisberge, die ins Wasser stürzen und sich wieder aus ihm erheben, ein Taucher, der im tiefsten Meeresgrund schwebt – der Maler Schnabel hat dem Dichter Bauby seine optische Imaginationskraft geliehen, als zärtliche und ehrfurchtsvolle Hommage. Bildmächtiges Meisterwerk. Christina Tilmann

„Schmetterling und Taucherglocke“, F/USA 2007, 112 Min., R: Julian Schnabel, D: Mathieu Amalric, Emmanuelle Seigner, Anne Consigny

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