Zeitung Heute : Künstlich oder körpereigen

Neue Ansätze bei Lungeninfektionen und Sepsis

Christiane Löll

Experten sprechen inzwischen schon vom „post-antibiotischen Zeitalter“, weil Bakterien immer wieder Wege finden, die Wirkung von Antibiotika zu unterlaufen. Es setzt sich mehr und mehr die Erkenntnis durch, dass die Menschheit nur mit völlig neuen Wirkstoffklassen und einem besseren Verständnis der körpereigenen Immunabwehr den Kampf gegen die Mikroben führen kann. Forscher beschäftigen sich beispielsweise im Zusammenhang mit Lungenentzündungen und Blutvergiftungen mit diesen Ansätzen.

„Die Bakterien sind einfach schneller als wir in ihrer Entwicklung, da kommen wir mit neuen Antibiotika nicht hinterher“, sagt Stefan Hippenstiel, Professor an der Berliner Charité. In dem Sonderforschungsbereich SFB-TR84 der Deutschen Forschungsgemeinschaft befassen sich die Wissenschaftler daher mit den angeborenen Abwehrmechanismen der Lunge, und untersuchen zum Beispiel die Abwehr gegen Pneumokokken, dem häufigsten Erreger einer Lungenentzündung. Infektionen mit diesen Bakterien handeln sich die Patienten eher außerhalb von Krankenhäusern ein.

„Die Lunge ist jeden Tag zahlreichen Keimen ausgesetzt – die Frage ist doch, warum plötzlich eine Lungenentzündung auftritt, die manche Patienten gut verkraften, während sie andere mit dem Tod bedroht“, sagt Hippenstiel. Studien an Zwillingen in den USA hätten gezeigt, dass die Gene eine entscheidende Rolle dabei spielen, ob jemand an einer Infektion verstirbt oder nicht. In einem vom Bundesforschungsministerium geförderten Netzwerk (Progress) sollen Biomarker und Gene gefunden werden, die das Überleben einer Lungenentzündung mit bestimmen. Vielleicht ergeben sich daraus neue Therapieansätze, auch im Sinne einer individualisierten Medizin.

Doch immer wieder kommt es zu schweren Verläufen bei Krankheiten der Lunge. Sind zum Beispiel die Abwehrmechanismen der Lunge nicht intakt, und werden beispielsweise während einer Entzündung die Wände der Lungenbläschen oder Gefäße beschädigt, so können die Keime ins Blut gelangen. Körpereigene Stoffe, die zur Abwehr herbeigerufen werden, befeuern eine Entzündungsreaktion, die im ungünstigen Fall eine so schwere Reaktion hervorruft, bei der Flüssigkeit aus dem Blut in Gewebe wie die Lunge wandert. Eine Sepsis ist voll im Gang, es kann zum Schock kommen. Mediziner haben bislang wenige Chancen, solch einen dramatischen Verlauf zu stoppen.

Auf der Suche nach neuen Wirkstoffen setzen Forscher unter anderem auf so genannte Antimikrobielle Peptide, kurz AMP genannt. Die Charité-Forscher stießen beispielsweise auf das körpereigene Eiweiß Adrenomedullin. Dieses wirke sich positiv auf die Schutzfunktion der Lunge aus, und könnte künftig einmal hergestellt werden, um Patienten mit akutem Lungenversagen zu helfen. Weiterer möglicher Kandidat für einen guten Schutz ist das in der Lunge gebildete Cathelicidin, an dem Hippenstiel und Kollegen gerade forschen.

Andere Wissenschaftler befassen sich mit der künstlichen Herstellung von AMP, etwa Klaus Brandenburg, Professor am Forschungszentrum Borstel. Diese Peptide sollen Bakterien und ihre Toxine aus Bakterienwänden ausschalten, die zu einer Sepsis beitragen, so genannte Lipopolysaccharide (LPS). LPS sind in etwa der Hälfte aller Sepsisfälle für die ausufernde Entzündungsreaktion verantwortlich, weil die meisten gängigen Antiobiotika zwar die Bakterien inaktivieren können, aber nicht in der Lage sind, freies LPS zu neutralisieren.

Derzeit treibt Brandenburg mit seinen Forschungspartnern Geld ein, um eine präklinische Studie damit durchzuführen – also zunächst bei Tieren. Auch das BMBF hat Geld zur Verfügung gestellt. Ob klinische Studien am Menschen folgen können, wird sich dann zeigen – je nach Erfolg und Sicherheit dieser Methode. Aber wie bei allen an Mäusen oder anderen Tieren getesteten Verfahren gilt: Was dort funktioniert, muss noch lange nicht beim Menschen zum gewünschten Erfolg führen. Christiane Löll

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