• Künstliche Intelligenz: "Der Spielraum für die Menschen wird immer enger" - Der Roboterforscher Helge Ritter fürchtet sich trotzdem nicht

Zeitung Heute : Künstliche Intelligenz: "Der Spielraum für die Menschen wird immer enger" - Der Roboterforscher Helge Ritter fürchtet sich trotzdem nicht

Herr Ritter[muss ein zweibeiniger Roboter intelli]

Helge Ritter ist Professor für Neuroinformatik der Universität Bielefeld. Seit 1983 beschäftigt er sich mit neuronalen Netzen und Robotersteuerung.



Herr Ritter, muss ein zweibeiniger Roboter intelligent sein, wenn er auf dem Mars Steine einsammeln soll?

In einen solchen Roboter wäre eine ganze Menge Intelligenz einzubauen. Er muss sich in der Umgebung umschauen, um nicht gegen Hindernisse zu stoßen, und sich gleichzeitig auf die eigentliche Aufgabe konzentrieren: Welcher Stein ist geeignet, welcher Stein ist schwer, welcher nicht. Wenn er sich bückt, darf er nicht umfallen. Er muss entscheiden, von welcher Seite er sich dem Stein mit den Händen nähert, ob er eine oder beide Hände nimmt. Das ist eine lange, keineswegs vollständige Liste von Einzelaufgaben. Deren Lösung so zu koordinieren, dass es gut geht, ist ungeheuer schwierig.

Und dabei geht es doch erst einmal nur um Bewegung.

Die Evolution hat die meiste Zeit dafür gebraucht, das im Grunde immense Bewegungsgeschick von Mensch und Tier hinzubekommen. Die Entwicklung der menschlichen Kultur zum Beispiel ging dann vergleichsweise blitzartig vonstatten.

Wenn man sich den Honda-Roboter anschaut, kann man doch kaum glauben , Roboter könnten die Menschheit in der nächsten Zeit an Fähigkeiten übertreffen.

Vor mechanischen Robotern brauchen wir uns noch lange nicht zu fürchten. Aber man macht oft den Fehler, den Blickkegel auf den falschen Bereich zu konzentrieren.

Wo gibt es die schnellsten Fortschritte?

Am spannendsten ist die Entwicklung bei den virtuellen Robotern. Denn da kann man sich ganz auf die künstliche Intelligenz konzentrieren. Daher werden wir beispielsweise im Internet eine rasche Entwicklung immer intelligenterer Roboter, die uns nur noch mit ihrem Bild gegenübertreten, erleben. Wir machen uns in vielen Bereichen nicht nur abhängig von hochgradig entwickelter Technik, sondern auch von hochgradig optimierten Abläufen. Das ist wie bei einem Auto, das immer schneller fährt - letztlich muss dann alles automatisiert werden.

Und das birgt die größten Gefahren?

Die Beschleunigung auf allen Ebenen kann dazu führen, dass der Entscheidungsspielraum für die Menschen immer enger wird. Aber dabei stößt man auf keinen Super-Roboter, der alles beherrscht, sondern wir schärfen eine Systemeigenschaft und stehen schließlich selbst in einem ganz engen Korsett, das seine Eigendynamik hat.

Was wäre dagegen zu tun?

Wir sollten uns nicht allein von Geschwindigkeit faszinieren lassen. Und bei der Berücksichtigung anderer Aspekte, etwa des wichtigen Faktors Mensch, sind nicht nur wir Informatiker gefragt, die wir möglicherweise einen eingeschränkten Blickwinkel haben, sondern auch Soziologen, Historiker oder Politiker.

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