Zeitung Heute : Künstliche Intelligenz: Deutsche, keine Panik! (Gastkommentar)

Jacob Heilbrunn

Hatte der Unabomber Recht? So könnte man die Diskussion in Deutschland beschreiben, die Bill Joys Attacke in der "Frankfurter Allgemeinen" gegen die Technologien des 21. Jahrhunderts ausgelöst hat. Auf Joys Aufsatz folgten in den USA ein paar Kolumnen und viel Schulterzucken - in Deutschland hingegen scheint Joy einen Nerv getroffen zu haben. Ja, die Deutschen scheinen beweisen zu wollen, dass sie immer noch richtige Nerven besitzen und keine Automaten geworden sind - anders als die Amerikaner, die einfach alles hinnehmen, was von oben oktroyiert wird.

Die deutsche Reaktion neigt zur Panik. Und das bestätigt geradezu Joys These, dass die Menschen schwach sind und daher von Robotern ersetzt werden, die kraftvoller, klüger und schneller sind als wir. Rotten Computer, wie die "Bild"-Zeitung zartfühlend schrieb, die Menschen aus? Ausrottung ist ein Wort, das den Deutschen aus ihrer Geschichte nicht ganz unbekannt ist. Rührt die Aufregung daher? Die Deutschen haben ja oft Angst gehabt, dass sie selbst als Volk von Erdboden verschwinden werden.

Wahrscheinlich muss auf dieser Folie alles, was etwas mit Genen oder künstlicher Intelligenz zu hat, Wirbel und Aufruhr verursachen. Außerdem hat die deutsche Gesellschaft eine gewisse Routine darin entwickelt, sich alle zwei Monate über etwas aufzuregen. Zudem ist der Gedanke, dass wir nicht Übermenschen, sondern Untermenschen sind, auch nicht gerade beruhigend. Wenn das, was Joy prognostiziert hat, Wirklichkeit werden sollte, dann werden wir zu Objekten des Naturschutzes, zu Wesen, die von den Robotern bestenfalls noch toleriert werden. Das Äußerste, auf das wir dann hoffen dürften, wäre jene Existenzform, die Thomas Mann in "Herr und Hund" beschrieb. Und wir wären nicht der Herr, sondern der Hund, der in seiner Hütte schläft und gewohnt ist, von einem zweisilbigen Pfiff geweckt zu werden. Nicht wir werden die Züchter sein, im Gegenteil: Wir werden früher oder später gezüchtet.

So unangenehm dieser Gedanke ist, er wurde vor kurzem von einem deutschen Philosoph, Peter Sloterdijk, sogar beinah gelobt. Da gab es natürlich wieder großen Aufruhr. Sloterdijk versuchte Heideggers "Brief über den Humanismus" zu beantworten. Man erfuhr, dass es Zeit wäre, die Menschen zu züchten und eine neue Herrenrasse zu entwickeln - oder so ähnlich. Die Aufregung war groß, allerdings kam wenig dabei heraus. Klar war am Ende eigentlich nur eines: Philosophie wird in Deutschland immer noch ernst genommen - und das ist doch immerhin ein Zeichen, dass der Mensch noch nicht ganz eingeschlafen ist.

In Amerika ist das natürlich ganz anders. Wir philosophieren nicht, wir forschen. Wir freuen uns über technische Fortschritte und haben sowieso keine Zeit für Nörgelei und schlechte Science-Fiction-Szenarien. Ja, Bill Joy ist ein Amerikaner, aber wer achtet hier schon auf diesen düsteren Pessimisten? Wir wollen Optimismus; deshalb ist der Film "Gladiator", der im antiken Rom spielt und den Triumph von Maximus feiert, ein Hit, während John Travoltas neuer Science Fiction Film ein totaler Flop wurde. Wir Amerikaner wollen Rom sehen: erfolgreich, mächtig und führend. Die USA sind das neue Rom geworden. Und die Deutschen sind nicht die alten, weisen Griechen, sondern noch immer die Barbaren, die die strahlende Zukunft zerstören wollen.

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