Zeitung Heute : Künstliche Intelligenz: Warum Computer (noch) nicht denken können

Kurt Sagatz

Mai 1997 schien aus Science Fiction Realität geworden zu sein. Ein tonnenschweres Ungetüm mit einem Innenleben von 256 parallel geschalteten Computerprozessoren setzte den Schachspieler Garri Kasparow nach nur 19 Zügen Matt und entschied den Wettkampf zu Gunsten der Maschine. Was Stanley Kubrick 1968 in "2001: Odyssee im Weltraum" mit dem Supercomputer "HAL" anschaulich auf die Leinwände gebracht hatte, rückte auf einmal in den Bereich des Möglichen. Eine Maschine mit der Gabe des Denkens in einem Maße gesegnet, dass selbst Schachgroßmeister scheitern - die Wissenschaftskritik des US-Forschers Joseph Weizenbaum ("Die Macht des Computers und die Ohnmacht der Vernunft") erhielt offenbar eine neue Berechtigung.

In der heutigen KI-Forschung, also der Nachahmung des menschlichen Denkens durch Künstliche Intelligenz, spielt Deep Blue nur noch eine Nebenrolle. Die Spieltheorie, die auf der computergestützten Analyse einer begrenzten Anzahl von Regeln und Möglichkeiten beruht, ist neben der Informationsverarbeitung, Mustererkennung oder der medizinischen Diagnose zwar eine publikumswirksame, aber eben nicht die wichtigste Forschungsrichtung, die sich im wesentlichen in zwei Stränge aufteilen lässt: den psychologischen und den physiologischen. In beiden Fällen wird versucht, die Natur menschlichen Denkens zu verstehen und durch Computersysteme nachzubilden.

Die wichtigste Aufgabe der KI-Forschung besteht nach wie vor darin, die kognitiven Fähigkeiten der Rechner zu verbessern. Geschriebene und gesprochene Informationen müssen nicht nur digitalisiert, sondern auch in ihrer Bedeutung verstanden werden. Während die syntaktische Aufschlüsselung der Informationen bereits recht fortgeschritten ist, bereitet die Semantik noch Kopfzerbrechen. Obwohl von "echtem" menschlichen Denken noch nicht die Rede sein kann, haben die Ergebnisse der KI-Forschung bei der Entwicklung so genannter Expertensysteme bereits Einzug gehalten. Unter anderem in der Medizin helfen sie, unter Zuhilfenahme von Krankheitssymptomen, Krankengeschichte und Laboruntersuchungen zu einer Diagnose zu gelangen.

Die Erfolge der KI-Forschung beruhen im Wesentlichen auf der weiterhin exponentiell zunehmenden Rechenleistung der Computersysteme, wobei vor allem die Parallelverarbeitung von Prozessen dieses sprunghafte Wachstum unterstützt hat. Wie bei Deep Blue werden Aufgaben logisch sequenziert und die Abarbeitung an Teile des Systems delegiert. Ein weiteres Element der KI-Forschung ist die so genannte Fuzzy Logic, bei der versucht wird, sich von der binären Logik des Computers hin zur unscharfen Logik des Menschen zu bewegen, die in der Interpretation nicht nur schwarz und weiß, sondern eben auch grau zulässt. Ein weiterer Forschungszweig setzt auf die Entwicklung von neuronalen Netzen, die der Funktionsweise des menschlichen Gehirns nachempfunden werden. Die Verbindung biologischer Nervenzellen mit der Computertechnik ist mittlerweile nicht mehr Fiction, sondern Science.

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