Zeitung Heute : Kür für Kultur

Frederik Hanssen

Bremen und Karlsruhe stellten ihre Bewerbungen vor. Welche deutsche Stadt hat die besten Chancen, 2010 Europas Kulturhauptstadt zu werden?

Die Baden-Württemberger können nicht nur alles (außer Hochdeutsch), nein, sie können sich auch selbst überholen: Als am Montag um zehn Uhr im Reichstag offiziell das Plakat vorgestellt wurde, mit dem sich Karlsruhe um den Titel der „Europäischen Kulturhauptstadt 2010“ bewirbt, hing die Werbung schon an den Berliner Bushaltestellen. „Mit Recht“, so der Werbeslogan, will die Stadt des Bundesverfassungsgerichts das Rennen um den Titel machen. Mit wehenden Segeln hält Bremen dagegen – und schickte am Montag eine historische Hansekogge zur Promotiontour an die Spree.

Als nach dem üblichen Brüsseler Hickhack klar wurde, dass neben Ungarn auch Deutschland im Jahr 2010 eine Kulturhauptstadt stellen wird, starteten 17 Städte. Da aber jedes Bundesland zum Bewerbungsschluss am 30. Juni nur einen Bewerber benennen darf, werden nur zehn Kandidaten übrig bleiben. In Nordrhein-Westfalen zogen Köln und Münster den Kürzeren: Die Jury votierte einstimmig für das Ruhrgebiet, das sich als Städteverbund mit Essen an der Spitze bewirbt. Bayern muss sich noch zwischen Augsburg, Regensburg und Bamberg entscheiden, Niedersachsen zwischen Osnabrück und Braunschweig. Des Weiteren sind neben Bremen und Karlsruhe aktuell Görlitz, Halle, Potsdam, Lübeck und Kassel im Rennen. Zum Kreis der Favoriten zählen Görlitz/Zgorzelec – wegen der unmittelbaren Nähe zu den neuen EU-Mitgliedern –, Essen – weil es noch nie die Kollektivbewerbung einer ganzen Region gab –, sowie Bremen – weil hier ein besonders ausgefallenes Programm erarbeitet wurde. Olaf Schwencke, Präsident der Deutschen Vereinigung der Europäischen Kulturstiftung, sieht zudem auch für Potsdam gute Chancen.

Das 1985 erfundene Kulturhauptstadt-Label ist allerdings nicht unumstritten: So sprachen sich beispielsweise Elke Heidenreich und Günter Wallraff gegen die Kölner Bewerbung aus und forderten, das dafür eingeplante Geld solle lieber in den lokalen Kulturetat fließen.

In der Tat löst der Gewinn des Kulturkapitale-Titels bei den Stadtvätern oft größere Begeisterung aus als bei den Künstlern. Denn im Idealfall kommt eine ganzjährige Werbekampagne dabei heraus, die das internationale Ansehen einer Stadt dauerhaft verbessert – mit sichtbaren Auswirkungen auf die örtliche Wirtschaft: In Graz, der Kulturhauptstadt des Jahres 2003, stieg die Zahl der Übernachtungen um 25 Prozent.

Bis feststeht, welche deutsche Stadt sich nun 2010 mit dem EU-Titel schmücken darf, sind allerdings noch diverse bürokratische Hürden zu überwinden. Nachdem die Bewerbungen am 30. Juni im Auswärtigen Amt eingetroffen sind, werden sie im dritten Quartal dem Bundesrat zur Stellungnahme vorgelegt, bevor sie neun Monate später nach Brüssel weitergeleitet werden. Dort fällt die endgültige Entscheidung dann im Frühjahr 2006.

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