Zeitung Heute : Küsschen, Kanzler

Am Mittwoch wird Gerhard Schröder 60 Jahre alt. Wie hat er seine runden Geburtstage bisher gefeiert? Wir haben uns mal umgehört.

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1954 – Gerhard Schröder wird zehn

Er besucht die Zwergschule in Wülverbexten. Angelika Koch, heute Schmidt, 60, wird etwas später seine Klassenkameradin. Sie lebt heute noch in Talle im Kalletal, Schröders Heimat im Lippischen.

„Ein Pfiffi war der Gerhard, obwohl er ziemlich klein war, der hat bald dem Lehrer noch was vorgemacht. Aber wenn die Schule aus war, ist er wie wir anderen auf den Platz gegangen, heute ist da ein Parkplatz, und hat vor dem Lebensmittelladen Unsinn gemacht. Wir Mädchen haben diese kleinen Rosenbilder getauscht, und die Jungs sind Nesteräubern gegangen oder Bäumeklettern. Der Gerhard war auch ein toller Fußballer im TuS Talle – lange über die Schulzeit hinaus noch. Talle war und ist ja sehr klein, viel mehr Vergnügungen hatten wir nicht. Und Geld auch nicht. Taschengeld haben wir uns selbst verdient, mit Rüben verziehen.

Der Familie vom Gerhard ging es gar nicht gut. Die hat bei uns in der Nähe gewohnt, zur Miete. Geburtstage, tja… das war nicht so wie heute. In der Schule wurde für die Geburtstagskinder gesungen. Und wer Glück hatte, bekam einen Negerkuss. Aber bei Gerhard habe ich nie einen gesehen.“

Schröders Schwester Gunhild lässt folgende Kindheitserinnerungen ausrichten:

„Kindergeburtstag wurde bei uns nicht gefeiert. Nur zu besonderen Anlässen, zum Zehnten zum Beispiel, hat unsere Großmutter einen Kuchen gebacken, aber das war’s schon, denn unsere Mutter musste den ganzen Tag arbeiten. Fotos von diesen Tagen gibt es auch nicht, weil der Stiefvater die Kamera eintauschen musste, gegen Butter.“

1964 – Gerhard Schröder wird 20

In diesem Jahr lernt Gerhard Schröder Ingo Graumann kennen. Drei Jahre lang führen sie ihre, wie sie das nennen, „Junggesellenüberlebensgemeinschaft“. Graumann, 60, heute Rechtsanwalt in Iserlohn, trifft den Kanzler das nächste Mal am 7. Mai. Dann besucht er Schröder im Kanzleramt. Er sagt: „Ein Staatsbesuch von Schützenkönig zu Kanzler. Immerhin – die Königswürde hab ich ihm voraus“.

„Der Gerd und ich, wir haben uns in Weidenau kennen gelernt, auf dem Kolleg, wo wir das Abitur nachmachen wollten, nach der Lehre; Gerd hatte beim Haushaltswaren-Brandt in Lemgo ja Einzelhändler gelernt und dann per Abendschule die mittlere Reife nachgeholt. Weil wir beide Fremde waren, von auswärts kamen, haben wir uns gleich zusammengeschlossen. Und als ich sagte, ich such mir ’ne Bude, da hat der Gerd gesagt, dann such doch für mich mit. Wir hatten eine tolle Zeit. Ich weiß noch, an einem heißen Tag hatten wir einen Kasten Bier gekauft, und als der Lehrer reinkam, haben wir ihm erstmal ein Fläschchen angeboten. Heute würde man über so einen Streich müde grinsen, aber damals waren wir doch die harten Burschen. Wir mussten halt ziemlich pauken, und dann explodierte alles eben mal – manchmal in nicht so guter Form. Genaueres will ich hier nicht sagen. Auch nicht, warum wir die Schule gewechselt haben und das Abitur schließlich in Bielefeld machten.

Aber es war auch eine harte Zeit. Wir waren pudelarm, hatten im Monat nicht mehr als 200 Mark, die Wohnung allein kostete 80. Unsere Geburtstage haben wir deshalb fast nie gefeiert. Eine Gratulation am Frühstückstisch, das war’s. Aber Gerds 23ster ist dann doch zünftig geworden. In Bielefeld hat er in unsere Stammkneipe eingeladen. Diesterweg Ecke Detmolder Straße. Und dann gab’s Mettbrötchen satt. Ich denke, wenn ich damals Geld gehabt hätte, dann hätte ich ihm ’nen Kasten Pils und ein Skatblatt geschenkt.“

1974 – Gerhard Schröder wird 30

In diesem Jahr lernt Gerhard Schröder Götz-Werner von Fromberg kennen, 55, heute bekannter Rechtsanwalt in Hannover und einer der engsten Kanzler-Freunde. 1996, vor der Scheidung von Hiltrud Schröder, lebte Schröder, damals Ministerpräsident in Niedersachsen, sogar einige Monate bei von Fromberg. Bei der Hochzeit mit Doris Köpf war er Trauzeuge.

„Wir haben uns vor Gericht gezofft, als gegnerische Anwälte, das war der Anfang. Damals waren wir beide noch Referendare am Landgericht Hannover. Und nach dem Gerichtstermin sind wir in die Cafeteria gegangen und ich hab gesagt, komm doch mal mit zum Fußball. Gerhard wurde dann Mittelstürmer – ein ziemlich bissiger! – in unserem „Verein Fußball spielender Juristen“. Der heißt heute „Los Veteranos“, da ist er übrigens immer noch Mitglied. Und abends sind wir ins „Plümecke“ gegangen, unsere Stammkneipe, auf eine Currywurst und Herrenhäuser Pils. Dann haben wir Skat gespielt.

Gerhard war aber schon damals ziemlich viel unterwegs, sehr an Politik interessiert, Mitglied der ÖTV, während des Studiums in Göttingen war er Vorsitzender der Jusos gewesen. Dass er jeden Geburtstag gefeiert hätte, daran kann ich mich gar nicht erinnern; ich glaube wirklich, Geburtstage sind ihm nie so wichtig gewesen. Er hätte sich vermutlich auch schon gefreut, wenn man ihn zu Hannover 96 eingeladen hätte.“

1984 – Gerhard Schröder wird 40

Ein Vertrauter wird in dieser Zeit Heiko Gebhardt, Reporter des Stern, heute 62 und Redaktionsberater der Zeitschrift „Cicero“. Er lernt Schröder 1978 kennen, als der Bundesvorsitzender der Jusos wird. Die Freundschaft hält bis heute, obwohl es, wie Gebhardt sagt, „für Politiker und Journalisten nie einfach ist, eine private Freundschaft zu pflegen“.

„Was Gerhard und mich verbindet, ist die Liebe zur Kunst. Als ich ihn 1978 zum ersten Mal traf, war er noch nicht so beschlagen, aber er hat dann in kürzester Zeit ein gutes Auge entwickelt. Das bewundere ich, wo doch die Fundamente total fehlten – Abitur, Studium, er musste immer alles nachholen. Sein erstes Bild, das weiß ich noch, war eine wunderschöne Schlichter-Zeichnung, eine Kaffeehausszene. Manchmal ruft er mich abends an, und dann fahr ich ins Kanzleramt und wir sitzen da im achten Stock, trinken einen Rotwein und reden über Kunstwerke, die gerade auf dem Markt sind. Wenn ich dann geh’, gucken wir noch mal über Berlin, dann boxt er mich in den Bauch und sagt, na, Alter, das hättste nicht gedacht, oder?

Ich nehme an, ich war auch auf seinem 40. Geburtstag, das wird noch im Haus in Immensen gewesen sein. Das waren ja immergleiche Rituale, große Feste hat er nie daraus gemacht. Er mochte kleine Runden. Und da haben wir dann sehr darüber diskutiert, wie man Niedersachsen zur SPD zurückholt. Wie man den Albrecht stürzt. Kurze Zeit später sollte Gerhard ja zum ersten Mal als Ministerpräsident kandidieren. Auf jeden Fall waren zu dieser Zeit weniger Politiker bei seinen Festen, eher private Freunde. Der Kern lag und liegt da bei etwa zehn. Er ist nicht der Typ für einen riesigen Freundeskreis.“

1994 – Gerhard Schröder wird 50

Ein enger Mitarbeiter seit Jahren ist Heinz Thörmer, heute 55, zu dieser Zeit im Planungsstab der Hannoveraner Staatskanzlei, vorher Büroleiter. Kennen gelernt hatte Thörmer Schröder 1970 bei den Jusos, später wurde er Schröders Assistent im Bundestagsbüro.

„Rund um 1994, das war eine Zeit. Eine rasende Abfolge von Tief- und Höhepunkten für Gerhard Schröder. Mitte 1993 hatte er die Wahl um den Parteivorsitz gegen Scharping verloren, Ende 1993 war der Energiekonsens innerhalb der SPD gescheitert, und dafür hatte er sehr lange gearbeitet. Aber dann kam 1994 der Sieg in Niedersachsen mit absoluter Mehrheit. Das, vor allem, hat die Stimmung beim Fest zum 50. bestimmt – es waren bestimmt hunderte Gäste da, in dem alten Bauernhof. Er war happy – das war die Chance, doch noch nach der Kanzlerkandidatur zu greifen. So unbeschwert wie damals ist Gerhard heute nicht mehr. Früher war er ungefilterter, würde ich sagen; früher hat er auch mal eine Kaffeetasse durchs Büro gepfeffert.“

2004 – Gerhard Schröder wird 60 – was wir über die Feier erfahren konnten:

Der Kanzler selber hat angekündigt, er feiere „ohne jedes Getöse“, und über den 7. April wird er im Italienurlaub sein. Das Fest, organisiert vom Parteivorstand, findet dann am 16. April in Hannover statt, im Theater am Aegi. 500 Gäste kommen und essen niedersächsische Spezialitäten. Und seine Freunde stellen, organisiert von Heiko Gebhardt, ein Bühnenprogramm auf die Beine. Mit dabei: der Maler Bruno Bruni und Rocksänger Klaus Meine, der sagt: „Es ist ein Gerücht, dass Gerhard Scorpions-Fan ist, er mag keinen Rock. Er liebt Rilke. Damit kann man ihn immer erfreuen. Das tue ich…“.

Aufgezeichnet von Christine-Felice Röhrs und Maxi Leinkauf

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