Zeitung Heute : Küssen für die Zielgruppe

Der Tagesspiegel

Von Jörg Rößner

Jule und Tom sind Sandkastenfreunde. Doch Jule schwärmt für Sven, der sich aber mehr für andere Mädchen interessiert. Jule lässt sich von Tom trösten. Es folgt ein leidenschaftlicher Kuss. Seitdem ist alles anders.

Das daraus folgende Gefühlschaos, die Versuche, das alles zu ordnen, und der schmale Grat zwischen Liebe und Freundschaft sind das Thema von „Verdammt verliebt“. Als Nachfolger von „St. Angela“ und zuletzt „Berlin, Berlin“ läuft die 26-teilige Serie ab heute jeweils dienstags bis freitags um 18 Uhr 50 in der ARD. Damit setzt das Erste seine Anfang des Jahres begonnene Umstrukturierung des Vorabendprogramms fort.

Während man zwischen 18 und 19 Uhr mit den Soaps „Verbotene Liebe“ und „Marienhof“ sogar Marktführer ist, fehlte es den ARD-Formaten in der Stunde vor der „Tagesschau“ durch die wechselnden Programme an Wiedererkennungswert. Die unübersichtliche Struktur der zweiten Stunde wurde deshalb verbessert. Jetzt läuft montags das „Großstadtrevier“, an den anderen Werktagen die aktuelle Serie. „Das Quiz“ mit Jörg Pilawa wurde verkürzt und um eine halbe Stunde nach hinten geschoben.

Diese Veränderungen haben einen wissenschaftlichen Hintergrund: Laut einer Medienanalyse hat sich die Fernsehnutzung der Zuschauer am Vorabend in den vergangenen Jahren geändert. Während früher der Fernsehabend immer zur gleichen Zeit, nämlich zwischen 18 Uhr 30 und 19 Uhr begann, gibt es heute keine feste Zeit mehr. Die Zuschauer müssen einschalten können, ohne den Eindruck zu haben, nichts mehr zu verstehen, weil sie den Großteil der Handlung verpasst haben. Dem trägt die ARD Rechnung und bietet im „kleinteiligen Format“ drei Serien mit jeweils 25 Minuten Länge an.

Der Zeitraum zwischen 18 und 20 Uhr ist der einzige nach kommerziellen Grundsätzen ausgerichtete, sprich: werbefinanzierte, im Programm der ARD. In diesen beiden Stunden schielen ARD und ZDF genauso wie RTL, Sat 1 und Pro 7 nach der Lieblingszielgruppe der Werbetreibenden: Die Sendungen sind auf die jungen, also die 14- bis 49-jährigen Zuschauer, zugeschnitten.

Dem Vorwurf, sich damit der Programmstruktur der Privatsender immer weiter anzugleichen und der „Versoapisierung“ des Vorabends Vorschub zu leisten, widerspricht die ARD-Koordinatorin für den Vorabend Verena Kulenkampff: „Dieses Programm gibt es woanders nicht. Das ist ein völlig neuer Serientyp, denn wir erzählen ernste Konstellationen mit komödiantischen Mitteln.“ Die „Hochglanzserien“ der ARD würden sich schon in der Herstellung deutlich abheben: „Die Produktion einer Folge dauert bei uns fünf Tage, bei Soaps wird pro Tag eine Folge abgedreht.“

Ein Blick auf die Quoten zeigt: Beim Publikum kommt die Vorabend-Reform an. Vergleicht man die Einschaltquoten des ersten Quartals 2002 mit denen des Vorjahrs, hat die ARD bei den 14- bis 49-Jährigen zwei Prozent Marktanteil dazugewonnen. Insgesamt liegt die Zeit zwischen 18 und 20 Uhr in der werberelevanten Zielgruppe fünf Prozent über dem Gesamtmarktanteil des Senders. Verena Kulenkampff: „Wir sind so eine Art Jungbrunnen der ARD“.

Großen Anteil am Erfolg hat „Berlin, Berlin“ mit durchschnittlich 25,5 Prozent Marktanteil. Protagonistin Lolle erreichte innerhalb kürzester Zeit Kultstatus, für den „Spiegel“ ist Hauptdarstellerin Felicitas Woll „das liebenswerteste und lebendigste Gesicht in der Blondinenwüste des TV-Vorabends“. Und auch die Kasse klingelt: Viele Werbekunden buchten nachträglich Spots im Umfeld der Serie. Im Herbst 2003 soll die zweite Staffel ausgestrahlt werden.

Nach der schnellen Großstadtserie nimmt sich „Verdammt verliebt“, das im Düsseldorfer Vorort Kaiserswerth spielt, mehr Zeit für die einzelnen Szenen. Statt Zeichentrick-Einblendungen werden Traumsequenzen gezeigt. Bereits vor dem Serienstart gewannen die beiden Hauptdarsteller Laura Maire, 22, und Florian David Fitz, 27, für ihre ersten großen Fernsehrollen beim Filmfest München einen Preis für Jungdarsteller. Produzentin Bea Schmidt von der Bavaria Film erläutert das Leitmotiv: „Wir erzählen eine Konstellation, die fast jeder schon einmal erlebt hat. Zwei Freunde entdecken Gefühle füreinander, die sie nicht zulassen, weil sie die Freundschaft nicht gefährden wollen.“ Dies geschieht erfreulich natürlich und nachvollziehbar. Falls das Publikum mitzieht, ist auch hier eine Fortsetzung geplant.

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