Zeitung Heute : Kultur des Wahnsinns

Wissenschaftler erforschen das Abnormale

Constanze Haase

Der Wahnsinn hat viele Gesichter: Liebe, Religion, Tod. Geisteskranke wurden in Irrenanstalten weggeschlossen, werden mit Psychopharmaka ruhig gestellt und durch Psychoanalyse rehabilitiert – die Moderne kennt zahlreiche Methoden, mit dem Wahnsinn umzugehen. Doch wo hört der „ganz normale Wahnsinn“ auf und wo fängt der krankhafte Wahnsinn an?

Zwölf Wissenschaftler der Humboldt-Universität, der Charité, der TU Berlin, des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung Berlin sowie der Uni Hamburg untersuchen seit Sommer 2009 in einer Forschergruppe die „Kulturen des Wahnsinns 1870 bis 1930“. Das durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) finanzierte Projekt ist auf sechs Jahre angelegt. Der Wahnsinn hat nicht nur viele Gesichter, er beschäftigt auch zahlreiche Disziplinen: Medizin, Psychiatrie, Kriminalistik, Pädagogik, Europäische Ethnologie, Kultur- und Literaturwissenschaft.

In acht verschiedenen Forschungsprojekten werden etwa psychopathologische Grenzzustände, die Breite des (Ab)normalen, Orte des Okkulten als Experimentierfeld zwischen Wissenschaft, Kunst und Kultur sowie sexuelle Moderne und Wahn untersucht. „Ziel ist es, eine moderne Kulturgeschichte des Wahnsinns für den Beginn der urbanen Moderne, die Jahre zwischen der Gründung des Deutschen Reiches und dem Vorabend des Faschismus, zu entwickeln“, sagt Volker Hess, Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin an der Charité und Sprecher der Gruppe.

Die entstehende Großstadt betrachten die beteiligten Wissenschaftler dabei als „Labor der Moderne“, das sich zu einem urbanen Schwellenraum entwickelt. Berlin galt einerseits als „Brutofen und Sündenpfuhl“, andererseits als Quelle einer aufblühenden Kreativität, als Ort schöpferischer Künstlermilieus und Wissenskulturen. Doch die Unterschiede zwischen klinischem Wahnsinn und künstlerischen Äußerungen, wie etwa Selbstinszenierungen, sind im urbanen Alltag fließend. Die Großstadt hat neue Lebensweisen, Kommunikations- und Ausdrucksformen kultiviert. „Deren ungeregelte Vielfalt und kreative Buntheit überraschte und faszinierte, erschreckte aber auch viele, die solche Verhaltensweisen als wahnsinnig bezeichneten, obwohl sie es im pathologischen Sinn nicht waren“, erklärt Beate Binder, Professorin für Geschlechterstudien und Europäische Ethnologie an der HU. Constanze Haase

Mehr im Internet:

www.kulturen-des-wahnsinns.de

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