Zeitung Heute : Kultur im gelben Baudenkmal

In zehn Jahren hat sich die Schwartzsche Villa als begehrter Veranstaltungsort etabliert

Harald Olkus

Derzeit hätte Sabine Weißler ihr Büro wohl lieber in der Schwartzschen Villa als im Rathaus Steglitz. Die Kunstamtsleiterin von Steglitz-Zehlendorf arbeitet am Rande einer Baustelle, denn um das Rathaus herum wird gerade das Shoppingcenter „Das Schloss“ gebaut, das bislang unter dem Namen „Schlossgalerie“ bekannt war. Im Rathaus ist es dunkel und staubig, hin und wieder kracht es gewaltig, Wände und Decken vibrieren.

Sehr viel ruhiger geht es in der gelben Villa an der Grunewaldstraße zu. Seit 1995 ist der denkmalgeschützte Altbau mit dem parkartigen Garten und dem Terrassencafé das Steglitzer Kulturzentrum. 350 Veranstaltungen finden jährlich statt – mit minimalem Verwaltungsaufwand. „Wir haben hier eine einmalige Konstruktion in Berlin“, sagt die Kunstamtsleiterin. Der Bezirk stellt die Infrastruktur – das Gebäude und die Technik – zur Verfügung. Die Veranstaltungen selbst gehen auf das Risiko der Organisatoren. „Dafür sind wir bei der Miete extrem zurückhaltend“, sagt Doris Fürstenberg.

Die Schwartzsche Villa ist ein begehrter Veranstaltungsort. Musiker etwa schätzen den Steinway-Flügel und die gute Akustik. Die Hochschule für Musik Hanns Eisler veranstaltet regelmäßig Konzerte, auch Mitglieder der Berliner Philharmoniker spielen hier oft.

Die kleine Bühne im Zimmertheater eignet sich für Lesungen und Theaterstücke mit klein(st)er Besetzung und bietet Platz für ein Kindertheater, das dort mit großem Erfolg spielt.

Die Galerie mit ihren wechselnden Ausstellungen nutzt das Kunstamt auch zu eigenen Projekten. Derzeit wird „180°“ gezeigt, eine Fotoausstellung von Nihad Nino Pusija, der zusammen mit dem blinden Pianisten Martin Knopf versucht, die Wahrnehmung von Blinden visuell umzusetzen.

Im nichtöffentlichen Teil des Hauses existiert eine Probebühne für szenische Lesungen und Tanzstücke. Sasha Waltz arbeitete hier mit ihrem Ensemble, als sie noch nicht an der Schaubühne war. Des Weiteren gibt es ein Fotolabor und eine Druckwerkstatt für Lithografien, Siebdruck und Radierungen.

Ursprünglich war die Villa ein Wohnhaus. Der Bankier Carl Schwartz hatte den Bau veranlasst, kurz nachdem er in den Ruhestand getreten war. Ab 1898 diente die Villa seiner Familie als Sommersitz. 1915 starb Schwartz, und seine Töchter bewohnten das Haus bis 1945. Danach beherbergte es ein Waisenheim und ein Lager von Butter-Beck. 1961 kaufte der Senat Villa und Grundstück von den Erben und plante eine Erweiterung des Rathauses, auch eine Volkshochschule und ein Hallenbad waren zeitweise im Gespräch. Bereits Anfang der 80er Jahre setzte sich die „Kulturinitiative Lankwitz“ für den Ausbau zum Kulturzentrum ein; die nötigen Mittel bewilligte das Abgeordnetenhaus aber erst in den 90er Jahren.

Grunewaldstraße 55, Kontakt unter Tel.: 902 99 2210; Internet: www.schwartzsche-villa.de

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