Zeitung Heute : Kulturkreis Europa

Richard Schröder

TRIALOG

Den 1. Mai habe ich in schlechter Erinnerung, weil wir Schüler zum „Kampftag der Werktätigen“ unter idiotischen und hasserfüllten Losungen demonstrieren gehen sollten und nicht wollten. Meine Kinder hatten dasselbe Problem und wir deswegen Auseinandersetzungen mit der Schulleitung. Dieses Jahr bekommt er einen neuen Sinn. Wie wär’s, wenn wir ihn zum Europatag erklären? Denn zehn kommen zur europäischen Union hinzu, zwei im Mittelmeer, acht östlich von uns. Und die begrüße ich sozusagen als alte Bekannte, in einem doppelten Sinn.

Erstens als Mithäftlinge im „sozialistischen Lager“. Ungarn, Tschechoslowakei und Polen waren unsere Reiseländer, wie Italien, Frankreich, Spanien für die Westdeutschen. Die baltischen Staaten allerdings durften wir nur kollektiv kontrolliert in Reisegesellschaften besuchen, denn die gehörten zur Sowjetunion und die hochgelobte deutsch-sowjetische Freundschaft sollte nicht in persönliche Kontakte ausarten.

Bis in die fünfziger Jahre hatte das Wort „sozialistisches Lager“ zudem noch einen anderen makabren Doppelsinn. Wenn Sandra Kalniete, lettische Außenministerin, bei der Leipziger Buchmesse davon berichtet, dass sie in einem sibirischen Lager geboren ist, wohin Stalin Esten, Letten und Litauer massenhaft verschleppt hatte, sollten wir zuhören und nicht rauslaufen. Ich kenne noch aus meiner Kindheit das Schreckenswort „Sibirien“. Denn auch 1000 ostdeutsche Zivilisten wurden von sowjetischen Militärtribunalen aus nichtigen Gründen zu zehn und mehr Jahren Sibirien verurteilt. In Workuta gibt es Gedenktafeln der betroffenen Länder für ihre Opfer, aber keine für die deutschen Häftlinge. Weder dürfen die nationalsozialistischen Verbrechen die stalinistischen relativieren noch umgekehrt. Die Erweiterung Europas wird auch unsere Wahrnehmung des 20. Jahrhunderts in Europa erweitern müssen. Sonst können wir die nicht verstehen, die jetzt zu uns kommen.

Alte Bekannte kommen auch deshalb zu uns, weil sich Polen, Tschechen und Ungarn vor tausend Jahren für den lateinischen und nicht für den byzantinischen Kulturkreis entschieden. Sie waren nur ein lächerliches halbes Jahrhundert vom übrigen Europa getrennt. Die ältesten Universitäten diesseits der Alpen sind nach Paris, Oxford und Cambridge nicht etwa Tübingen oder Heidelberg, sondern Prag und Krakau. Dort hat Kopernikus studiert. Rousseau, den die Franzosen als Vater ihrer Revolution verehren, hat die Verfassung Polens bewundert. Die Goldene Bulle, das Reichsgrundgesetz, ist vom böhmischen König und deutschen Kaiser Karl IV. veranlasst. Das Magdeburger und Lübecker Stadtrecht waren im Mittelalter ein begehrter Exportartikel. Sie haben diesen Ländern im Unterschied zu Russland ein Bürgertum ermöglicht. In all diesen Ländern war über Jahrhunderte das Deutsche hochangesehene Kultur- und Verkehrssprache. Das haben sich die Deutschen verscherzt, als sie nationalistisch wurden. Da ist es eine großherzige Geste, wenn Balten uns einladen: Sagen Sie ruhig Memel, Reval, Dorpat.

Der Autor ist Professor für Theologie an der Humboldt-Universität zu Berlin.

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