Zeitung Heute : Kumbernuss Der Mann hinter… Astrid

DeutschlandserfolgreichsteKugelstoßerinhört auf. IhrTrainerbleibt aktiv – und umstritten.

Frank Bachner

Dieter Kollark ist kurz vor Neubrandenburg, er hat es eilig, und deshalb ist dieser Typ da vorne ein echtes Problem. Schleicht mit seiner Limousine über die Straße, als hätte er alle Zeit dieser Welt. Aber hinter ihm hängt Kollark mit finsterem Gesicht und registriert fluchend, dass er bei dem Gegenverkehr nicht überholen kann. Dabei muss er doch dringend ins Training. Gleich kommen seine Frauen, Astrid Kumbernuss, Olympiasiegerin im Kugelstoßen, 33 Jahre alt, und Franka Dietzsch, Weltmeisterin im Diskuswerfen, ein Jahr älter. „Ich darf nicht in einen Stau kommen. Die wissen doch gar nicht, was sie ohne mich machen sollen“, sagt er. Und nach einer kurzen Pause: „Die Frau will ja geführt werden. Die tut ja fast nichts von alleine.“ Er meint damit nicht nur Kumbernuss und Dietzsch, sondern alle Frauen. Er muss jetzt Gas geben, irgendwie.

Kollark hat’s dann noch rechtzeitig geschafft an diesem Sommertag im Jahr 2003. Er redet immer so. Für ihn sind Frauen, die er nicht kennt oder nicht mag, „Muttis“. So eine „Mutti“ trottet dann „wie ein Elefant“ in den Kugelstoßring. Oder eine „Mutti“ ist „so fett, dass der Aufzug stecken bleibt“. Manchmal rollt Astrid Kumbernuss genervt mit den Augen, wenn sie so etwas hört. Oder sie sagt: „Mein Gott, was du wieder redest.“ Mehr nicht. Soll sie ihn etwa noch ändern? Der Mann ist 60, er war fast 20 Jahre lang ihr Trainer, er war viele Jahre ihr Freund und Ehemann, er ist der Vater ihres Sohns Philip. Kollark ist eben, wie er ist. Er äußert viele seiner Sprüche mit dem Tonfall eines freundlichen Hobbygärtners. Er hat einen kantigen Schädel, aber er hat ebenso ein paar weiche Züge, ein Großvatergesicht.

Für Astrid Kumbernuss war er der Mann, der sie zu einem Olympiasieg (1996) und zu drei Weltmeistertiteln (1995, 1997, 1999) geführt hat. Ihren letzten WM-Titel gewann sie 14 Monate nach der Geburt von Philip. „Es war eine echte Herausforderung, eine Frau, die gerade ein Kind bekommen hat, wieder zur Weltspitze zu führen. Da war alles weich und schlaff“, sagte der Neubrandenburger Kollark, der noch immer einer der besten Wurf-Stoß-Trainer der Welt ist.

1994, während der Leichtathletik-Europameisterschaft in Helsinki, wurde bekannt, dass Kollark zu DDR-Zeiten für die Staatssicherheit aktiv war. Kollark gab damals zu, dass er als stellvertretender SED-Parteisekretär des Sportclubs Neubrandenburg Unbedenklichkeitserklärungen für die so genannten „Reisekader“ erstellte. Unter dem Decknamen „IM Alexander“ schrieb er darüber hinaus für die Stasi Berichte. Die aktuelle Ausgabe des „Leichtathletik-Magazin“ zitiert aus einem Bericht Kollarks über die Sprinterin Katrin Krabbe: „Bei Katrin Krabbe sehe ich echte Probleme. Sie hat einen leicht nymphomanischen Einschlag. Ich möchte es als dumm-geil bezeichnen. Es gibt ernsthafte Überlegungen, ob man sie überhaupt zur Junioren-EM nach Birmingham mitnimmt.“

Nach der Wende wollte Kollark mit fast schon missionarischem Eifer beweisen, dass er auch ohne Doping Weltklasseathletinnen formen konnte. Astrid Kumbernuss führte er immer als Paradebeispiel an.

Die Ära Kumbernuss ist gestern zu Ende gegangen – im früheren olympischen Dorf bei Berlin. Einen Tag vor dem großen Leichtathletik-Treffen Istaf, das am heutigen Sonntag stattfindet, hat sie ihren letzten Wettkampf bestritten. Sie hat ihre Karriere endgültig beendet, weil sie eine Fußverletzung nie auskurieren konnte. Beim Istaf selber ist Frauen-Kugelstoßen nicht im Programm.

Dieter Kollark jedoch wird weitermachen, er trainiert noch Franka Dietzsch und andere. Aber das sind nur die nüchternen Fakten. Seine Sentimentalität über ihren Abschied drückt er so aus: „Man hat da ja miteinander viele Hochs und Tiefs erlebt.“ Astrid Kumbernuss war noch keine 20, als sie sich in ihren Trainer verliebte. Kollark war verheiratet, die Beziehung musste geheim bleiben. Erst nach der Wende hörte das Versteckspiel auf.

Es mag bestimmt eine Liebesbeziehung gewesen sein, aber vermutlich haben die beiden sich auch gegenseitig in ihren Rollen gebraucht. Die Sportlerin und der Trainer. Kollark sagt: „50 Prozent aller Spitzen-Athletinnen sind mit ihrem Trainer liiert.“ Ein Sportpsychologe hat das Phänomen einmal so erklärt: „Frauen brauchen für das harte Training jemanden, der ihnen beim Quälen hilft.“ Niemand ist so nahe an einem Sportler wie der Trainer. Er lobt, er kritisiert, er kann Nähe vermitteln und Kälte ausstrahlen. Es ist auch eine Form von Abhängigkeit, die er erzeugen kann. Irgendwann sagte Astrid Kumbernuss einmal: „Ich möchte schon jemanden haben, der mir zeigt, wo ich hin muss.“

Der Deutsche Leichtathletik-Verband aber wollte Kollark nicht. Er fühlte sich abgeschoben. Sie litt mit ihm, die vermeintliche Missachtung schweißte die beiden noch mehr zusammen. Astrid Kumbernuss war erfahren genug, um seine Qualitäten als Trainer zu erkennen. Und mit jeder weiteren Medaille entwickelte sich das Geschäftsmodell Kumbernuss/Kollark. Die Kugelstoßerin unterschrieb Sponsorenverträge, sie verdiente in einer Saison bis zu 250000 Dollar Prämien, sie tauchte im Fernsehen auf und ist nicht nur in Neubrandenburg ein Star geworden. Dieter Kollark war ganz offiziell Angestellter der Sportlerin Kumbernuss. Dann kam das Ende der privaten Beziehung, vor etwa zwei Jahren. Bis Ende 2003 bezahlte sie ihn noch.

Dieter Kollark wird jetzt vom Arbeitsamt gefördert. Er hat eine Ich-AG als Trainer gegründet. Er ist 60, und er gilt als ziemlich seltsamer Kauz. Aber er ist immer noch ein erfolgreicher Trainer. Seine Athletin Franka Dietzsch wurde vor drei Wochen Weltmeisterin im Diskuswerfen.

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