Kunst am Ku'damm : Alles Expressionisten

Künstler und Galeristen zog es um 1900 an die Straße – von diesem Flair ist einiges geblieben

Von damals nach heute.
Von damals nach heute.

Zuerst kommen die Maler. Gleich vier Mitglieder des Vereins Berliner Künstler lassen sich Ende des 19. Jahrhunderts von der neuen Adresse überzeugen. Bis dahin wohnt man, wie Max Liebermann, klassisch im alten kulturellen Zentrum der Stadt, das sich vom Brandenburger Tor bis zum Hausvogteiplatz erstreckt. Doch der junge Kurfürstendamm und seine Seitenstraßen haben einen Vorteil: Sie ziehen auch Fabrikanten und Museumsdirektoren an, und mit ihnen kommen hochkarätige Sammlungen an den aufstrebenden Boulevard, die um weitere Gemälde ergänzt werden wollen.

In den Privathäusern glänzt die Kunst. Etwa im Prachtbau des Fabrikanten Hugo Raussendorff, der sich 1890 in der Fasanenstraße vom Architekten Hans Grisebach eine trutzige Villa errichten lässt. Direkt am Ku'damm wohnt Friedrich Lippmann, Direktor des Berliner Kupferstichkabinetts. Seine Wohnung im Haus Nr. 3 beherbergt Blätter aus dem Mittelalter und der Renaissance.

Ebenfalls in der Fasanenstraße entsteht das Künstlerhaus St. Lukas mit Ateliers und einer jener vielen Kneipen, in der Künstler wie Ernst Barlach oder der Bildhauer Max Kruse über die modernen Zeiten debattieren. Der Berliner Architektenverein führt seine Mitglieder durch die neuen Villen und Privatsammlungen, anschließend erholt man sich ebenfalls im Lukashaus. Schließlich kommen 1899 die Protagonisten der Berliner Secession, die sich von ihren konservativen Kollegen distanzieren wollen. Und welche Geste wäre passender, als in eine Gegend ohne monarchische Prägung zu ziehen? Die damalige Stadt Charlottenburg reagiert und stellt für die Secessions-Ausstellungen mit Bildern von Käthe Kollwitz, Lovis Corinth oder Claude Monet ein Gebäude zur Verfügung. Wer sich für einen Teil der Avantgarde hält, zieht ab jetzt in den Westen.

Aus Frankreich zieht es 1916 die Künstlerin Jeanne Mammen an den Kurfürstendamm, weil sie hier die Subkultur der Metropole und ihre lesbischen Szene vor der Tür hat. 1923 übernimmt der Kölner Galerist Karl Nierendorf das Graphische Kabinett von J.B. Neumann und macht Haus Nr. 232 zu einer Adresse für die Moderne. Auch Herwarth Walden bezieht eine Wohnung. Obgleich das Multitalent mit seiner Galerie seit 1912 auf der Potsdamer Straße residiert, entstehen die Ideen für seine expressionistischen Zeitschrift „Der Sturm“ in den Cafés am Kurfürstendamm. Hier fühlt man sich frei genug, um die internationalen Kunstströmungen und den aufkommenden Expressionismus emphatisch zu begrüßen, während die Akademie am anderen Ende der Stadt immer noch ausschließt, was ihren konservativen Geschmack nicht trifft. Bald interessieren sich auch professionelle Händler für die Straße und ihre Umgebung: Die noblen Vertreter haben Niederlassungen im Tiergarten, Moderne-Händler konzentrieren sich auf das preiswerte Lützowviertel. 1933 stehen 281 Firmen für Kunsthandel in den Adressbüchern – drei Jahre später ist ihre Zahl auf 152 geschrumpft.

Die Politik der Nationalsozialisten markiert eine brutale Zäsur. Jüdische Sammler – von denen viele die moderne Kunst in Berlin erst etabliert haben – emigrieren oder werden deportiert, Auktionshäuser wandern in arische Hände, Künstler verlassen Deutschland. Der Zweite Weltkrieg hinterlässt eine Wüste: Bis in die dreißiger Jahre wird das Leben rund um den Kurfürstendamm von jüdischen Intellektuellen geprägt. Nach 1945 sind diese Wurzeln zerschnitten.

Dennoch eröffnet der jüdische Buch- und Kunsthändler Gerd Rosen schon bald nach 1945 eine neue Galerie am Kurfürstendamm. Schnell entwickelt sich die Adresse zwischen Fasanen- und Uhlandstraße zu einem Anknüpfungspunkt an die Moderne. „Es war eine unglaublich aufregende und turbulente Zeit“, notiert der Maler Heinz Trökes – und meint damit wohl auch jene Eröffnungen, die vom britischen Militär geschützt werden müssen, weil sich ein Teil des Publikum über die abstrakte Kunst mokiert. Einen visionären Galeristen wie Rudolf Springer hält das allerdings nicht davon ab, nach drei Jahren Mitarbeit bei Rosen 1948 eine Galerie im Haus seiner Eltern zu eröffnen, die er wenig später dann an den Ku'damm verlegt. Künstler wie Max Ernst, Hans Arp oder Jean Miró gehören zu seinem Programm.

1982 entscheidet sich Dieter Brusberg nach einem Vierteljahrhundert in Hannover als weiteres Schwergewicht für die Straße. Der Galerist zeigt in der Beletage von Nr. 213 großartige Einzelausstellungen von Gerhard Altenbourg, Bernhard Heisig oder Harald Metzkes. Ab 2008 zieht Brusberg sich dann sukzessive zurück. Seine letzten Räume im romantischen Hinterhof des Prachthauses hat mit Stefan Westphal nun ein langjähriger Mitarbeiter übernommen und die Galerie Rosendahl, Thöne & Westphal genannt. Die großen Namen stehen weiter in den Regalen, und es bleibt programmatisch bei Bildern, die Geschichte(n) erzählen. Zugleich strebt Westphal mit Malern wie Carsten Kaufhold oder Betti Scholz nach einer Verjüngung des Programms. Was bleibt, ist das Bekenntnis zum Ku'damm, wo einmal das junge Herz der Kunstmetropole schlug. Und er ist nicht allein: Um die Ecke in der Fasanenstraße zeigt ein hochkarätiger Galerist wie Daniel Buchholz Zeitgenossen wie Wolfgang Tillmans. Und auch Johanna Breede, lange Fotoexpertin in Berlins größtem Auktionhaus Villa Grisebach, hat ihre Galerie für Fotografie in der Fasanenstraße aufgemacht. Manche Konstellationen sind einfach unvergänglich

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