Kunst aus dem Ghetto Theresienstadt : Ein Bild von einem KZ

Während Nazis geschönte Bilder vom Ghetto schufen, malten inhaftierte Künstler die Wahrheit.

Propaganda oder Wirklichkeit? Bedrich Fritta zeichnete "Varieté" 1943-44 in Theresienstadt.
Propaganda oder Wirklichkeit? Bedrich Fritta zeichnete "Varieté" 1943-44 in Theresienstadt.Foto: Jüdisches Museum Berlin, Dauerleihgabe Thomas Fritta-Haas, Foto: Jens Ziehe

Von Anfang an sollte es auch die Aufgabe des Ghettos Theresienstadt sein, Bilder zu produzieren. Man kann sagen, das ist gelungen.

Einerseits der Wille der Nazis: Bilder, zu schaffen, die andere täuschen würden. Die dazu führen würden, den Machthabern Menschlichkeit abzunehmen. Bilder, die in Deutschland zeigen sollten, dass in Theresienstadt ein gemütliches, kulturell hochwertiges Zusammenleben im privilegierten „Altenghetto“ möglich war, Theateraufführungen inklusive. Dafür wurden Zeichnungen in Auftrag gegeben, ein Propagandafilm gedreht und Fotos publiziert.

Andererseits die Absicht der Insassen: Die Wahrheit zu zeigen. Den eigenen Ausdruck zu pflegen. In keinem anderen Lager wurden so viele Dokumente von den Häftlingen selbst überliefert. Es ist das Lager, das bildnerisch am besten dokumentiert ist – von beiden Seiten.

Der tschechische Grafiker und Karikaturist Bedrich Fritta, ausgebildet in Paris, leitete das Zeichenbüro in Theresienstadt, das den Ausbau der Garnisonsstadt zum Lager festhalten sollte: Baupläne, Dokumentation und Statistiken wurden hier angefertigt. Ansichten vom Bau des Krematoriums, von Kanalisationsarbeiten und der Gleisanbindung an den drei Kilometer entfernten Bahnhof. Es sind Bilder der Arbeit, Bilder des Fortschritts.

In diesem Büro gab es Papier und Tusche und Talent, denn hier arbeiteten zum Teil bis zu 20 ausgebildete Künstler gleichzeitig in einem Saal. Und abends nutzten sie dieselbe Tusche, dasselbe Papier, um das wahre Bild zu zeichnen. Sie kritzelten und tuschten und aquarellierten nun die Überfüllung im Lager. Den Tod. Die Leichenhalle. Menschen, die auf ihren Abtransport warten, Essensschlangen, Straßenansichten. Das ganze Panoptikum der Kranken, Blinden und Wahnsinnigen. Übervölkerte Unterkünfte in der Stadt, die für 7 000 Menschen ausgerichtet war und nun bis zu 60 000 beherbergte. Es fügt sich auf ihren Bildern, so unterschiedlich sie sind, alles im Gewimmel zu Haufen: Das Gepäck, die Koffer, die Möbel, die Menschen vor dem Abtransport, Hungrige vor der Essensausgabe, Särge im Hof, Theaterpublikum, Leichen auf Karren, die Betten in den Unterkünften.

Zwei Jahre lang malten Fritta und seine Künstlerkollegen Leo Haas, Ferdinand Bloch, Otto Ungar, der Arzt Karel Fleischmann gegen das falsche Bild an, stets im Geheimen.

Bedrich Fritta pflegte in seinen Zeichnungen gern den Strich der schwarzen Kritik, er zeigt die zu Propagandazwecken verschönerte Stadt als Kulisse, dahinter türmen sich die Leichen. Er kritisiert die „Prominenten“, Mitglieder der jüdischen Selbstverwaltung, die im Ghetto Privilegien genießen. Er zeichnet Menschen vor dem Transport, den Schatten ihrer Zukunft schon im Gesicht.

Nur einmal hat Fritta sich in blühender, bunter Fantasie geübt. Als sein Sohn Tommy drei Jahre alt wurde – die letzten zwei davon hatte er im Ghetto verbracht –, schenkte er ihm zum Geburtstag ein selbst gemaltes Bilderbuch. Darin neben echten Szenen, in denen das Kind mit dem Löffel auf den leeren Tisch schlägt, bunte Bilder mit blühenden Wiesen und von einem geöffneten Wurstpaket. Schließlich sollte sich Tommy auch etwas außerhalb der Festungsmauern vorstellen können.

Im Sommer 1944, als man den Zeichensaal vor dem Besuch einer Kommission des Roten Kreuzes durchsuchte, wurden einige inoffizielle Bilder der Maler entdeckt. Wurden die Bilder des Leiters Fritta entdeckt, aber auch die Bilder der anderen. Und wie nannten sie die Werke von Leo Haas, Otto Ungar und Ferdinand Bloch? „Gräuelpropaganda.“

Und Gräuel waren darauf zu sehen. Nur, dass das nicht die Schuld der Künstler war.  

Die Bilder überlebten ihre Schöpfer. Mehr als 100 von Frittas Bildern konnten in einer auf dem Bauhof vergrabenen Blechkiste den Krieg überstehen. Andere Künstler hatten ihre Werke eingemauert und so gut versteckt, dass man sie erst bei der Sanierung der Häuser nach dem Krieg entdeckte.

Die Künstler selbst allerdings wurden eingekerkert, Bloch zu Tode geprügelt, Ungar die Hand zerstört, Haas und Fritta nach Auschwitz deportiert, wo Letzterer starb. Die Propaganda-Fotografien der Gegenseite treiben noch heute unkommentiert in einigen Ausstellungen ihr Unwesen und vermitteln ihr falsches Bild von Fußballspielen und Butterstullen. Der Propagandafilm, der im Sommer 1944 gedreht wurde und unter dem Titel „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ bekannt ist, kam nicht mehr großflächig zum Einsatz. Er wurde zu kurz vor dem Untergang fertig. Einige Fragmente werden in Yad Vashem gezeigt, andere hat das Jüdische Museum in Prag.

Tommy, Frittas Sohn, überlebte. Er wurde nach dem Krieg von Frittas Künstlerfreund Leo Haas adoptiert und wohnt heute in Mannheim. Das Bilderbuch, das er zum dritten Geburtstag bekam, ist zusammen mit den anderen Werken Frittas ab dem 28. Februar im Jüdischen Museum zu sehen.

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