Kunst aus Kirgisistan : Filz macht Geschichte

Die Organisation Shardana bringt kirgisisches Kunsthandwerk nach Europa – und belebt damit die uralte Tradition der Nomaden.

Kirgisische Volkskünstlerinnen beherrschen ihr Fadenwerk perfekt. Die markanten Rankenmuster ihrer farbenfrohen Teppiche, der Shyrdaks, erinnern an das Tien-Shan Gebirge.
Kirgisische Volkskünstlerinnen beherrschen ihr Fadenwerk perfekt. Die markanten Rankenmuster ihrer farbenfrohen Teppiche, der...Foto: Shardana

Sie ist eine Wanderin zwischen zwei Welten. „Ich habe mich immer mit meinem Land identifiziert“, sagt Asel Temirelieva-Meyer, gebürtige Kirgisin. Seit 1994 lebt sie in Deutschland. Vor einem Jahr hat sie die Organisation Shardana gegründet, die kirgisische Frauen dabei unterstützen soll, einen wichtigen Teil ihrer kulturellen Identität zu erhalten: die Kunst des Filzens. Dabei hat sie es geschafft, eine Brücke zu schlagen zwischen Kulturen, die, so scheint es, unterschiedlicher kaum hätten sein können.

Es war vor rund zehn Jahren, als Asel Temirelieva-Meyer eine Handvoll kirgisischer Filzprodukte zum ersten Mal nach Deutschland brachte. „Am Anfang war es bloß ein Hobby“, sagt sie heute. Doch die Idee kam bei den Kunden so gut an, dass es Jahr für Jahr immer mehr wurde. „Filz war damals sehr beliebt in Deutschland", erklärt sie und fügt hinzu: „Er ist einfach für alle Lebensbereiche geeignet“.

Seine enorme Vielseitigkeit wussten schon die uralten kirgisischen Nomadenvölker zu schätzen. Sie haben nicht nur Kleidung und Gegenstände des täglichen Gebrauchs aus Filz gefertigt, sondern auch ihre Zelte, die Jurten daraus errichtet. Gefilzte Wolle passt sich besonders gut dem Klima an, sie isoliert vor Kälte und schützt vor Hitze. Die Verwendung von Filz entwickelte sich so im Laufe der Zeit zu einer reichen Kunst, die bis heute die kirgisische Kultur prägt.

Bunte Ornamente fürs Zuhause.
Bunte Ornamente fürs Zuhause.Foto: Shardana

Ihren Höhepunkt findet sie in den traditionellen Filzteppichen mit ihren einzigartigen Ornamenten, den Shyrdaks. Das Spannende daran: Die Rankenmuster sind alte kirgisische Symbole, die Geschichten über das Leben auf der Bergsteppe erzählen. Seit vielen tausend Jahren entstehen sie in derselben Technik. Und die kennt Asel Temirelieva-Meyer nur zu gut. Sie habe das Filzen schon als kleines Mädchen von ihrer Oma gelernt, erzählt sie. Ein handgemachter Teppich galt vor allem auf dem Land lange Zeit als eine wertvolle Mitgift für die Braut. „Inzwischen wird das nicht mehr so gewürdigt“, sagt sie, fast ein wenig traurig. Das liege wohl daran, dass selbst die kirgisischen Dörfer von dem Einfluss westlicher Konsumkultur nicht verschont blieben.

Hier setzt Shardana mit ihrer Arbeit an. Die Organisation will das Selbstwertgefühl der Kirgisinnen stärken. „Wir wollen das kirgisische Kunsthandwerk modernisieren und die Frauen dazu inspirieren, ihre Tradition weiterzuentwickeln“, sagt Asel Temirelieva-Meyer. Die Initiative soll eine Drehscheibe sein, die Hilfe zur Selbsthilfe leistet. Deshalb arbeite man mit kleinen Frauengruppen, die fern von der Hauptstadt in den Bergen leben.

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