KUNST : „Die sexuellen Posen faszinieren mich nicht“

Leute reden gern über seine Lolitas und Kuschelkatzen, sagt Martin Eder. Warum er kaum Alkohol trinkt und ihn DJ Bobo genial finden könnte.

Interview
Malerstar Martin Eder
Malerstar Martin EderFoto: Mike Wolff

Herr Eder, wir haben uns ein paar ältere Fotos von Ihnen angesehen…

… und? Sah ich besser oder schlechter aus?

Damals wirkten Sie wie ein smarter Investmentbanker, heute wie ein Hippie-Musiker.

Sie haben recht: Ich muss dringend zum Friseur!

Ist Ihnen Ihr Aussehen gleichgültig geworden?

Im Gegenteil. Denken Sie mal an dieses Lied von Freddy Quinn: „Auch wir haben lange Haare, aber gewaschen.“ Ich trage eigentlich den ganzen Tag Anzug, nur jetzt hier im Atelier nicht. Das ist eine Cordhose, aber vom Schneider von Prinz Charles – Gieves & Hawkes.

Warum Anzüge?

Mein Plan ist es, in Würde zu altern. Und Anzüge sind die einzige Möglichkeit, in meinem Alter nicht völlig als Clown dazustehen.

Bekannte Schneider muss man sich leisten können.

Nee, Geschmack hat nichts mit Geld zu tun. Ich habe bei Humana am Alexanderplatz ein Yves-Saint-Laurent-Jackett für 25 Euro gefunden.

Ganz schön geizig, Herr Eder. Ihre Bilder werden für sechsstellige Summen versteigert.

So traurig es ist, von den Auktionspreisen habe ich nichts. Ich verdiene nur, wenn das Bild in der Galerie verkauft wird. Der Galerist bekommt dann 50 Prozent – und von meinem Erlös gehen noch mal 40 Prozent für die Steuern drauf.

Sie haben mal Kätzchen, mal nackte Frauen gemalt. Die „Süddeutsche Zeitung“ verortete die Bilder„irgendwo zwischen Salvador Dalí und Kaufhausmalerei“. Sie selbst sprechen von „Hartz-IV-Kunst“.

Das ist eine flapsige Formel, weil ich Kunst machen will, die auch Menschen auf der Straße verstehen, der Porschefahrer genauso wie die Raumpflegerin. Deswegen male ich Mensch, Tier, Landschaft.

Wir befinden uns in Ihrem Atelier in Mitte, an der Wand die neuen Bilder, auf denen nackte Frauen vor Weltraumkulissen posieren. Sie nennen diese „eine Mischung aus Stanley Kubrick und Marzahn“.

Wobei Marzahn stellvertretend für Normalität steht, für ein Hier und Jetzt. Die Protagonisten auf meinen Bildern sind ja keine Supermodels.

Sondern über- oder untergewichtige Frauen, die sich in andere Welten träumen.

Es geht um Flucht, ums Abhauen, das würde ich ja auch gerne mal selber machen. Dieser Drang, woanders hinzugehen, ist doch eines der großen Mysterien der Menschheit.

Auf Ihren Malereien gehts ins All.

Das ist eine Fantasie, sich an einen Ort zu wünschen, wo noch keiner ist. Da gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder gehen Sie nach unten, Richtung Erdmittelpunkt und Grab, oder nach oben in den Weltraum. Und ich verschwinde in den Bildern aus dem ganzen Matsch aus UKW- und Handywellen. Der Beuys-Sammler wird meine Bilder nicht mögen, DJ Bobo findet die vielleicht genial.

Sie sehen wie mit der Lackpistole gemalt aus.

Ich bin Opfer der 80er Jahre, komme aus einem Dorf bei Augsburg, aus Batzenhofen. Als Jugendlicher haben mich die Motorhauben mit diesen Airbrushmotiven fasziniert, die schwarzen Panther und halbnackten Frauen. Als 12-Jähriger findet man geil, was 18-Jährige tun. Und das brennt sich in die Hirnrinde ein. Genauso wie ich noch die Werbelieder aus der Zeit im Kopf habe – das von Shamtu-Shampoo kann ich noch mitsummen. Die Erinnerung ist ein sicherer Hafen.

Die neuen Bilder sind nach einer Pause entstanden.

Die habe ich mir genommen, weil ich vor zwei Jahren einen Sohn bekommen habe. An diesen neuen Collagen arbeite ich schon seit einem Jahr.

Was haben Sie während der freien Zeit getan?

Mich um das Kind gekümmert, Windeln gewechselt, Essen gemacht. Wer über das Leben redet, muss auch daran teilnehmen. Was nützt es mir, wenn ich ein geiles Bild gemalt habe, was ich auch noch in fünf Jahren hinbekommen hätte, aber nicht erlebe, wie mein Sohn aufwächst?

Haben Sie mal überlegt, aufzuhören?

Darüber denke ich schon immer nach. Ich bin nicht der Meinung, dass man sein Leben lang Künstler sein muss. Der alte Picasso, der in einer Handtuchwindel in Antibes herumrennt und Tonteller bekratzt – das muss nicht sein.

Picasso beeindruckt Sie nicht?

Doch, in dem Sinne, wie furchtbar der ist. Er ist für mich ein Mysterium. Was will er? Wenn ich eine Dame mit Geige male, brüllen die Kritiker: Kitsch! Picasso hat zehn Jahre lang Geigen in Ton mit Karton collagiert, noch eine Dörrblume draufgeklebt, und da schreit keiner.

Hatte Ihre Pause auch damit zu tun, dass Sie nicht mehr malen müssen? Weil der ökonomische Druck weg ist.

Ich bin so unberühmt, das können Sie sich gar nicht vorstellen. Was ich vor fünf Jahren gemacht habe, interessiert keinen Menschen mehr. Und das ist gut so. Ich habe früher jahrelang in Augsburg in einem Keller gewohnt, das kann ich morgen wieder. Will ich nur nicht. Den Kunstmarkt von 2005, den gibt es auch nicht mehr.

Wie sah der damals aus?

Auf einer Kunstmesse wie der in Miami haben Leute vor der Tür gewartet wie beim Winterschlussverkauf. Als die Tore aufgesperrt wurden, rasten die wie bekloppt die Gänge entlang, um in 20 Minuten alles zu kaufen. Das Geld war schamlos, das war furchtbar für die Kunst.

Andererseits bekamen Sie gerade aus den USA positive Reaktionen.

Die Amis sind das genaue Gegenteil der deutschen Kunstsammler: lässige und zurückgenommene Menschen. Die haben nicht alle Motive hinterfragt. Was für mich gut war, so kam ich leichter in interessante Sammlungen hinein.

Stimmt es, dass nirgendwo so viel getrunken wird wie in der Berliner Kunstwelt?

Ich trinke fast nichts. Täte ich das noch, würde ich völlig durchdrehen. Ich vertrage kaum was und erzähle dann nur Müll. Das erspare ich allen lieber.

Keine gelungene Vernissageparty im Grill Royal?

Meine Vernissagen sind selten gelungen, und ins Grill Royal gehe ich aus Zeitmangel kaum. Es gibt Künstler, die tun den ganzen Tag nichts anderes als Networking. Ich frage mich immer: Wann machen die ihre Kunst? Malen ist leider ein Vorgang, der sehr lange dauert. Ich habe kürzlich im Kino den Dokumentarfilm über Gerhard Richter gesehen. Da dachte ich: Mein Gott, ein Genie!

Warum?

Die Idee, einfach so einen wunderschönen Farbschmotter auf die Leinwand zu bringen, dann drei Mal mit einem Brett rüber und fertig – das ist super. Den bewundere ich für seine Effizienz. Er hat es verdient. Leider habe ich noch keinen Trick, solche Ruckzuck-Kunst zu machen.

20 Millionen Dollar für ein Bild von Richter. Macht Sie das fassungslos?

Ich freue mich. Ich erinnere mich, ich habe vor vier Jahren auf einer Party in Berlin mal jemanden getroffen, der ganz früh ein Bild von mir gekauft hatte, für einen Witzpreis von 8000 Euro. Der hatte das nur angezahlt, ein paar Jahre lang die Bezahlung hinausgezögert und blitzschnell überwiesen, als er es auf einer Auktion teuer verkaufen konnte. 540 000 Dollar hat er dafür bekommen. Den sehe ich also an der Bar und sage: Hey, jetzt ist doch der Zeitpunkt gekommen, dass du mir mal einen ausgibst. Und was macht der? Wird ausfallend und aggressiv.

Sie haben mal gesagt, Sie sind ganz froh, wenn die Bilder weg sind. Horten Sie keine im Keller?

Die meisten Jugendsünden habe ich vernichtet. Von meinen anderen Werken habe ich nichts aufgehoben. Weil ich die überhebliche Meinung habe, ich weiß ja, wo es die Bilder gibt, ich kann einfach ein neues malen. Mache ich nur nie. Ich habe auch keine Bilder zu Hause an der Wand.

Sammeln Sie keine Kunst?

Och nö. Bei mir hängen Fotos an der Wand, aus meinem Leben, wo ich mal war, wo meine Familie zu sehen ist. Die Bilder geben mir einen Echo-Effekt, dass es mich gibt. Ich sammle nur kleine Kunstgegenstände, afrikanische Skulpturen.

Norbert Bisky malt seine Bilder von rechts oben nach links unten. Und Sie?

Ich nehme erst mal Fotos auf, mit Modellen aus Marzahn oder so. Da ich das schon so lange mache, funktioniert das wie ein Schneeballsystem. Wenn ich eine fotografiert habe, rufen drei aus ihrem Umfeld an oder schreiben mir eine E-Mail. Die blühen richtig auf im Atelier.

Sie auch, wenn die nackt hier liegen?

Mich interessiert nicht deren Nacktheit. Das ist so ein Vorurteil: Angeblich mache ich eine Kunst aus Lolita, Porno und Kitsch. Die sexuellen Posen faszinieren mich nicht, sondern das Fleischkostüm eines Menschen und was wir als Wünsche oder Bedeutung darauf interpretieren. Das ist doch sehr schlicht gedacht, wenn ein Kritiker sagt: Ich sehe eine Nackte in komischen Farben – das ist Kitsch.

Es hat Ihre Kunst sehr bekannt gemacht.

Weil die Leute gerne über Lolitas und Kuschelkatzen reden. Was ich ja auch male. Ein Credo ist mir wichtig: Menschen sollen auf Bildern nicht viel machen. Ich bin dafür, dass sie ihre Ruhe behalten. Bei mir wird es nie jemanden geben, der Fußball spielt. Meine Protagonisten sitzen nur rum. Ich möchte es möglichst langweilig im Bild haben.

Warum denn das?

Ein Bild ist aufgrund der Herstellung wie eine Zeitbatterie. Ich zahle mit jedem Strich Tag für Tag darauf ein. Ich finde, ich bin es dem Bild schuldig, dass es diese Ruhe behält.

Ihre Mutter war technische Zeichnerin. Angefangen mit dem Malen haben Sie als Kind dank ihr.

Als ich vier war, hat meine Mutter Heimarbeit für eine große Ingenieursfirma gemacht. Einmal die Woche musste sie die Zeichnungen abgeben. Da hat sie mich mitgenommen, und damit Ruhe war, wurde ich im Keller abgegeben, in einer großen Lichtpauserei. Ich habe irgendetwas zum Abzeichnen bekommen, komische Motorenteile meist. Zum ersten Mal habe ich damals festgestellt, wie schnell ich Menschen mit relativ geringem Aufwand beeindrucken kann. Das war der Beginn meiner großen künstlerischen Faulheit.

Nach dem Abitur haben Sie in den 80er Jahren als malender Clown im Swingerclub „St Tropez“ in Burtenbach gearbeitet, zwischen Augsburg und Ulm.

Das war sehr gut bezahlt. An einem Abend hatte ich zwei Monatsmieten drin.

Warum brauchten die einen Clown?

Einfach aus Unterhaltungsgründen. Mich hat mal einer angerufen: Hey, du bist doch Maler, willst du nicht bei uns arbeiten? Ich habe ein Kostüm angezogen und auf die Haut kleine Motive gemalt, Sonnenblumen, Käfer, Kartoffeln, so was.

Sie scherzen.

Na ja, was die Leute haben wollten. Ich habe mich schnell an ein Arztniveau gewöhnt. Es ist ja nicht so, wie man sich das im Softporno vorstellt, lauter 25-Jährige mit gestähltem Körper. In so einem Club gibt es das gesamte Spektrum. Ich habe das nur ein Vierteljahr gemacht. Aber es war schon komisch, wenn ich in der Stadtbücherei denjenigen gesehen habe, den ich gestern angemalt hatte.

War das eine Inspiration für die Nacktmalerei?

Vielleicht waren die Nackten ein Initialzünder. Durch den Anblick vieler Kategorien von Körpern, alt und jung, dick und dünn, kommt man dieser Körpermalerei schon einen Schritt näher.

Eine wichtige Station war die Kunsthochschule Dresden, die Sie von 1996 bis 2000 besuchten. Sie als Westdeutscher…

… es war schon finster. Als ich dort ankam, gab es noch Gaslaternen und alles sah aus wie ein Filmset von „Berlin Alexanderplatz“. An der Akademie war die Stimmung gereizt. Bei manchen Kollegen konnte ich spüren, wie die im Herzen eine aggressive Abneigung gegen alles Neue trugen. Ich wollte niemanden missionieren, wie großartig der Westen sei. Fand ich ja selber nicht. Aber es hieß immer: Du bist ein Wessi!

Was ist damals künstlerisch mit Ihnen passiert?

Auf einer Akademie passiert gar nichts, das ist ein soziales Alibi, man ist nur weg von der Straße. Eigentlich gammelt man nur rum. In so einer Akademie sind das einzig Interessante die Gespräche, in denen man kritisiert wird. Da kommen Menschen und erzählen, was sie von den Arbeiten halten. Das ist durchweg Müll, aber man ist konfrontiert mit einer ganz harschen Kritik, die zum Teil persönlich motiviert ist. Das Wertvolle daran war die Frage: Wie gehe ich damit um? Das hat mich geschärft, ich musste mich rechtfertigen und genau überlegen: Warum tue ich das genau so?

Gab es einen wiederkehrenden Vorwurf?

Ja. Der rote Faden war zu der Zeit das Tieferlebte und Gespürte. Das haben die bei mir vermisst.

Ihr Galerist Harry Lybke hat davon erzählt, wie verpönt Malerei bis in die 90er Jahre an den Kunsthochschulen war. Zitat: „Mit einem Pinsel in der Hand hast du nicht mal eine Frau abgekriegt.“

Ich habe nur mit der Malerei begonnen, weil ich diese frühkindliche Erfahrung hatte, wie ich damit schnell zu einem Ergebnis komme. Malen bedeutet: Man hat ein Stück Holz in der Hand, mit Schweineborsten daran, die tunkt man in einen Farbbrei und schmiert das auf einen textilen Träger. Wie bekloppt ist das eigentlich?

Können Sie das Comeback der Malerei erklären?

Malerei ist eine gut handelbare Ware. Deshalb wurde sie stark propagiert. Der andere Grund ist: Es steckt etwas in der Malerei drin, das der Mensch einfach liebt. Ich weiß nicht, warum. Genauso wie er Holztische mag, aber keine aus Aluminium. Es ist die Sehnsucht nach Wärme, die tief in uns atavistisch schlummert.

Sie denken viel über Malerei nach?

Nein, eigentlich interessiere ich mich nicht für Malerei. Fürs Malen, das schon, den handwerklichen Vorgang mag ich, aber dieser Lifestylemoment geht gar nicht. Ich habe mal einen deutschen Maler auf einem Foto gesehen. Den Namen hab’ ich vergessen. Auf dem Bild liegt der in einem Unterhemd und hat die Hand am Sack wie ein Sexsymbol. Ein Mal-Arbeiter, der nach getanem Tagewerk auf seiner tief durchdrungenen Terpentincouch liegt, um ihn rum noch eine abgemümmelte Mandarine. Ich lach’ mich tot, aber das bin ich nicht.

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