Zeitung Heute : Kunst en passant

Beim Festival Bergen wird die Stadt einbezogen

Ein Mann hängt im Park mit dem Kopf nach unten und spielt Geige. Nichts scheint unmöglich, wenn die Festspiele Bergen einladen. Das bedeutendste Festival Norwegens für Theater und Musik spielt sich nicht nur in Konzerthallen und Theatersälen ab, sondern die Künstler agieren in der gesamten Stadt: Kunst en passant. Das entspricht der norwegischen Vorliebe für Egalität, auch auf Straßen und Höfen soll Kunst gezeigt werden, die einem hohen Anspruch gerecht wird und auch Menschen erreicht, die sonst nicht ins Konzert gehen.

Seit 1953 hat das Festival viele Stadien durchlaufen, zunächst war es Norwegens einziges „Fenster nach draußen“, wie es der neue Festspielleiter Per Boye Hansen nennt, ein Festival für Künstler aus der ganzen Welt. Heute möchte der agile Direktor eigene Akzente setzen. Das Selbstbewusstsein ist gewachsen: „Wir müssen Impulse nach außen geben und selbst produzieren. Wir müssen etwas tun, was andere nicht tun. So laden wir den Katalanen Calixto Biaito ein, Ibsens „Brand“ neu für uns zu inszenieren.“

Ein spektakuläres Ereignis wird die Aufführung der Oper „L’amour de loin“ der finnischen Komponistin Kaaija Saariaho, mit der das Festival am 21. Mai eröffnet wird. Die Oper hatte im Jahr 2000 in Salzburg Premiere und ist anschließend an vielen Orten aufgeführt worden. Doch für Bergen hat sich Per Boye Hansen etwas Besonderes ausgedacht. Er hat das Künstlerduo Ingar Dragseth und Michael Elmgreen, die auch an der Komischen Oper in Berlin gearbeitet haben, eingeladen, das Werk für Bergen zu inszenieren. Zusammen mit dem Trickfilmstudio Fabulab in Kopenhagen haben sie einen Animationsfilm in den Farben Blau, Weiß und Schwarz produziert, der alle Register der digitalen Bildgebung nutzt, ohne in hektische Videoclip-Ästhetik zu verfallen. Das Libretto von Amin Maalouf erzählt von der Liebe des mittelalterlichen Troubadours Jaufré Rudel zu einer Dame im fernen Tripoli. „Uns hat die Parallelität zwischen der Liebesgeschichte aus dem Mittelalter und der heute auch möglichen unerfüllten Liebe im Global Village mit Internet und E-Mail fasziniert“, sagt Ingar Dragseth bei der Präsentation einer kleinen Kostprobe im Felleshus. In der Grieghalle in Bergen wird der Film auf einer riesigen Leinwand über den Darstellern gezeigt. Ein Bühnenerlebnis, bei dem die Sänger mehr als den Soundtrack liefern. R.B.

Weitere Informationen im Internet: www.fib.no

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