Kunst im Bau : Der Geruch des Sommers

Das Büro als Ausstellungsort: Ursprünglich sollte die Gasag-Sammlung die Mitarbeiter animieren. Nun muss sie sich im Museum bewähren.

Eigentlich war die künstlerische Ausgestaltung des Shell-Hauses abgeschlossen. Doch dann lag da plötzlich ein Stück grüner Teppich in einer Flurnische, darauf ein Legomännchen, ein Plüschhamster, eine Engelsfigur auf Skiern – eine augenzwinkernde, spontane Komposition zweier Mitarbeiterinnen. Die Gasag-Sprecher Klaus Haschker und Birgit Jammes lachen stolz, als sie davon erzählen. Das Projekt „Kunst im Bau“, in dessen Rahmen Flure und Treppenhäuser des denkmalgeschützten Shell-Hauses mit zeitgenössischer Kunst ausgestattet wurden, hat bei der Belegschaft offenbar inspirierend gewirkt.

Von 2002 bis 2007 hat die Gasag im Rahmen des Projekts mit dem Kunstverein Kunstfabrik am Flutgraben kooperiert, erklärt Jammes. Die Idee: Mit dem Verein assoziierte Künstler sollten zwei Etagen pro Jahr beleben, zudem besondere Orte wie den Innenhof, die Kantine oder das Dach des 1930/31 nach einem Entwurf von Emil Fahrenkamp entstandenen Hauses. Innerhalb von fünf Jahren wuchs die Sammlung so auf 38 Positionen von 42 Künstlerinnen und Künstlern an.

Nun verlässt die Gasag das Shell-Haus. Die Sammlung zieht komplett in die Berlinische Galerie. Neun Kunstwerke, die nicht mit umziehen können, weil sie beispielsweise direkt auf Flurwände angebracht sind, kommen zumindest als Exposés, also als detaillierte Beschreibungsmappen mit. Und was passiert mit den Originalen? Noch wisse man nicht, wer Nachmieter werde, sagen die Sprecher. Aber: „Wir wollen uns in jedem Fall dafür stark machen, dass die Kunst erhalten wird.“

Alle Werke der Sammlung stammen von jüngeren, bisher kaum etablierten Künstlern – „Nachwuchsförderung ist uns sehr wichtig“, sagt Birgit Jammes. Nicht der Aufbau von Vermögenswerten war das Ziel, sondern der Dialog zwischen den Künstlern und dem Unternehmen. Die Entscheidungen der Auswahljury, der immer vier Personen aus dem Berliner Kunstleben sowie ein jährlich wechselnder Gasag-Mitarbeiter angehörten, wurden vom Unternehmen stets respektiert. Zusammengekommen ist ein vielfältiges Spektrum künstlerischer Positionen: konzeptuelle Eingriffe, großformatige Fotoarbeiten, Gemälde, Objekte, raumbezogene Installationen und partizipatorische Arbeiten.

Die Werke spielen mit der Architektur des Hauses, mit der Gasag oder mit dem Produkt Gas – und beziehen auch die Mitarbeiter mit ein. Markus Strieders „Parallelbeschilderung“ etwa beschreibt zusätzlich zu den üblichen Bürotürschildern, die auf Raumnummer und Mitarbeiterfunktion hinweisen, Sinneseindrücke aus dem Arbeitsalltag. „Geräusche von der Baustelle“ steht auf einem von insgesamt 49 Glasschildern, auf einem anderen steht „Geruch des Kanals im Sommer“. So werden Wahrnehmungen geschärft, Gespräche angeregt – ein Büro ist schließlich auch ein Lebensraum.

Das neue Gebäude am Hackeschen Markt, in das die Gasag im Herbst ziehen will, wird etwas weniger von künstlerischen Eingriffen geprägt sein. „Wir haben dort ein neues, offenes Bürokonzept“, erklärt Sprecher Haschker, „dort gibt es kaum Wände.“ Ganz ohne Kunst müssen die Mitarbeiter trotzdem nicht auskommen. Mehr als 20 Werke, die dem Unternehmen aus dem Kontext des Gasag-Kunstpreises gehören, werden mit umziehen. Außerdem arbeite man mit den Experten der Berlinischen Galerie zusammen, um ein Konzept zu finden, das neue Gebäude zu „bespielen“. Erst einmal müsse man ankommen. Aber dann seien Ausstellungen, Kulturveranstaltungen, After-Work-Parties denkbar. „Da fällt uns etwas ein“, sagen die Sprecher. „Wir sind selbst gespannt!“

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