Zeitung Heute : Kunst im Bau

Die Generation der Mittdreißiger ist eine Generation von Angsthasen mit Flachbildschirmen. Sagt ein Designer-Duo und hilft, etwa mit einem Baumhaus im Wohnzimmer. Den Kunden ist es ausdrücklich erlaubt, sich darin wohlzufühlen.

-

Von Tanja Stelzer

Wer Julia Thesenfitz und Christian Wedekind um ein Foto bittet, bekommt eines, auf dem sie aussieht wie er und er wie sie. Das liegt an den Perücken: Sie trägt eine mit seiner Frisur, er eine mit ihrer. So hat der Mann lange blonde, die Frau kurze braune Haare. Die beiden mögen es, wenn man sie für ein wunderliches Paar hält. Dass die Leute den Kopf über sie schütteln, ist ihr Job.

Thesenfitz und Wedekind lassen Tapetenbahnen waagerecht aus der Wand herauswachsen, als Beistelltisch. Sie entwerfen Streichhölzer, die ewig brennen, sie verzieren einen Raum mit dem überdimensionierten Bild eines kitschigen Wandtellers, hängen eine vergrößerte Version einer Fertigmenü-Aluschale als Regal an die Wand (zu besichtigen in der Hotellobby des „Ku’damm 101“). Sie machen Tischsets aus dem bleistiftbekritzelten altrosa Einschlagpapier der letzten Metzgermeister alter Schule.

„Roomservice“ heißt ihr Möbel- und Innenausstattungsladen in Hamburg-Eppendorf, wobei, Möbelladen stimmt nicht ganz, denn manchmal gefällt den beiden ein Objekt so sehr, dass sie sich weigern, es zu verkaufen. Sie finden es ohnehin seltsam, einen Wert festzulegen. Man könnte auch sagen, dass es sich bei „Roomservice“ um eine Galerie handelt, Wedekind und Thesenfitz hatten Ausstellungen in Köln, Frankfurt am Main, Zürich, Berlin. Aber Christian Wedekind wendet ein: „Wir machen Kunst und doch nicht Kunst.“ Sie wollen „die Kunst ins Wohnzimmer holen“.

Das erste Produkt von „Roomservice“ war ein Teppich, der aussah wie ein überdimensionierter Putzlumpen. Ihr Prinzip nennen sie „Umwertung“: Sie sehen das Aufregende im Banalen, das Schöne im Hässlichen. Immer auf der Suche nach einer guten Pointe. Billig sind die Pointen (wenn Thesenfitz und Wedekind sich denn dazu entschließen, sie zu verkaufen), jedoch nicht. Die Tapete mit Tisch zum Beispiel kostet, je nach Ausführung, zwischen 1300 und 1500 Euro.

In der „Roomservice“-Küche, die eigentlich nicht viel mehr ist als ein weißer, mitten im Raum stehender Block mit einigen schrägen Kante, erscheinen die beiden im Original: Sie langhaarig, er kurz. „Kaffee?“ Julia Thesenfitz bittet in die Küche, sie klappt eine Abdeckung hoch, pfffft, ein Geräusch wie von einer Kofferraumklappe, „Gasdruckfedern“, sagt sie, „wir haben lange daran getüftelt.“ Unter der Abdeckung: Herdplatte, Kaffeekanne, Spüle. Unter anderen Abdeckungen und hinter anderen Türen des weißen Blocks verbergen sich der Kühlschrank und ein Minibüro mit EC-Karten-Leser. Die Küche heißt „Schrumpf“, das befreundete Künstlerduo Rindfleisch & Rapedius hat sie gebaut, und jetzt, auf den zweiten Blick, erkennt man: Die Konturen des Blocks entsprechen der Form des Raums. Als wäre die Küche in der Waschmaschine eingelaufen.

Julia Thesenfitz und Christian Wedekind sind 35, und manchmal wundern sie sich über ihre Generation, die so unbedingt modern sein will und dabei so große Angst hat, etwas falsch zu machen. Klare, strenge Formen in allen Einrichtungshäusern, Flachbildschirme, wunderbar! Aber beim Loswohnen merken die Menschen auf einmal, dass die neuen Möbel nicht zu ihrem Leben passen. Sie sind zu kalt. „Warum nicht einen der schicken Flachbildschirme in ein altes Kasperltheater setzen?“, fragt Julia Thesenfitz. Christian Wedekind sagt: „Unsere Altersgruppe klammert sich an Marken und Namen. Sie weiß immer, was gar nicht geht, aber wie sie wirklich wohnen will, weiß sie nicht.“

Wer vielleicht ahnungslos, aber mutig ist, lässt sich von Thesenfitz & Wedekind beraten. Eine intime Angelegenheit, sagt Christian Wedekind. Er, der Architekt, und sie, die Kommunikationsdesignerin, besuchen ihre Kunden zu Hause und gucken: Wie lebt der Mann, die Frau? Dann fahren sie wieder, kochen sich einen „Schrumpf“-Kaffee und warten auf die Pointe. Kann sein, dass sie dem Kunden dann vorschlagen, im Wohnzimmer ein Baumhaus zu bauen. Kann auch sein, dass den Kunden angesichts des Baumhauses der Mut verlässt und Thesenfitz & Wedekind am Ende bloß einen Paravent aus alten Brettern zusammenzimmern. „Meistens fangen wir mit einem Extrem an“, sagt Christian Wedekind, „und dann müssen wir abspecken.“ Man soll sich, trotz aller Kunst, wohl fühlen. Im Wort „Roomservice“ steckt ja auch die Dienstleistung.

U-Bahn-Station Hamburg-Steinstraße, Julia Thesenfitz und Christian Wedekind verlieben sich, beide, aber (noch) nicht ineinander, sondern in eine hölzerne Wartebank aus den 60er Jahren. Massives Holz, kaugummiverklebt, Mülleimer an der Seite, zwei Sitzflächen, die Wartenden sitzen Rücken an Rücken. Dann, auf einmal, inzwischen sind Thesenfitz & Wedekind ein Lebens- und Geschäftspaar, ist die Bank weg. Ein Modernisierungsopfer, von städtischen Arbeitern auf dem Bahnsteig zersägt. Heute glänzt in der U-Bahn-Station Edelstahl, die Sitzschalenbauweise verhindert, dass sich jemand lang macht.

Eine weitere Holzbank aus der Station „Wandsbek Markt“ können Julia Thesenfitz und Christian Wedekind retten. Ein Jahr lang kämpfen sie mit den Behörden, denn Staatseigentum, da gibt es eine Verordnung, darf nicht verkauft, bloß recycelt werden. Es ist nicht einfach, den Beamten zu vermitteln, was sie mit der Bank vorhaben, sie wissen es ja selbst noch nicht genau. Vielleicht wäre es auch noch schwieriger, wenn die Beamten wüssten, wie es mit der Bank weitergeht. Irgendwann jedenfalls fällt den Behördenmenschen nichts mehr ein, und eines Nachts darf das wunderliche Paar die Bank abholen. Die beiden schrauben die Mülleimer ab, schaben die Kaugummis runter und überlegen, was sie mit ihrem Schatz eigentlich machen sollen. Sie assoziieren: U-Bahn-Station – Ekel – Taubenkot, und auf einmal ist alles klar.

Thesenfitz & Wedekind fahren nach St. Pauli, was so ungefähr das Gegenteil von Eppendorf ist, wo „Roomservice“ zu Hause ist. Sie heuern ein paar Penner an, geben ihnen hellgraues Mohairgarn und bitten sie, Platz zu nehmen und seltsam geformte Fladen zu häkeln: Taubenkot. Die Penner finden, das sei überhaupt kein seltsames Anliegen, sie haben Spaß daran, Gage und Bier mögen den Spaß noch steigern. „Tempi di merda“ heißt das Kunstprojekt. „Weil überall manipuliert und beschissen wird, und weil sich mit Scheiße hervorragend Geld verdienen lässt, versuchen wir es mal offensichtlich“, erläutert ein Flyer die Installation, die vergangenes Jahr bei den Hamburg Design Days präsentiert wurde.

Die Taubenkotfladen, entworfen von einer Modedesignerin, findet Julia Thesenfitz noch heute „richtig schön“. Und für die Patina der Bank, entstanden durch Pennerpisse, Taschenmesser, Kaugummis, kann sie sich noch immer begeistern. Jetzt steht die Bank im Showroom zum Verkauf. Die schicken Damen von Eppendorf sind hingerissen von ihrer Schönheit.

Roomservice. Thesenfitz & Wedekind, Lehmweg 56, 20251 Hamburg-Eppendorf. Telefon 040/4808672.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben