Zeitung Heute : Kunst im Bau

Ein sehr spezielles Haus ist das, seit 1890. Hier zu wohnen, ist ein Privileg. Einblicke in eine kleine Berliner Festung.

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Von Johanna Lühr S-Bahnfahrerer sehen es nur ein paar Sekunden, direkt an den Gleisen zwischen Zoologischer Garten und Savignyplatz. Ein merkwürdiges Gebäude, mächtig und dunkelgelb, ein bisschen aus den Fugen geraten. Auf dem Dach ein kleines Turmhaus mit spitzem Dach, Schornstein und Fenstern. Wie ein Hexenhäuschen hockt es da oben.

Künstlerhaus St. Lukas, Fasanenstraße 13, Berlin-Charlottenburg.

Der Blick des Fußgängers hangelt sich an der Backsteinfassade hoch: Bogenfenster, beblümte Balkone, Pferdeköpfe unter dem Dachsims, steinerne Löwen, Bären und Lorbeerkränze. Nur das Hexenhäuschen ganz oben scheint plötzlich verschwunden, zu steil ist der Blickwinkel. Oder war es nie da?

Links rattert die Bahn vorbei, weiter hinten liegt das jüdische Gemeindehaus, rechts zwei Häuser weiter ein asiatisches Restaurant, gegenüber ein Bistro mit Korbstühlen. Im Haus Nummer 13 scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Ein Tor verschließt die Einfahrt, hinter dem Eisengitter wuchern im Hof grüner Farn und Efeu, ein Löwenkopf speit Wasser, ein Stück Fachwerk durchbricht die Mauer dahinter.

Eine verwunschene Märchenburg, wären da nicht die Klingelschilder mit der Sprechanlage aus Edelstahl gleich unter dem Berliner Bären links am Eingang. Die Namen wiederholen sich: zweimal Buczynski-Beckmann, zweimal Lankers, zweimal Heckmann, viermal Jänisch. Denn hier hat man Wohnung und Atelier, so hatte es der Architekt Bernhard Sehring gewollt, als er das Haus 1890 baute. Maler und Bildhauer sollten hier wohnen und arbeiten, in einer Wohnung lebte Sehring selbst. Und heute?

„Es ist eine Ehre“, sagt Manfred Heckmann, „eine Gunst“, sagt Bodo Buczynski, „ich hätte nie abgesagt“, sagt Bernhard Lankers. „Hier zieht man nicht aus“, sagt Anni Jänisch.

Das Künstlerhaus verlässt man nur mit den Füßen voran, ist man sich hier einig. So altern Haus und Bewohner zusammen, und wenn dann doch mal eine Wohnung frei wird, bleibt sie in der Familie – es sei denn, ein neuer Bewohner wird erwählt. Denn wer hier wohnen will, muss sich bewerben. Nichtbewohner schaffen es noch nicht mal bis in den Hof.

Der Schlüssel zum Haus ist Anni Jänisch, seit den 20er Jahren gehört das Haus ihrer Familie. Erst besuchte die kleine Anni hier ihren Großvater, vor 50 Jahren zog sie dann selbst ein. Und wacht jetzt über das Haus und seine Bewohner. Eine zierliche ältere Dame mit weißem Haar öffnet das Tor. Zum Haus gebe es doch eigentlich nichts zu sagen, hatte sie schon am Telefon gesagt, stehe doch alles in Büchern. Nur heute, am Tag des offenen Denkmals, wird sie Besuchern das Haus zeigen, die Führungen sind lange vorher ausgebucht. Einmal im Jahr reicht, sie bleibt im Hof stehen. Schließlich sei es ein Wohnhaus und kein Museum!

Dann kommt sie doch mit ein paar Namen, Theodor Fontane war mal als Gast da und Ernst Barlach zur Zwischenmiete und dort oben, sie knufft einen in die Seite, bastelte Käthe Kruse ihre ersten Puppen. Aber auch heute mangele es nicht an Prominenz, oh nein: Vorne ist die Galerie Sprengel&Winkler, die Baselitz betreute, und manchmal kommt noch der Lüpertz vorbei. Da oben, wo der Balkon herausragt, wohnt die Bethmann-Hollweg, die Enkelin des Reichskanzlers. Und dann der Maler Dennig und die Musiker Krickeberg, und da hinten arbeitet die Tochter des Filmproduzenten Horst Wendlandt.

Und wie kommt man nun hier herein? Künstler müsse man schon sein oder mit Kunst zu tun haben, sagt Anni Jänisch. Mehr sei dazu nicht zu sagen. Der Hofgang ist beendet.

Früher, so kann man in einem Buch über besondere Berliner Orte von Carl-Peter Steinmann lesen, muss es hier hoch hergegangen sein. Bernhard Sehring, der auch das Theater des Westens und den Delphi-Palast entwarf, liebte es, extravagant zu feiern. Seine Hoffeste waren legendär. Da die meisten der Künstler-Bewohner erst kurz vor dem Durchbruch standen, lud er die potenziellen Kunden gleich dazu ein. An den Freitagabenden strömte die Charlottenburger Upperclass in Frack und Abendkleid in den Hof, wo sie vom Hausherrn mit einem Glas Champagner empfangen wurde. Der Portier und seine Frau servierten Würstchen und Sauerkraut. Dass Sehring zur Selbstdarstellung neigte, ist immer noch sichtbar: Ein „S“ im Wappen hängt fast an jeder Brüstung. Und an der Mauer im Hof ist er als Ritter in den Stein geschlagen.

Als der Mäzen 1941 starb, erlosch auch die Tradition der Freitagabende.Und was ist davon geblieben? „Gehen Sie mal vorne zu Herrn Heckmann, der kann ihnen vielleicht etwas erzählen“, sagt Frau Jänisch.

Vorne, das ist der Antiquitätenladen rechts neben dem Eingang und Manfred Heckmann, 70 Jahre, ein großer Mann mit kindlicher Energie. Ab und zu versammelt man sich hier, um eine Flasche Wein zu leeren. Korkenzieher hat Heckmann jedenfalls genug, um die tausend Stück. Seine Sammlung hat ihm sogar einen Eintrag ins Guinness-Buch eingebracht, hier verschwindet sie zwischen Kristallgläsern, Broschen und Porzellantellern. Seit 30 Jahren hat er den Laden, im ersten Stock liegt sein Atelier. Es sei eine Ehre, hier zu arbeiten, sagt er. Dieses Haus habe schon eine ganz besondere Energie, die mit den Jahren gewachsen sei. In seinem Atelier kann er die vergangene Zeit nicht nur spüren, sondern auch sehen: Fünf Meter ist sie hoch, die Palme neben seinem Werktisch, die er bei seinem Einzug gekauft hat. Heute reicht sie fast bis zur Decke, durch die riesigen Fenster scheint die S-Bahn geradewegs in sie hinein zu fahren. Warum er nicht auch noch eine Wohnung hier hat? „Ich hab doch schon Atelier und Laden“, sagt er, das reiche, mehr wäre nicht gerecht. Und gerecht sei Frau Jänisch nun mal.

Kurzer Halt im Treppenhaus. Messingleuchter hängen von den Decken, Gemälde an den Wänden, Goldbordüren folgen dem Treppenlauf. Davor stehen Skulpturen und Büsten, die Bernhard Sehring von seinen Reisen aus Italien mitgebracht hat. Durch das matte Glas der schmalen Fenster wirkt der Hof noch verwunschener.

Und wie sehen die Wohnungen von innen aus? „Fragen Sie doch mal den Buczynski, ist ein Freund von mir“, sagt Herr Heckmann.

Besuch bei Bodo Buczynski, 56 Jahre. Er ist Chefrestaurator beim Bode-Museum und wohnt wie Heckmann seit drei Jahrzehnten im Künstlerhaus, in seiner Wohnung war früher mal eine Tanzschule untergebracht. Heute steht eine weiße Couch vor dem Kamin, eine Treppe führt hinauf zu seiner Bibliothek auf der Galerie, im Arbeitszimmer gucken die Putten von der Decke. Seine Frau, auch Restauratorin, arbeitet im Studio vorne im Haus, im ehemaligen Atelier von Käthe Kruse.

Hier zu wohnen sei eine Gunst, sagt Herr Buczynski mit angenehmer Stimme. Man kenne sich, aber man sei nicht zur Gemeinschaft verpflichtet, letztlich seien sie doch alle Individualisten. Da sei es schon ganz gut, dass Frau Jänisch das Tor geschlossen halte. Beim Tag des offenen Denkmals säßen immer gleich ein paar in der Brunnenschale, und einmal ist einer einfach so hereinspaziert bei ihm. Der Trubel sollte lieber draußen bleiben.

„Wir haben übrigens auch eine junge Familie hier“, sagt Herr Buczynski.

Die jüngste Bewohnerin ist eindreiviertel Jahre, ein Blondschopf und sitzt auf einem Schaukelpferd. Der Vater, Bernhard Lankers, 43, Bildhauer, steht an seinem Arbeitstisch vor einer aus Gips nachgearbeiteten Konsole des Mannheimer Hochaltars. Seit zwei Jahren wohnt er hier, ein Neuling. Kollegen hätten ihm damals erzählt, dass man in St. Lukas jemanden für die Werkstatt vorne suche. Und dann kam das Bewerbungsverfahren. Natürlich habe er sich bei Frau Jänisch vorgestellt, sie sei mit ihm einverstanden gewesen, „und man kann es nicht ablehnen, in so einem Haus zu wohnen“. Lankers findet es wunderbar, wenn er morgens durch das Fenster den Brunnen plätschern hört. Falls nicht gerade ein ICE vorbeirauscht.

Stockwerk um Stockwerk, Wohnung für Wohnung, Maler, Bildhauer und Galeristen. Jeder mit einer eigenen Geschichte von sich und dem Haus. Nur eine Frage bleibt: Das Geheimnis um das Hexenhaus, das Turmzimmer, das auf dem Dach über allen hockt.

„Da würden alle gerne wohnen“, sagt Manfred Heckmann, „die Literatenstube nannte man es“, sagt Bodo Buczynski, „da soll ziemlich viel gefeiert worden sein“, sagt Bernard Lankers. „Da hat nie jemand gewohnt“, sagt Anni Jänisch. Und heute dürfe schon gar keiner mehr hoch, wegen des fehlenden Geländers. Aber, sagt sie, bevor sie das Tor wieder fest zuschließt, was soll denn auch da oben schon interessant sein?

Heute ist Tag des offenen Denkmals; mehr dazu: www.tag-des-offenen-denkmals.de

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