Zeitung Heute : Kunst ist Kult an Rhein und Ruhr

Frederik Hanssen

Rüttgers will die Kulturschaffenden stärken. Wie ist es in NRW überhaupt um die Kunst bestellt?

Jetzt muss Jürgen Rüttgers sein Füllhorn ausschütten: Für den Fall seines Wahlsieges hatte er eine Verdoppelung des Kulturetats des Bundeslandes angekündigt – von 70 auf 140 Millionen Euro. In einem Papier, das Rüttgers im Januar vorstellte, lobte er die Kultur als „ Bollwerk gegen Fundamentalismus“: Wenn deutsche Kultur nicht zurückgewonnen werde, wüchse die Gefahr, dass Fanatismus Humanität unter sich begraben könne.

Viel mehr als einen symbolischen Akt allerdings stellt eine Verdoppelung des Landeskulturetats nicht dar: Denn wie überall in der Republik liegt auch in NRW die Hauptlast der Kulturfinanzierung auf den Schultern der Kommunen. Und die haben größte Schwierigkeiten, die in den goldenen 70er Jahren gewachsenen Strukturen aufrechtzuerhalten. So wurde der jüngste Museumsbau des Landes, das „MARTa“ in Herford von der örtlichen Möbelindustrie bezahlt. Entworfen hat das Ausstellungshaus für Design und Ambiente Stararchitekt Frank O. Gehry. Dortmund hat sich zwar jüngst ein neues Konzerthaus geleistet, bei der Unterstützung für den laufenden Betrieb aber zeigten sich die Stadtväter so knauserig, dass der Gründungsintendant das Handtuch warf.

Für ihre Lust, richtig Geld in die Hand zu nehmen, sind die Kunstsammler zwischen Köln und Aachen bekannt. Die Verkaufsmesse Art Cologne ist darum immer noch die wichtigste auf dem europäischen Festland – doch immer mehr junge Künstler aus dem teuren Rheinland wandern nach Berlin ab. Die Hauptstadt ist ein Sehnsuchtsort für die Kulturmacher in NRW. So plagt sich zwischen Rhein und Ruhr mancher mit einem Minderwertigkeitskomplex. Dabei brauchen viele Institutionen den Vergleich mit Berlin nicht zu scheuen: die Museen in Düsseldorf und Köln beispielsweise oder das Bochumer Schauspielhaus. In Essen spielen sowohl das Folkwang-Museum wie auch das Opernhaus und die neue Philharmonie in der kulturellen Bundesliga mit.

Nirgendwo stehen die Opernhäuser so dicht an dicht wie in NRW. Seit drei Jahren gibt es daneben mit der Ruhrtriennale ein Festival, bei dem internationale Stars in den Kathedralen der Industrialisierung gastieren, in der Bochumer Jahrhunderthalle, im Landschaftspark Duisburg Nord, der Essener Zeche Zollverein.

Kunst soll helfen, den Umbau des Bundeslandes von einem Industriestandort zum Dienstleistungsknotenpunkt zu bewältigen. „Wandel durch Kultur – Kultur durch Wandel“ lautet darum auch das Motto, mit dem sich das Ruhrgebiet um den Titel der europäischen Kulturhauptstadt 2010 bewirbt. Der „Pott“ mit Essen als „Sprecherin“ konnte sich gegen die Konkurrenten Münster und Köln durchsetzen und außerdem die Jury begeistern, die aus zehn nationalen Kandidaten zwei auswählen musste: Neben Görlitz kam das Ruhrgebiet in die Endrunde. Sollten Essen und Co. im Frühsommer 2006 in Brüssel zum Gewinner gekürt werden, würden die Leute herbeiströmen, um das kulturelle Nordrhein-Westfalen zu entdecken – und eine Überraschung erleben.

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