Zeitung Heute : Kunst kann immer

Die Bilder, der Sex und ein Skandal in Berlin

Werner van Bebber

Was für ein Anspruch: Kunst und Liebe, Sex und Begehren und die Bilder von Sex und Begehren und außerdem noch die weitgehende Versexung der Alltagskultur – all das wollte das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg in einer Ausstellung verarbeiten. „Bild“ machte mit, brachte Bilder und empörte sich: Einige der Bilder im Kunstraum Kreuzberg am Mariannenplatz erregten angeblich pädophile Gelüste. Ein stadtbekannter Querulant stürmte daraufhin durch die Ausstellungsräume – sie befinden sich im früheren Krankenhaus Bethanien – und fegte ein paar Bilder von der Wand. Der Empörte wirbelte auch eine Puppe aus Stoff, ein weiteres Ausstellungsobjekt, durch die Gegend. Sinnvollerweise wurde er dabei gefilmt, das gehört heutzutage zum Skandal dazu. Inzwischen ist die Schau wiederhergestellt – der Skandal kann weitergehen.

Wenn es denn einer ist. Sicher bewegen sich einige der Künstler mit ihren Bildern und Fotos an der Grenze zur Pornografie. „When love turns to poison“, heißt die Schau, und sie soll von den schlechten, den giftigen Seiten der Liebe handeln. Bezirksbürgermeisterin Cornelia Reinauer hat zwar erklärt, kein Ausstellungsobjekt erfülle einen Straftatbestand, „der die Kunstwerke in die Nähe der Pornografie oder Pädophilie“ rücke. Doch dürften sensible Kunstfreunde und solche, für die Kunst nicht stets um Sex, um Begehren, um den Körper kreist, Anstoß an manchen Fotos nehmen – wie etwa an denen von Thomas Hauser: Der Berliner Künstler hat eine junge Frau in transparenten Slips fotografiert. Auf einem Foto hockt sein Modell über der Lache einer schwarzen Flüssigkeit. Thomas Hauser würde sich vermutlich ärgern, wenn man seine Fotos mit den Werbefotos bestimmter Unterwäschehersteller vergliche. Doch wird man das Gefühl nicht los, dass der Künstler das Mädchen im Slip vor allem deshalb abgelichtet hat, weil man im Grenzgebiet zwischen Kunst und Strafrecht so schön provozieren kann.

Anderes ist vielleicht noch leichter einzuordnen – die im Stil trivialer Gemälde angelegten Bilder von Frank Gaard thematisieren typische Porno-Motive, aber nicht auf realistische Weise, sondern scheinbar ungekonnt gemalt. Pornographie ist also hässlich.

Ein anderer Künstler, Stu Mead, zeigt einen blau uniformierten Polizisten ohne Hose, den Knüppel erhoben, neben ihm ein halbwüchsiges Mädchen mit angsterfüllten Augen. Pornografie ist also brutal? Das Werk taugt in seiner karikaturhaften Derbheit wenig als Kritik der Pädophilie.

Sex und Begehren und die Kunst – diese Kreuzberger Ausstellung bringt das nicht zusammen. Umso erstaunlicher, dass sich die Ausstellungsmacher vom Bezirksamt ausgerechnet auf einen der größeren Skandale der modernen Kunstgeschichte berufen: auf Eduard Manet und die Provokationen, die er mit seinen Bildern „Déjeuner sur l’herbe“ und „Olympia“ bewirkte. Die Nackte beim Picknick, umgeben von korrekt bekleideten Begleitern, und die mutmaßliche Kurtisane, die er in den Rang einer Muse, eines klassisch-schönen Modells erhob, sprengten in den Pariser Kunstliebhaberkreisen Mitte des 19. Jahrhunderts alle Konventionen. Dazu taugt keines der Kreuzberger Bilder. „So viel extrem schlechte Arbeiten in einer Ausstellung“, hat eine Betrachterin im Besucherbuch vermerkt.

Doch um Qualität ging es den Bezirkskulturexperten wohl nicht in erster Linie. Es sei „die Aufgabe“ zeitgenössischer Kunst, „sich mit aktuellen Themen auseinander zu setzen und sie zur Diskussion zu stellen“, erklärte Bürgermeisterin Reinauer nach dem Skandal. Das zeugt von einem engen Kunstverständnis. Akzeptiert man diese pädagogische Vorgabe, kommt allerdings tatsächlich der ein oder andere Gedanke in Bewegung. Die erwähnte lebensgroße Puppe „Wollita“ etwa, aus Wolle gehäkelt und von dem Querulanten durch die Luft gewirbelt, wirft die Frage auf, wie realistisch eine Puppe – und gar eine Sexpuppe – eigentlich gemacht sein muss. Oder der Puppen-Porno: Grobe Holzpuppen vollziehen diverse Praktiken, die auch sehr freizügige Menschen als pervers beschreiben dürften. Das Filmchen sagt viel über die Mechanik der Lust im pornografischen Film. Aber die war auch schon vor der Ausstellung nicht ganz unbekannt.

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