Zeitung Heute : Kunst statt Klunkerketten

Der Tagesspiegel

Von Amory Burchard

Wenn Wladimir Domratschew an das alte Bernsteinzimmer denkt, sieht er stumpfe, spröde Steine und zerfallene Mosaike. Nach 300 Jahren könne von der Pracht nicht mehr viel übrig sein, glaubt der russische Bernsteinmeister. Und der letzte Transport aus dem Katharinen-Palast in Zarskoje Selo nach Königsberg dürfte den Wandpaneelen nicht gut bekommen sein. Sollte das 1944 verschollene Bernsteinzimmer also noch irgendwo lagern, wäre es ohnehin verloren. Eine Restaurierung würde einer Nachbildung gleichkommen. Solche Gedanken bewegen Wladimir Domratschew seit 13 Jahren bei der Arbeit am neuen Bernsteinzimmer im Katharinen-Palast. Jetzt hat der Meister seinen königlichen Arbeitsplatz für zwei Wochen gegen ein bescheidenes Arbeitstischchen im 4. Stock des Kaufhauses Wertheim am Kurfürstendamm getauscht.

Wenn der 53-Jährige seine dicke Vergrößerungsbrille abnimmt und hochblickt, sieht er trotzdem das Bernsteinzimmer vor sich. Wladimir Domratschew arbeitet in der Ausstellung „Mythos Bernsteinzimmer“, die seit fünf Jahren um die Welt geht, und die Wiedereröffnung 2003 ankündigt. Nach Berlin mitgebracht haben der Bernsteinmeister und eine Petersburger Kunsthistorikerin einen Videofilm über die Rekonstruktion und Großfotos der Paneele, dazu wertvolle Einzelstücke der Bernsteinkunst und modernen Schmuck. Die rekonstruierten Wände mussten in Russland bleiben. Die Zeit der großen Bernsteinzimmer-Transporte – zuerst 1717 als Geschenk Friedrich Wilhelm I. an Peter den Großen von Berlin nach Petersburg – ist vorbei.

Die Wiedergeburt der nach dem Zweiten Weltkrieg untergegangenen großen Bernsteinkunst begann 1979, nachdem die Staats- und Parteiführung der Sowjetunion beschloss, das 1941 von der Wehrmacht geraubte Zimmer nachbauen zu lassen. Einer der jungen Designer, die früh gegen „die industrielle Fertigung billigen Schmucks“ rebellierten, war Wladimir Domratschew. Er wollte keine kullerigen Klunkerketten mehr machen, sondern Bernsteinkunst. 1989 holten sie ihn in die Rekonstruktionswerkstatt von Zarskoje Selo. Der Moskauer Junge aus dem Waisenhaus, der nach dem Schulabschluss erstmal Elektrotechnik lernte, ist stolz, an diesem Werk des Weltkulturerbes mitzuarbeiten.

Die russischen, polnischen und deutschen Bernsteinkünstler des 18. Jahrhunderts kannten keine Grenzen, sagt Domratschew. Heute reist er mit dem „Mythos Bernsteinzimmer“ um die ganze Welt. Und doch sehnt er schon das Ende der Rekonstruktionsarbeiten herbei. Ab 2003 will sich der Meister wieder seiner eigenen Schmuckkollektion widmen. Einige Stücke, darunter fantasievolle Kleider mit Brustpanzern oder Rückenschmuck aus Bernstein, sind in der Ausstellung zu sehen.

Meistens ist dem „künstlerischen Leiter für die Paneele an der Südwand des Bernsteinzimmers“ übrigens der Blick auf seine Werke versperrt. Eine Wand von Menschen steht vor seinem Arbeitstisch. Sie beobachten, wie er leuchtend gelbe Bernsteinscheiben kunstvoll graviert oder aus rohen Stücken Ornamente herausarbeitet. Sie haben Broschen dabei und wollen wissen, ob sie echt sind, oder Ringe, deren Alter Domratschew schätzen soll. Bis zum 6. April leuchtet der Mythos Bernstein noch im Kaufhaus Wertheim am Kurfürstendamm, aber Meister Wladimir wird Ende kommender Woche von einem Kollegen abgelöst. Die Südpaneele warten.

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