Kunstdiebstahl : Nur zur Ansicht

Monet, Gogh, Degas: Beim größten Kunstraub in der europäischen Geschichte wurden Gemälde im Wert von 113 Millionen Euro gestohlen. Warum kommt es immer wieder zu solch spektakulären Diebstählen, obwohl die Werke als unverkäuflich gelten?

Monet
Geklaut: Eine Bande aus Ex-Jugoslawien könnte die Gemälde aus der Züricher Sammlung entwendet haben. Das glaubt ein Experte für...Foto: akg

Es ist der größte Kunstraub, der jemals in Europa verübt wurde. Am Sonntagnachmittag drangen drei bewaffnete und maskierte Männer in ein Zürcher Museum ein und erbeuteten vier Gemälde, die insgesamt 113 Millionen Euro wert sind: „Mohnfeld bei Vétheuil“ von Claude Monet, „Ludovic Lepic und seine Töchter“ (Edgar Degas), „Blühende Kastanienzweige“ von Vincent van Gogh sowie „Der Knabe mit der roten Weste“ von Paul Cézanne. In dem Museum ist die Sammlung E. G. Bührle untergebracht, die zu den wichtigsten privaten Sammlungen europäischer Malerei zählt. Im Zentrum stehen Werke französischer Impressionisten und Nachimpressionisten.

So gingen die Täter vor: Gegen 16.30 Uhr, knapp eine halbe Stunde vor Schließung des Museums im Nobelvorort Seefeld, drangen die Männer in die Villa ein, in der sich zu diesem Zeitpunkt 15 Besucher aufgehalten haben sollen. Die Diebe zwangen das Museumspersonal mit Waffengewalt, sich auf den Boden zu legen, wie die Polizei in Zürich am Montag berichtete. Dann gingen zwei der Täter in den Ausstellungsraum im Erdgeschoss und entwendeten die Gemälde. Alle vier Bilder haben je ein Ausmaß von weniger als einem Meter in Breite und Höhe: Die Diebe konnten ihre Beute also ohne große Anstrengung in das Fluchtfahrzeug laden, das vor dem Museum wartete. Die ganze Aktion dauerte nur knapp drei Minuten.

„Die Täter sind von normaler Statur, trugen dunkle Kleider und waren mit dunklen Sturmhauben mit Sehschlitzen maskiert“, so lautet die Beschreibung der Ermittler. Einer der Räuber sprach offenbar Deutsch mit slawischem Akzent.

Auf die Frage, ob das 1886 erbaute Museum ausreichend gesichert war, erklärte die Polizei: Angesichts der bisherigen Erfahrungen hätten die Verantwortlichen „nicht mit einem solchen Überfall rechnen“ müssen. Man könne diesen Raubzug nur mit dem Jahrhundertraub auf das Munch-Museum in Oslo 2004 vergleichen. Damals waren zwei maskierte und bewaffnete Männer am helllichten Tag in das Osloer Museum eingedrungen und rissen dort die Gemälde „Der Schrei“ und „Madonna“ (Gesamtwert 75 Millionen Euro) von der Wand. Die Täter wurden zwar später gefasst, doch die Bilder blieben zunächst verschollen. Erst zwei Jahre später tauchten sie wieder auf: Ein wegen Bankraub verurteilter Gangster soll den entscheidenden Tipp gegeben haben – im Gegenzug erhielt er Strafmilderung.

Die Museum in Zürich jedenfalls hat Konsequenzen angekündigt: Die Ausstellung wird für den Publikumsverkehr geschlossen – in Zukunft soll es nur noch angemeldete Führungen geben. Konsequenzen hat der Kunstraub von Sonntag auch für das Seedamm-Kulturzentrum in Päffikon bei Zürich. Dort waren am vergangenen Mittwoch zwei Ölgemälde von Pablo Picasso gestohlen worden. Der brutale Überfall in Zürich habe gezeigt, „dass beim bereits heimgesuchten Museum in Pfäffikon ein erhöhtes Gefährdungspotenzial besteht“, hieß es. Deshalb habe man beschlossen, die Ausstellung nun definitiv zu schließen. Experten beziffern den Wert der geraubten Picassos, die eine Leihgabe des Sprengel-Museums Hannover sind, auf drei Millionen Euro.

Nach Angaben von Interpol zählt Kunstdiebstahl neben Drogen- und Menschenhandel zu den einträglichsten kriminellen Delikten. So wird im Durchschnitt in Österreich pro Tag ein Kunstwerk gestohlen, in Deutschland sind es sieben. Auf 5,5 Milliarden Euro schätzt Interpol den internationalen Markt für geraubte Kunst. Den Großteil davon machen Kunstwerke der zweiten und dritten Reihe aus.

Das „Art Loss Register“ (ALR) – die weltweit größte private Datenbank für verlorene und gestohlene Kunst – registriert zurzeit rund 200 000 Kunstgegenstände. Darunter sind auch Bilder der Meister, so gelten allein mehr als 600 Picassos als vermisst. Doch gerade Werke wie die nun geraubten Gemälde von Degas, Monet, van Gogh und Cézanne lassen sich nur schwer zu Geld machen. „Solche gestohlenen Kunstwerke sind nahezu unverkäuflich“, sagt Stefan Horsthemke von der auf Kunst spezialisierten Versicherung Axa Art. Denn ohne Herkunftsangabe gehe auf dem internationalen Kunstmarkt nichts. Warum Diebe dennoch immer wieder solch spektakuläre Raubzüge wie den in Zürich wagen, bleibt selbst für Experten wie Horsthemke rätselhaft. Zumindest die Vorstellung von einem sammelwütigen milliardenschweren Kunstliebhaber als Auftraggeber im Hintergrund verweist Horsthemke in den Bereich der Fiktion: „So läuft es im Kriminalroman, mit der Realität aber hat das nichts zu tun.“

Eine Chance, das Diebesgut doch noch zu Geld machen, ist das „Art-Napping“: Für die geraubten Kunstwerke wird von Museen oder zuständigen Versicherungen ein Lösegeld verlangt – die Kunst also als Geisel genommen. Ulli Seegers, Kunstdetektivin und Chefin des ALR in Deutschland, geht davon aus, dass die Täter von Zürich genau das tun werden. Ein Lösegeld zu erpressen, das hat auch der Räuber der „Saliera“ von Benvenuto Cellini versucht. Nur mit einem Pflasterstein bewaffnet, verschaffte sich der Dieb in einer Nacht im Mai 2003 über ein Baugerüst Zutritt in das Kunsthistorische Museum in Wien. Dort stahl er aus einer Vitrine die „Saliera“, ein Salzgefäß aus Gold, und forderte später zehn Millionen Euro Lösegeld. Doch 2006 fasste die Polizei den Kunsträuber – statt Geld gab es fünf Jahre Gefängnis.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben