Kunstkrimi : Ein Raub fällt aus dem Rahmen

Wie ein Banküberfall: Drei bewaffnete Männer erbeuten vier Bilder im Wert von 113 Millionen Euro. Die Polizei tappt nach dem spektakulären Kunstraub in der Schweiz im Dunkeln.

Dominik Flammer[Zürich]
Kunstraub
Lukas Gloor, Geschäftsführer der Sammlung E.G. Bührle in Zürich sucht Antworten für den spektakulären Raub . -Foto: dpa

Vielleicht ragten die vier Bilder aus dem Kofferraum ihres Fluchtautos, als die drei Täter am Sonntagnachmittag nach ihrem Jahrhundertraub am Stadtrand der Schweizer Wirtschafts- und Kulturmetropole Zürich das Weite suchten. Vielleicht war es ein weißer Personenwagen, vielleicht auch ein Transporter, vielleicht aber hatte das Fluchtauto eine ganz andere Farbe.

Die wenigen Strohhalme, die Zeugen der Polizei an die Hand gegeben haben, sind dünn und kurz. Und doch klammert sich eine geschockte Stadt an ihnen fest. Zürich ist wegen einer Kunstsache in die Schlagzeilen geraten. Dieses Mal nicht wegen der enormen Fülle privater Kunstsammlungen. Sondern wegen eines dreisten Raubüberfalls auf ein kleines, aber bedeutendes Privatmuseum im Zürcher Villenviertel Seefeld. Vier Bilder sind verschwunden, deren Wert auf 113 Millionen Euro geschätzt wird, was aus dem Raub einen Jahrhundertdiebstahl macht, zumindest in der Schweiz.

Nach Oslo nun Zürich: Ein Verbrechen wie ein Sparkassenüberfall

Der Betrag mag unfassbar sein. Das Vorgehen der drei Täter ist es aus Sicht der Menschen auch. Es waren keine gerissenen Kunstdiebe mit Samthandschuhen, die da am Werk waren. Sondern rücksichtslose Gewalttäter mit Sturmhauben, bereit, bis zum Äußersten zu gehen. Räuber, die keinen Zweifel ließen, dass sie von ihren Schusswaffen Gebrauch machen würden, und die die Museumsbesucher zu Boden zwangen: ein Verbrechen wie ein Sparkassenüberfall. In einer bedeutenden Kunstsammlung. Bei Tag.

Von den Tätern fehlt auch zwei Tage nach dem bewaffneten Raubüberfall jede Spur, ebenso von den vier Bildern, die zu den zentralen Werken der Sammlung gehören, die der deutsche Industrielle Emil Georg Bührle bis zu seinem Tod 1958 zusammengetragen hatte. Inzwischen haben die Behörden die internationale Polizeiorganisation Interpol eingeschaltet.

Die Ermittler hegen die Hoffnung, dass etwa Sonntagsspaziergänger etwas beobachtet haben könnten. Nur, hier hinauf ins Villenviertel, beste Lage mit Blick auf den See, verirren sich sonntags nur wenige Besucher. Der Strom der sonntäglichen Spaziergänger unten in dem kilometerweiten Parkareal rund um das Stadtzürcher Seebecken ist zwar nicht weit weg. Zufallsbesucher kommen hier aber selten vorbei, hierhin verschlägt es nur, wer auch wirklich danach sucht. Das mag zumindest erklären, weswegen die ersten Hinweise auf das mögliche Täterfahrzeug von der Polizei schon wieder relativiert wurden.

Den Hinweis auf ein weißes Täterauto hatten Museumsbesucher gegeben, die am Boden lagen, wohl noch unter Schock, als die Täter flüchteten.

Das Museum ist nun geschlossen, bis auf weiteres nur für angemeldete Gruppen zugänglich, auch wenn auf der Homepage des Hauses davon noch nichts zu lesen ist. Es wirbt dort noch immer mit der Kabinettausstellung „Das Bildnis Madame Cézanne aus der Sammlung Gertrud Stein“. Interessanter als Madame ist derzeit aber ohnehin Monsieur. Cézannes „Knabe mit der roten Weste“, von dem es weltweit vier Varianten gibt, war das wichtigste Werk, das die maskierten Räuber mitnahmen.

Keine Profis: Räuber griffen scheinbar ohne Kunstverstand nach Bildern

Sonntagnachmittag. Knapp drei Minuten sind die bewaffneten Männer im Haus. Es ist etwa 16 Uhr 30, als sie im Untergeschoss des Museums den Cézanne und drei weitere Werken abhängen. Beobachtet von eingeschüchterten Museumsangestellten und einer Handvoll Besuchern aus dem Museum schleppen sie die jeweils etwa 15 Kilogramm schweren Bilder aus dem Haus.

Die, die am Boden lagen, haben nicht viel mehr gesehen als die Füße der Täter, aus der Schockstarre lösten sich die meisten erst, als die Räuber das Haus längst verlassen hatten.

Allein Cézannes Meisterwerk soll rund 66 Millionen Euro wert sein. Noch Wertvolleres hing in den übrigen Räumen, die weltweit eindrücklichste Privatsammlung französischer Impressionisten beherbergt Schätze von enormem Wert. An die 200 bedeutende Werke. Wohin die Täter auch gegriffen hätten, ein unbedeutendes Bild hätten sie nicht erwischt.

In den Stockwerken darüber kriegten die Besucher nichts vom Raubüberfall mit, die Räume dort wurden automatisch abgeriegelt. Als die Räuber das erste Bild von der Wand rissen, löste der Alarm aus. Nur die Eingangstür zum Museum blieb offen, was die Täter gewusst haben müssen. Sie sind ohne langes Suchen durch diesen Ausgang verschwunden.

An den Raub erinnern nur noch Kratzspuren an den Wänden. Und die Lücken, die nun an den Wänden gähnen.

Diese Lücken sind nun Projektionsfläche für Spekulationen. Seit die Polizei bekannt gegeben hat, dass einer der Täter zwar Deutsch, aber mit slawischem Akzent gesprochen habe, überschlagen sich die Schweizer Medien mit Mutmaßungen über die organisierte Kriminalität aus Osteuropa.

Helfen neue Sicherheitsvorkehrungen?

Die Stadt genießt in der Tat seit Jahren einen ausgezeichneten Ruf unter osteuropäischen Kriminaltouristen, deren Tätigkeitsfeld sich längst von Zürich aus über die ganze Schweiz ausgebreitet hat. Und das, obwohl Zürich in seiner zwinglianisch-reformierten Tradition den eigenen Reichtum nicht an die große Glocke hängt. Dennoch schützt die renommierte Zürcher Bahnhofstrasse etwa ihre Juweliergeschäfte seit Jahren mit massiven Straßenpollern, die sich tagsüber in den Boden versenken lassen. Nachdem zu Beginn des neuen Jahrtausends die edlen Uhren- und Schmuckgeschäfte in dieser privilegierten Lage im Wochenrhythmus von so genannten Rammbockräubern unsicher gemacht wurde, hat sich das Bild dieser Nobelstraße massiv verändert. Zeitweise hatte die Einkaufsmeile den Charme einer Autobahnbaustelle, da verzweifelte Ladenbetreiber ihre Geschäfte mit Beton-Elementen zu schützen versuchten, bis der Stadtrat mit moderneren Lösungen eingriff. Die Diskussion über neue Sicherheitsmaßnahmen beherrschte die politische Agenda Zürichs über Jahre wie wenige andere Themen.

Da kommt es nicht überraschend, dass zwei Tage nach dem Kunstraub die Sicherheit von Kunstmuseen überhaupt im Vordergrund der Debatten steht. Nicht nur in Zürich, auch in Basel, Bern oder Winterthur, alles Städte, die eine Fülle privater Museen beherbergen, die sich plötzlich mit einer neuen Realität auseinandersetzen müssen, einer neuen Qualität des kriminellen Vorgehens sozusagen. Oder wie es der Direktor des Berner Kunstmuseums, Matthias Frehner, formuliert: „Zürich ist für uns ein Super-GAU, das brutale Vorgehen der Täter erinnert mich an Banküberfälle von Terrorgruppen in den 1970erJahren.“

In der Schweiz sitzt der Schock auch deshalb so tief, weil das Land wie kein anderes Land auf das Engagement privater Sammler angewiesen ist. Mäzene, vor allem Industrielle, prägen hier das Sammlungswesen wie nirgends sonst. Mangels höfischer und adliger Sammlungen waren es in der europäischen Ur-Republik vor allem private Sammler, die die großen Kunstsammlungen aufgebaut haben. Und es noch immer tun. Allein die Provinzstadt Winterthur beherbergt ein halbes Dutzend renommierter Sammlungen wie etwa die Sammlung Oskar Reinhart, deren Werke einen Wert haben, der in die Milliarden gehen dürfte.

Alles Museen, die Besucher bisher ohne allzu aufwändige Kontrollen besuchen konnten und in denen sie allenfalls von einem zurückhaltenden Museumswächter darauf aufmerksam gemacht wurden, die Handtasche doch bitte am Eingang zu deponieren. Zu allem Übel trifft es aus Schweizer Sicht ausgerechnet eine Sammlung, die seit ihrem Entstehen immer wieder Aufsehen erregt hat.

Die Bilder des Kriegsgewinnlers Bührle waren keine Beutekunst

Das zeigt sich auch jetzt, zwei Tage nach dem Überfall. Denn neben den Sicherheitsvorkehrungen der Museen ist der Ursprung der Sammlung Bührle wieder ins Blickfeld gerückt. Ein Disput hat begonnen, ob es sich bei dem einen oder anderen gestohlenen Bild um eines der Raubkunstbilder handeln könnte, die Bührle zu Beginn des Zweiten Weltkrieges über dubiose Kanäle gekauft hatte und von denen er ein gutes Dutzend nach dem Krieg ein zweites Mal den ehemaligen und von den Nazis enteigneten Besitzern bezahlen musste. Die Diskussion um die Rolle des Kriegsgewinnlers Bührle rund um die Raubkunst flaute bis in die jüngste Zeit nie ab, auch wenn der Industrielle von mehreren Gerichten vom Vorwurf freigesprochen wurde, die Bilder „bösglaubig“ – also bei voller Kenntnis ihres Urprunges – erworben zu haben.

Die Debatte wurde anfangs der 90er Jahre erneut belebt, als die Schweiz unter amerikanischem Druck begann, ihre Rolle als Hehler- und Finanzdrehscheibe des Deutschen Reiches zu untersuchen. Historiker fanden zwar keine neuen Beweise, doch wurde relativ bald deutlich, dass Emil Bührle sich durchaus bewusst gewesen war, dass es sich bei einem Teil der damals erworbenen Bilder um Raubkunst handelte.

Inzwischen steht fest, dass dieser Vorwurf auf keines der am Sonntag geraubten Bilder zutrifft. Die Diskussion über die Sammlung Bührle dürfte jedoch weiter schwelen und der Stiftungsfamilie noch einiges Kopfzerbrechen bereiten. Denn die Debatte über die Rolle Bührles in Sachen Raubkunst hat die Familie noch vor zehn Jahren gehörig aus der Fassung gebracht. Bührle-Enkel Christian Bührle hatte damals verlauten lassen, dass es ihn ärgere, wenn die Kunstsammlung seines Großvaters immer wieder in den Dreck gezogen werde. Da müsse man sich schon überlegen, ob die Sammlung nicht von Zürich ins Ausland verlegt werde.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben