Zeitung Heute : Kunstkritiker spielen

Nicola Kuhn

Wie eine Mutter die Stadt erleben kann

In der aktuellen Kunst werden permanent neue Trends ausgerufen, zwecks Durchblick und besserer Verkäuflichkeit. Gerade ist zum Beispiel die Rückkehr der Romantik angesagt, was die seriöse Kritik allerdings nicht goutiert: Caspar David Friedrich, Philipp Otto Runge und Novalis würden sich im Grab umdrehen, wird dagegen gewettert. Aber hat schon mal jemand die Verkindlichung der Kunst durch Mangas, Playmobil und Legosteine bemerkt? Ja, überhaupt die Unterwanderung der Kunst durch Kinder? Das würde ich zum nächsten Trend erklären, auch wenn die seriöse Kritikerin in mir ...

Jan und Josefine können diesen Trend jedenfalls bestätigen. Zu welcher Ausstellungseröffnung, zu welchem Künstlerfest auch immer sie mit uns gehen, ihre kleinen Kollegen sind schon da. Letztes Wochenende zum Beispiel feierten die Stipendiaten der Senatsstudios am Käuzchensteig: Da kickte Jan mit dem Söhnchen der schwedischen Fotografin Annika von Hauswolff vor der erhabenen Kulisse des ehemaligen Breker-Ateliers. Scharf beobachtete sie dabei Elio, der Filius von Kurator Jörg Heiser, während Josefine mit Edvin, dem Nachwuchs der Berliner Künstlerin Katrin von Maltzahn, anzubandeln suchte. Von Kunst keine Rede, Dreijährige besitzen eben den Sinn fürs Wesentliche.

Interessenskonflikte mit den Eltern sind da programmiert. Die Kunstmessen in Köln und Basel bieten deshalb seit Jahren Kinderbetreuung an. Während Mama und Papa angstfrei die white cubes der Aussteller genießen dürfen, malt der Nachwuchs mit offizieller Erlaubnis von hinten die Kojenwände an. Zur glücklichsten Liaison allerdings kommt es, wenn Künstlereltern Kinderbücher verfassen wie der Berliner Maler Peter Pommerer, der zusammen mit dem Kritiker Ralf Christofori die wunderbare Geschichte der Ente Lena schrieb (Revolverle Verlag, 19,90 €). Oder jene Installation der japanischen Bildhauerin Hanayo, die aus Plastikblumen einen indoor-Spielplatz schuf. Kinder besitzen da ein untrügliches Gespür fürs Praktische. Jan und Josefine bevorzugen als Ausstellungsort ganz klar die Kunst-Werke: Erstens gibt es dort Carsten Höllers Rutsche, zweitens ein Café. Von wegen Unterwanderung durch Kinder, für sie wird die Kunst doch erst gemacht.

Kunst-Werke, Auguststraße 69.

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