Kunstmarkt : Rachegott in Harz

Ach, sagte Alkmene, nachdem ihr Jupiter eröffnet hatte, dass sie den Herkules gebären wird. „Ach“, einfach nur „Ach“, ein starker Abgang. Es wird noch von der griechischen Mythologie zu reden sein. Weil auch ein anderer starker Abgang Mythos ist, legendär, irrational, göttlich. Rückschau: Wir schreiben den 9. Juli 2006. Wir schauen nach Berlin. Dort ins Olympiastadion, in dem Frankreich gegen Italien um die Fußball-Weltmeisterschaft spielt. Es ist das letzte Spiel von Zinedine Zidane, dem Gott des Balls. Wir schreiben die 109. Minute. Zidane läuft an einem italienischem Gegenspieler vorbei, irgendein Früchtchen, eines das Zinedine nicht mal das Wasser reichen kann, nicht einmal die Schuhe putzen dürfte, höchstens den Ball aufpumpen, Marco Materazzi geheißen, dieses Früchtchen. Zinedine dreht sich noch einmal um, geht auf dieses Materazzi zu, rammt ihm den Kopf vor den Solarplexus. Natürlich sieht er die Rote Karte, natürlich geht er vom Feld, ohne Protest, ohne Worte, erhobenen Hauptes, sein letztes Spiel für Frankreich, für die Welt, Ach!, was für ein Abgang!

Abdel Abdessemed ist ein aus Algerien stammender Künstler mit Wohnsitz Paris. Wohl auch mit französischen Identifikationen, offensichtlich auch mit Faible für Fußball, besonders für Zinedine Zidane. Abdel Abdessemed hat die letze Szene des Zidane nun als schwarze Harzskulptur nachgestellt, sie steht in der New Yorker Galerie des David Zwirner. Ein Kopfstoß als Kunstobjekt, man mag das als Gewaltverherrlichung verdammen. Aber dann kann man auch den Pergamonaltar verfluchen, auf dessen Reliefs bleibt es nicht beim Kopfstoß. Man hatte später erfahren, warum Zidane zustieß. Weil dieses Materazzi ihn beleidigt hatte, seine Schwester, so übel, wie das in den Banlieues und Neukölln üblich ist. Mit anderen Worten, dieses Materazzi hat Themis missachtet, die Göttin des göttlichen Rechts und der Sittlichkeit. Und wer die missachtet, kriegt es eben mit Nemesis zu tun, der Göttin des gerechten Zorns. Nemesis ist die griechische Übersetzung für „Zuteilung des Gebührenden“, das Gebührende wird dem zugeteilt, der sich selbst überschätzt, der sich an Gott versucht. So etwas wird dann in Verse geschmiedet, in Skulpturen gegossen, auf Leinwand gemalt. Zur Mahnung an die Nachgeborenen. Und steht dann in Kunsthallen. Wo die Nachgeborenen erkennen können, dass Zinedine Zidane nicht nur ein sehr guter Fußballer war, sondern auch Nemesis. Ach! Helmut Schümann

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