Kunstsammlerin : „Ich bin ein anspruchsvoller Mensch“

Julia Stoschek reist auf den Spuren eines Elefanten, der seinen eigenen Tod spielt. Warum sie der Videokunst eine Kathedrale errichtete – und das Beste verschenkt.

Nicola Kuhn
Julia Stoschek.
Julia Stoschek.Foto: Yun Lee

Julia Stoschek, 37, ist eine der bekanntesten deutschen Kunstsammlerinnen. Sie ist Gesellschafterin der Firma Brose Fahrzeugteile, die ihrer Familie gehört. Die Julia Stoschek Collection besteht zum Großteil aus Videokunst und hat ihren Sitz in Düsseldorf. Dort ist sie für die Öffentlichkeit zugänglich

Frau Stoschek, Sie haben uns gerade durch Ihr Düsseldorfer Museum geführt. Ganz oben, unter dem Dach, ist Ihre Privatwohnung. Können Sie über so viel aufwühlender Videokunst überhaupt schlafen?

Natürlich. Das Wohnen in einem Ausstellungshaus ist sicherlich nicht so romantisch, wie manch einer sich das vorstellen mag. Ich flaniere ja nicht des Nachts barfuß durch die Räume! Dennoch ist es ein energetisches Gefühl, so viel Kunst um sich zu haben.

Sie kennen den Film „Nachts im Museum“ mit Ben Stiller, in dem Ausstellungsstücke plötzlich zu leben beginnen?

Ja. Wenn ich spätabends nach Hause komme, laufe ich an den Ausstellungsräumen vorbei, um zu meiner Wohnung zu gelangen, das ist schon immer besonders. Es ist ein großes Privileg, die Arbeiten über den gesamten Ausstellungszeitraum – das ist meist ein Jahr – täglich sehen zu können. Anfangs fürchtete ich noch, das könnte eintönig werden, aber ich nehme die Werke je nach Stimmung oder Zeit jedes Mal anders wahr.

In Ihrer aktuellen Schau „Flaming Creatures“ ist angedeutet, wie Märchengestalten mit Maiskolben penetriert und Zähne mit Kneifzangen gezogen werden – ein Video von John Bock. Fürchten Sie nicht, dass diese Atmosphäre zu Ihnen nach oben kriecht?

Ich bin emotional stark mit den Arbeiten meiner Sammlung verbunden, so dass jede Ausstellung sicherlich auch in gewissen Teilen meinen Seelenzustand widerspiegelt und mich mental fordert. Das gehört aber zur Auseinandersetzung mit Kunst dazu und dem stelle ich mich auch.

Erklären Sie bitte mal, was es mit „Flaming Creatures“ auf sich hat.

Die aktuelle Ausstellung beleuchtet den Begriff des „Camp“ – eine Ästhetik, die Susan Sontag in einem ihrer wichtigsten Essays als „die Liebe zum Unnatürlichen, zum Trick, zur Übertreibung“ beschrieben hat. Die Adaption von Pop- und Trivialkultur spielen gerade in dieser Schau eine große Rolle.

Auffällig ist, dass Sie Ihre Ausstellungen durchnummerieren.

Die Nummern sind ein Verweis auf die Kontinuität der Ausstellungstätigkeit und setzen auf Langfristigkeit. Die Eröffnungsausstellung 2007 trug den Titel „Number One: Destroy, she said“ und thematisierte Umbau, Zerstörung, Aufbruch und das Neue. Dann kam mit „Number Two: Fragile“ 2008 der Gegenentwurf des abstrakt Körperlichen. Nach einem Performanceprogramm und zwei Kooperationsprojekten folgte im letzten Jahr die dritte Sammlungspräsentation, die den Titel „Number Five: Cities of Gold and Mirrors“ – auch als Anspielung auf die kommunale Stadtentwicklung in Düsseldorf und die Unannehmlichkeiten, die ich mit der Bebauung des Nachbargrundstücks hatte und bis heute habe.

Sie sind bis zum Europäischen Gerichtshof gegangen, um sich gegen die Verdunkelung Ihrer Räume durch Neubauten zu wehren – und haben verloren. Wie steht es jetzt?

Ich muss Sie korrigieren: Ich habe nicht gegen die Verdunkelung meiner Räume geklagt, sondern gegen die Zerstörung der Sichtbarkeit der historischen Fassade, die ich nach allen Auflagen des Düsseldorfer Denkmalamtes zurückgeführt und rekonstruiert habe. Ich habe dann in allen Instanzen verloren, nur mithilfe der Presse und der Kunstszene konnte ich erreichen, dass der Abstand zu meinem Gebäude etwas vergrößert wurde.

Was genau fasziniert Sie eigentlich so an den grausamen Szenen in John Bocks „Lütte mit Rucola“?

Ich kann diese Szenen kaum ertragen, weil sie so schmerzhaft und körperlich sind. Ehrlich gesagt kann ich oft nicht hinsehen. Trotzdem: Betrachtet man sein Gesamtœvre, ist er eine Ausnahmeerscheinung hier in Deutschland. Ich schätze seine Überinszenierung, die einzigartige Kameraführung und die dramatischen Close-ups auf die Details. Sein komplexes Ausstellungsmonstrum, das er ortsspezifisch für die aktuelle Show hier kreiert hat, sprengt alle normativen Grenzen.

Ziemlich widersprüchlich: etwas ausstellen, was Sie selbst nur begrenzt ertragen.

Das würde ich auf jeden Fall unterschreiben. Eine gewisse Ambivalenz macht meine Persönlichkeit sicher aus.

Ihre Anfänge als Sammlerin waren furios. Innerhalb kürzester Zeit konnten Sie Ihr eigenes Haus für Ihre Sammlung eröffnen. Wie haben Sie so schnell geschafft, wofür andere Jahrzehnte brauchen?

Moment! Dazu muss ich klar sagen: Ich bin als Sammlerin nicht vom Himmel gefallen. Meine Anfänge liegen über zehn Jahre zurück, ich hatte zunächst eine Galerie, allerdings nur für kurze Zeit, die sich dann in ein nichtkommerzielles Kunstförderprojekt wandelte. Meine Faszination für Kunst hat sich damals wie heute durch den Umgang und den Diskurs mit den Künstlern entwickelt.

Trotzdem ist es außergewöhnlich, mit Anfang 30 eine eigene Sammlung im eigenen Haus zu haben, das Sie von den Architekten Kuehn Malvezzi umbauen ließen.

Ich bin mir bewusst, dass das allgemeine Sammlerbild seit Beginn der Salonkultur bis heute nach wie vor von bestimmten Klischees geprägt ist. Allerdings stelle ich glücklicherweise fest, dass sich eine neue junge Generation mit dem Sammeln beschäftigt, was ich mit großer Freude und natürlich auch Spannung verfolge. Was meine Entscheidung betrifft, so früh meine Sammlung im eigenen Haus auszustellen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen – das ist sicherlich dem Umstand geschuldet, dass ich nicht vorwiegend Malerei oder Skulpturen sammle, sondern installativ aufwendige Arbeiten, die gewisse räumliche Dimensionen erfordern.

Nach einigen Startschwierigkeiten ist Ihre Sammlung sehr professionell geführt. Woher kommt dieser Anspruch?

Sicherlich bedingt durch meine elterliche Prägung. Ich bin grundsätzlich ein anspruchsvoller und konsequenter Mensch. Während andere viele verschiedene Interessen gleichzeitig verfolgen, was ich sehr bewundere, kann ich mich am besten nur auf eine Sache konzentrieren.

Was war das für ein Tag, an dem Sie sich entschieden, sich konsequent auf die Kunst zu stürzen?

Ich war im Frühjahr 2003 in New York. Bei einem Galerienrundgang in Chelsea besuchte ich eine Douglas-Gordon-Ausstellung. Die Installation „Play Dead; Real Time“ fasziniert mich bis heute. In der Arbeit ist ein dressierter Elefant zu sehen, der seinen eigenen Tod spielt. Die Grenzen zwischen konditioniertem Verhalten und Natur sind hier fließend. Diese Arbeit hat etwas sehr Verletzliches und unfassbar Berührendes und zog mich physisch und psychisch in ihren Bann. Ein derartiges Kunsterlebnis hatte ich bis dato noch nicht erfahren.

Gibt es etwas, das Sie in der Kunst suchen?

Der Wunsch, sich mit kreativen Menschen auseinanderzusetzen, und die Sehnsucht nach Nichtkonformität und Unkonventionalität begründet sich in meiner Kindheit. Ich bin in einem strengen Industriellenhaushalt groß geworden, wo für diese Art von Freiheit und Emotionalität kaum Platz war. Dort war alles strukturiert und vorgegeben. Die Kunst war für mich eine Befreiung.

Ihre Familie muss entsetzt gewesen sein.

Eltern können sich ihre Kinder nicht aussuchen, das gilt auch umgekehrt. Obwohl meine Eltern meine Aktivität erst kritisch beäugten, haben sie mir Vertrauen gewährt. Heute unterstützen sie meine Vorhaben, wofür ich außerordentlich dankbar bin.

Die Option, Ihr BWL-Studium abzubrechen, gab es nicht?

Etwas abzubrechen ist in unserer Familie nicht vorgesehen.

Sie sind Gesellschafterin des Familienunternehmens. Schlagen zwei Herzen in Ihrer Brust?

Ja, sicherlich, wobei wir wieder bei der Ambivalenz wären. Ich bin übrigens davon überzeugt, dass Künstler und Unternehmer wesensverwandt sind. Nehmen wir zum Beispiel Tino Sehgal, er ist studierter Ökonom und ein herausragender Künstler.

Wieso haben Sie sich als Sammlerin ausgerechnet auf das Gebiet Videokunst spezialisiert?

Eine generelle Spezialisierung auf ein Medium war anfangs überhaupt nicht vorgesehen, sondern hat sich intuitiv durch die Leidenschaft zu Film und bewegtem Bild und durch die Begeisterung meiner Familie in diesem Bereich ergeben. Meine Großmutter war Schauspielerin und passionierte Filmerin, die schon im frühen Nachkriegsdeutschland spektakuläre Filme gedreht hat. Diese Begeisterung für neue Medien und Technik übertrug sich auf meinen Vater, der Fotograf werden wollte.

Sehen Sie sich die alten Filme heute noch an?

Gelegentlich. Zum Glück gibt es die alten Abspielgeräte noch.

Sie sagten einmal: „Ich finde Räume mit Fernseher gemütlich.“ Warum?

Korrigiere: Ich fühle mich in einem Raum, in dem ein Abspielgerät steht, besonders wohl.

Sie haben von der Super8 über Hi8 bis zur Beta-Technik die ganze Spannbreite der Kamera- und Abspieltechnik erlebt. Mit welchem Gefühl betrachten Sie sich selbst auf dem Bildschirm?

Wer sieht sich schon selber gerne im Fernsehen?

Hinter Ihnen hängt ein Plakat Ihrer Schau in den Hamburger Deichtorhallen. Darauf sind Sie zu sehen, mit einer Kapitänsmütze auf dem Kopf. Einverstanden, dass dies eine Selbstinszenierung ist?

Die Ausstellung 2010 in den Deichtorhallen war die erste Präsentation meiner Sammlung außerhalb meines Sammlungsgebäudes in einer öffentlichen Institution. Ich stehe aus voller Überzeugung für meine Sammlung, daher diese bewusste Motivwahl. Dass dies auch missgünstig aufgenommen werden würde, war vorauszusehen.

Sie haben einen weiteren Kunstraum in Düsseldorf eröffnet, in einem ehemaligen Schönheitssalon im Bahnhofsviertel. Was reizt Sie an der Stadt?

Ich fühle mich in der Kunst- und Kulturszene gut aufgehoben. In Düsseldorf hat sich in den letzten Jahren viel bewegt, in der Akademie, dem K21 und der Kunsthalle. Ich habe nie bereut, meine Sammlung hier eröffnet zu haben. Es gab auch Berlin als Option – doch Düsseldorf hat ein gewachsenes Bürgertum und eine großartige Kunstgeschichte. Daher die Ausweitung meines Engagements in dieser Stadt.

Und das Bürgertum besucht dann eine Ausstellung wie „Fragile“ mit ihren expliziten Sex- und Gewaltszenen?

Ich bitte Sie. Ich habe das große Glück, in meinem Haus ein aufgeschlossenes Publikum zu haben, das sich außerhalb der in Ihrer Frage implizierten bürgerlichen Konvention bewegt. Als kleine Anekdote kann ich hier nur anführen, wie der Wunsch einer älteren Dame an mich herangetragen wurde, ihren 90. Geburtstag in besagter Ausstellung zu feiern. Normalerweise finden keine Geburtstage in den Ausstellungsräumen statt. In diesem Fall habe ich gerne eine Ausnahme gemacht, allerdings mit dem Warnhinweis, was die provokanten Inhalte der Arbeiten betrifft. Daraufhin antwortete sie erfreut: „Wenn Sie wüssten, was ich alles schon erlebt habe!“

Warum ist ausgerechnet Düsseldorf so aufgeschlossen?

Wie schon gesagt: In Düsseldorf gibt es dieses besondere, gewachsene Bürgertum, das sich von jeher mit Kunst auseinandergesetzt und immer mit Kunst gelebt hat, daher gibt es eine große Offenheit und Akzeptanz für die Kunst. Dies zeigt sich schon allein an der Mitgliederzahl des Kunstvereins, aber auch an der Dichte der Kunstinstitutionen innerhalb Düsseldorfs und in der gesamten Region.

Interessieren Sie die Reaktionen der Besucher?

Absolut. Ich schätze die Einträge in meinem Gästebuch. Die Kommentare reichen von „indiskutabel“ bis „Danke, so ein Glücksmoment“.

Sie sind in der Lage, für Kunst viel Geld ausgeben zu können. Sind Anerkennung und fundierte Kritik unbezahlbar?

Ja. Ich möchte eine wirkliche inhaltliche Auseinandersetzung über meine Arbeit, keine Diskussion über Äußerlichkeiten.

Reizt es Sie gar nicht, sich auch in Berlin zu präsentieren, wo so viele Sammler offene Häuser haben?

Absolut! Das wird sich zeigen.

Uns ist aufgefallen, dass Sie einen sehr langen Atem haben, wenn es darum geht, Verhandlungen zu führen …

Es gibt Schlüsselarbeiten, die ich jahrelang beobachte und verfolge, etwa „Rehearsal I“ von Francis Alys von 2004. Sieben Jahre habe ich auf diese Arbeit gewartet, das hat mich ungeduldigen Menschen schon sehr gequält.

Grämt es Sie, dass Sie „Play Dead; Real Time“, die Arbeit, die Ihre Sammelleidenschaft entfachte, nie bekommen haben?

Nein, der Besitz ist nicht das Entscheidende. Ich versuche überall dorthin zu reisen, wo diese Arbeit ausgestellt wird – immer wieder große Glücksmomente beim Wiedersehen. Die drei wichtigsten Arbeiten meiner Sammlung überhaupt habe ich dem MoMA in New York geschenkt. Sie sind kunsthistorisch derart relevant, dass ich es für sinnvoll erachte, dass sie einem größeren Publikum zugeführt werden, als es mir jemals möglich wäre.

Woher kommt dieser Impuls?

In der Musik, in der Literatur oder im Theater gibt es auch nicht diesen Besitzeranspruch. Niemand könnte behaupten: Diese Oper oder dieses Gedicht gehört mir. Die Anfänge der Medienkunst sind ähnlich, in den 60er Jahren waren die Arbeiten unlimitiert und für ein breites Publikum gemacht. Die Beschränkungen kamen erst durch den Markt.

Welche Strategie verfolgen Sie, wenn Sie sich von der Bilderflut erholen müssen?

Ich möchte mich nicht erholen.

Auch nicht in Ihren Privaträumen? Welches Bild hängt in Ihrem Schlafzimmer?

Über meinem Bett ist ein Fenster.

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