Zeitung Heute : Kur ohne Schatten

Ein Bäderaufenthalt kann wieder fit machen für den Job. Doch viele Arbeitnehmer verzichten darauf

Adelheid Müller-Lissner Jörg Ziegler

Bis vor wenigen Jahren konnten Arbeitnehmer Kuren nahezu problemlos beantragen. Aber wegen der schlechten Finanzlage gehen Krankenkassen und Rentenversicherer zusehends restriktiver bei der Bewilligung vor. Allerdings verzichten inzwischen offenbar viele Arbeitnehmer von sich aus, Kuren zu beantragen – aus Angst, sie könnten dadurch ihre Karriere oder ihren Arbeitsplatz gefährden.

„Im Schnitt erleben wir einen Antragsrückgang bis zu 20 Prozent“, sagt Thomas Bubitz, Geschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Privatkrankenanstalten. Dass Kuren für Arbeitnehmer heute ein schwieriges Thema sind, kann man schon daran erkennen, dass der Begriff „Kur“ (von lateinisch curare: heilen, pflegen, sorgen) in der Sozialgesetzgebung überhaupt nicht mehr vorgesehen ist. Stattdessen werden von Sozialleistungsträgern Leistungen erbracht, die der „Vorsorge“ oder der „Rehabilitation“ dienen. An den gesetzlichen Vorgaben dafür hat sich durch das Gesundheitsmodernisierungsgesetz seit Januar 2004 nur in Details etwas geändert (siehe Kasten). Und auch die volle Lohn- und Gehaltsfortzahlung ist kein Problem, wenn eine stationäre Maßnahme bewilligt wurde. Trotzdem gehen die Anträge zurück.

Bei der Landesversicherungsanstalt (LVA) Berlin etwa gab es statt der 30184 Anträge des Vorjahrs im Jahr 2004 nur noch 27834 Anträge. Carmen Peuke, LVA-Pressesprecherin in Berlin, ist sicher, dass viele sich nicht trauen, eine Reha zu beantragen, die dringend nötig wäre. Ein starker Hinweis darauf ist der Rückgang der Zahl der Krankschreibungen. „Die Leute gehen krank arbeiten. Dabei müsste man doch bedenken, was das kleinere Übel ist: Seine Arbeit aus Krankheitsgründen aufgeben zu müssen oder sie kurz für eine Kur zu unterbrechen.“

„Viele Arbeitnehmer verzichten jetzt auf notwendige Behandlungen und Reha- Maßnahmen, weil sie Angst haben, bei der nächsten Rationalisierungswelle ganz oben auf der Abschussliste zu stehen“, sagt auch Ingo Nürnberger, Reha-Experte beim Deutschen Gewerkschaftsbund DGB. Tatsächlich würden „Ältere und Menschen mit gesundheitlichen Problemen zuerst aussortiert, das sehen wir tausendfach“. Da wolle keiner durch hohe Fehlzeiten unangenehm auffallen, auch wenn sie der Gesundheit dienten.

Trotzdem stehen die Angebote. Da ist zunächst die ambulante Vorsorgeleistung. Der Arzt muss sie befürworten und kann zusammen mit dem Patienten unter den anerkannten Kurorten den geeigneten wählen. „Ambulant“ heißt also nicht, dass die Kneipp-Kur am Wohnort absolviert würde. Nur sind Kost und Logis, anders als die therapeutischen Anwendungen, weitgehend Privatsache.

In dieser ambulanten Form kann auch eine Rehabilitation organisiert werden, die nach einer Erkrankung der Wiederherstellung der Leistungsfähigkeit dient. Im engeren Sinn ambulant sind aber Reha-Maßnahmen, die man wirklich mit dem Zu-Hause-Wohnen verbinden kann. „Viele Patienten benötigen nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus keine Rundumbetreuung mehr“, sagt Almut Heyne, Ärztin vom Ambulanten Zentrum für Rehabilitation und Physikalische Therapie in Jena. Die verschiedenen Anwendungen – Krankengymnastik, Logopädie und ähnliches – füllen nicht immer den ganzen Tag aus. Viele, die noch im Berufsleben stehen, versuchen eine solche Phase, etwa nach einer Bandscheiben- oder Hüftgelenksoperation, sogar mit dem Arbeitsleben zu vereinbaren. Ein Facharzt für Rehabilitationsmedizin kann dann als „Lotse“ für die Anwendungen fungieren. Diese Lösung ist auch politisch erwünscht. Tatsächlich, so kritisiert der Berufsverband der Reha-Ärzte, werden jedoch heute nur drei Prozent der Patienten ambulant nachbehandelt, weil die Strukturen dafür noch nicht ausreichen.

Bei starker Hilfsbedürftigkeit führt ohnehin kein Weg an der Reha-Klinik vorbei. Ein stationärer Aufenthalt ist aber auch nötig, wenn intensive Gruppenarbeit zur Therapie gehört. „Bei vielen Diagnosen gehört es zur Behandlung, aus dem häuslichen Umfeld herauszukommen“, sagt Carmen Peuke. Wenn Arzt und Leistungsträger eine stationäre Form der Vorsorge oder Wiederherstellung nach einer Krankheit für nötig halten, ist auch für Kost und Logis gesorgt, allerdings schlägt meist der Leistungsträger die Einrichtung vor, in der sie stattfinden soll.

Früher waren vier Wochen das Maß aller Kuren, heute sind nur noch drei Wochen vorgesehen. „Weniger sollte es nicht sein, dann kann eine Kur keine Wirksamkeit entfalten“, sagt Imke Vogt vom Deutschen Heilbäderverband in Bonn. Darauf, dass es eine Weile dauert, bis das Heilklima und die speziellen Therapien wirken, verweisen inzwischen auch wissenschaftliche Studien.

Auch wenn der klassische, staatlich anerkannte deutsche Kurort stolz das „Bad“ als ersten Namensbestandteil trägt und Studien inzwischen zeigen, dass Wasser ein echtes Therapeutikum ist: Kurmedizin ist längst mehr als Bädertherapie. Inzwischen sind auch medikamentöse Therapie, Physiotherapie, Ergotherapie, Ernährung und Psychotherapie feste Bestandteile der Behandlungskonzepte. Die mondänen Kurgäste von einst würden sich über den vollen Terminkalender der Reha-Patienten von heute wundern.

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