Zeitung Heute : Kurorte in Deutschland: Suche nach der Gesundheitsnische

Willy Storck

Nach rasanter Talfahrt im Zuge der Gesundheitsreform beginnen sich die meisten Kurorte in Deutschland allmählich wieder zu erholen. Im bäderreichen Bundesland Baden-Württemberg fehlt es dabei nicht an Flankenschutz durch den Heilbäderverband in Stuttgart. Der ist auf der Suche nach noch nicht ausgeschöpften Nischen fündig geworden und hat ein Modellprojekt unter dem Arbeitstitel "2 plus 1" gestartet, von dem er sich bundesweite Wirkung erhofft.

Unter dem Motto "Topfit - Jobfit?" sollen sich Unternehmen am Mitarbeiter-Gesundheitsurlaub beteiligen. Erste Partner beim Modellversuch sind mit Daimler-Chrysler und Bosch zwei Großunternehmen. Das Ganze funktioniert so: Bei einem dreiwöchigen Gesundheitsprogramm zahlt der Arbeitgeber in den ersten beiden Wochen das Gehalt weiter, anschließend steuert der Arbeitnehmer fünf Urlaubstage als Eigenleistung bei. Auch müssen, wie bei Kuren üblich, für die ersten beiden Wochen 17 Mark je Tag zugezahlt werden, während die Kosten für medizinische Leistungen von der Landerversicherungs-Anstalt (LVA) Württemberg übernommen werden. Nach Abschluss des "Probelaufs" wird dieser an der Universität Heidelberg wissenschaftlich ausgewertet.

Der Gesundheitsurlaub kann verschiedene Therapieschwerpunkte haben: Etwa Bewegung oder Ernährung, aber auch Stressbewältigung. Zwei von 22 beteiligten Heilbädern und Kurorten (Bad Buchau und Bad Krozingen) halten auch ein spezielles Angebot für Führungskräfte vor. Nach Ansicht des Heilbäderverbands kann betriebliche Gesundheitsförderung ein "maßgeblicher Wettbewerbsfaktor" werden, zumal nachweislich Betriebe mit hoher Motivation niedrigere Krankenstände und höhere Produktivität aufwiesen.

Kurorte hoffnungsfroh

Zu Grunde liegt der Initiative aus Baden-Württemberg der neu gefasste Paragraf 20 Sozialgesetzbuch, wonach die Krankenkassen ihren Mitgliedern wieder Herz-Kreislauf-Training, Ernährungskurse, Rückenschule und ähnliche Gesundheitsschulungen anbieten dürfen. Anfang 1996 waren solche Leistungen vom damaligen Gesundheitsminister Horst Seehofer untersagt worden. Gesunde sollten, hieß es damals, gesundheitliche Vorsorge bitte schön selbst bezahlen.

Dass die Kurorte die nunmehrige Neuregelung hoffnungsvoll begrüßen, liegt auf der Hand. Da Gesundheit "zunächst im Kopf" beginne, so der baden-württembergische Verbandspräsident Rudolf Forcher, müssten Unternehmen auch die Chancen des Modells "2 plus 1" erkennen, weil sie von gesunden und motivierten Mitarbeitern generell Vorteile hätten. Ob das Projekt über Großkonzerne hinaus auf Wohlwollen stößt, wird sich allerdings noch zeigen müssen.

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