Zeitung Heute : Kurse für die Bosse von morgen

Wer sein eigener Chef werden will, muss sich vorab gut informieren. Doch viele Seminare für Existenzgründer sind mangelhaft

Alexander Visser

Michael Diersch ist zufrieden. Vor zwei Jahren entschied er sich für die Selbständigkeit, kürzlich feierte er mit vielen Kunden das einjährige Jubiläum seines Rauchershops in Wilmersdorf. Seine Geschäftsidee: Er importiert Zigarren aus der Dominikanischen Republik und verpasst ihnen individuelle Bauchbinden nach Kundenwunsch. Seine Kunden sind meist Unternehmen, die verdienten Mitarbeitern Zigarren mit dem Logo ihrer Firma spendieren. „Der Laden läuft“, freut sich Diersch. „Das liegt auch an der guten Beratung, die ich in der Gründungsphase bekommen habe.“ Diersch hatte am Businessplan-Wettbewerb Berlin Brandenburg teilgenommen, der angehende Gründer mit Kursen und Expertenrat unterstützt.

Für viele Angestellte und Arbeitssuchende ist die Arbeit als Selbstständiger oder die Gründung eines eigenen Unternehmens eine verlockende Alternative zur Firmenlaufbahn. Doch viele Neu-Unternehmer scheitern schon in den ersten Monaten. So musste fast ein Fünftel der 268000 Ich-AGs, die bis Ende 2004 gestartet wurden, bereits wieder einpacken. „Sie sind vor allem wegen schlechter Vorbereitung und Information gescheitert“, urteilt Stiftung Warentest.

Vor zwei Jahren hatte die Zeitschrift „Finanztest“ Gründerseminare in Berlin unter die Lupe genommen (Heft 8/2003). Nur in fünf der 23 untersuchten Kurse war die fachliche Qualität hoch. Zum Teil machten Berater Eigenwerbung für ihre Dienstleistungen statt gründlich zu beraten. Die Situation hat sich nicht grundlegend gebessert. „Es gibt immer noch viele Kurse, die Gründer eher entmutigen als sie zu unterstützen“, sagt Alfred Töpper, Weiterbildungsexperte der Stiftung Warentest. Wer einen Kurs sucht, sollte vorab einige Checkpunkte beachten.

Kosten und Nutzen

Einstiegsseminare für Gründer dauern in der Regel drei bis vier Tage und müssen nicht viel kosten. So bietet die Berliner Handwerkskammer vom Bundeswirtschaftsministerium geförderte Drei-Tages-Kurse für zehn Euro am Tag. Die Dozenten sind zum Teil selbst Kleinunternehmer, die aus eigener Erfahrung berichten können. Sie wurden von „Finanztest“ gut benotet. Die Verbraucherschützer machten aber auch weniger gute Erfahrungen mit günstigen Kursen. So schickte ein privater Anbieter Teilnehmer, die einen kostenlosen Vier-Tages-Kurs absolvieren wollten, für vier Tage in einen bereits laufenden achtwöchigen Kurs. Offenbar war der versprochene Gratiskurs nur als Lockangebot gedacht, um Werbung für zahlungspflichtige Seminare machen zu können. An den Volkshochschulen in Berlin und Brandenburg liegen die Kosten zwischen 40 und 80 Euro. Viel Mehr sollte ein Kurs nicht kosten. Arbeitslose können sich bei der Arbeitsagentur um einen Bildungsgutschein bemühen und damit kostenlos einen Kurs besuchen.

Wichtige Inhalte

Ein Drei-Tages-Kurs kann nur einen ersten Überblick für die Anforderungen an Gründer geben. Er sollte dem Teilnehmer verdeutlichen, welche Lebensveränderungen mit der Selbstständigkeit verbunden sind. Der Kurs muss vermitteln, welche Voraussetzungen Existenzgründer mitbringen müssen. Er soll Hilfestellung bei der Grundsatzentscheidung geben, ob sich eher eine Gewerbeanmeldung oder eine freiberufliche Tätigkeit lohnt. Die Gründer müssen nachher genau wissen, welche weiteren Schritte auf dem Weg in die Selbständigkeit unternommen werden müssen. Wichtig ist auch, im Kurs den Bedarf an zusätzlicher Weiterbildung abzuklären, etwa im Bereich Buchführung oder Steuern.

Kompetente Dozenten

„Etliche Dozenten, die sonst als Steuer- oder Unternehmensberater, Banker oder Versicherungsmakler arbeiten, treiben mehr oder minder offene Eigenwerbung, zum Teil verbunden mit unseriösen Erfolgsversprechen“, warnt „Finanztest“. Zudem haben viele Dozenten kaum pädagogisches Können und bieten langweiligen Frontalunterricht. Günstig ist eine Mischung aus Dozenten mit praktischer Unternehmenserfahrung und geschulten Pädagogen. Bevor man sich für einen Kurs anmeldet, sollte man daher möglichst viel über die Dozenten in Erfahrung bringen. Gibt ein Anbieter darüber nur vage Auskunft, ist Vorsicht geboten.

Informationsmaterial

Bei den vom Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit (BMWA) geförderten Kursen müssen prinzipiell Informationsmaterialien kostenlos verteilt werden. Auch sonst sollte Informationsmaterial in jedem Kurs angeboten werden.

Individuelle Beratung

Jedes Unternehmenskonzept stellt den Gründer vor ganz eigene Herausforderungen. In einem guten Kurs sollte Zeit vorgesehen sein, das eigene Konzept zu präsentieren, um auf individuelle Fragen eingehen zu können. Das ist in Seminaren mit mehr als 15 Teilnehmern kaum zu gewährleisten. Angehende Gründer sollten sich vor Kursstart vergewissern, dass sie sich nicht für eine Massenveranstaltung anmelden.

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