Zeitung Heute : "Kursk": Rote Nelken auf schwerer See

Elke Windisch

Durch den kleinen Charter-Jet geht ein Ruck, der alles, was nicht angekettet ist, durch die Gegend fliegen lässt. Kein Wunder bei dem jähen Kurswechsel. An dem riskanten Manöver ist ausnahmsweise nicht das Wetter schuld, obwohl über der Barentssee ein Sturm tobt, der meterhohe Wellen mit weißen Schaumkronen vor sich her treibt. Im Cockpit ist vielmehr gerade eine unmissverständliche Drohung in holprigem Englisch eingegangen: Drehen Sie sofort bei! Andernfalls würden "adäquate Maßnahmen" ergriffen. Normalerweise hätte der norwegische Pilot keinen Anlass, auf die Warnung zu reagieren. Der Flieger hat deutlich sichtbare norwegische Kennzeichen am Heck und dreht über norwegischem Hoheitsgebiet seine Runden. Doch der Spruch kommt von dem russischen Kriegsschiff "Admiral Tschebonenko". Von dort überwacht Flottenchef Wladimir Kurojedow die Bemühungen von 18 russischen und norwegischen Marinetauchern, die Leichen aus dem russischen Atom-U-Boot "Kursk" zu bergen, das Mitte August mit 118 Mann an Bord vor der Kola-Halbinsel sank.

Bei den Russen, das hat der Norweger durchaus richtig erkannt, liegen die Nerven blank. Die Maschine, die das Katastrophengebiet noch gar nicht erreicht hat, dreht wieder auf Heimatkurs - zum Leidwesen der Fluggäste, einem Kamerateam des russischen Privatsenders NTW, der den Flieger gechartert hat. Seit die Bergungsarbeiten Ende vergangener Woche begannen, ist das Drama der "Kursk" wieder wichtigstes Thema im russischen Fernsehen. Tagtäglich spielt sich in deren Senderäumen allerdings ein weiteres Drama ab: der Kampf um Bilder.

Die kann bislang nicht einmal Arkadij Mamontow liefern, der Starreporter des Staatssenders RTR. Mamontow, der schon bei den missglückten Rettungsversuchen im August als einziger direkt vor Ort zugegen sein durfte, hat auf Druck der Militärs die Konkurrenz erneut abgehängt. Gebracht hat ihm das wenig. Nur Positives gilt seinen Zensoren als sendefähig, und daran hapert es.

Das Ungemach begann, noch bevor die Operation überhaupt anlief. Die "Regalia", das norwegische Bergungsschiff, stampft, Kurs Nordnordost, mit voller Kraft durch die Barentssee. Wie gebannt sitzen die Angehörigen der toten Matrosen vor dem Fernseher, saugen jeden Informationsschnipsel auf. So mancher hat die Hoffnung auf ein Wunder noch nicht aufgegeben. Niemand, sagt die Mutter von Obermaat Viktor Kusnezow, sei schließlich "drinnen gewesen, keiner hat die Toten gesehen". Frau Kusnezowa hat gehört, die "Kursk" könne vier Monate lang autonom unter Wasser bleiben. Steht denn hundertprozentig fest, dass Sauerstoff und Proviant nur für zehn Tage reichten? Sicher, die meisten werden tot sein, sinniert die Frau vor laufender Kamera. "Aber vielleicht ..." Der Satz bleibt unvollendet. Es ist ohnehin klar, was sie meint: Vielleicht ist auch Viktor noch am Leben.

Wen das Leid fortträgt, der klammert sich an solche Fantasien. Was mag die schwer herzkranke Frau Kusnezowa empfinden, als Generalstabschef Walerij Manilow am gleichen Abend verkündet, die Bergungsarbeiten würden womöglich abgebrochen? Das Wetter, die Sicherheit der Taucher. Und überhaupt gebe es einen Befehl des Präsidenten zu den Bergungsarbeiten, funkt wenig später Vizepremier Ilja Klebanow dazwischen, der die Regierungskommission zur Untersuchung des Unglücks leitet, und dieser Befehl werde ausgeführt.

Das erste Taucherteam steigt denn auch am Samstag in die Glocke, um in einer Tiefe von 108 Metern zunächst ein mannsgroßes Loch in den Bootsrumpf zu schneiden. Fast ein Selbstmordkommando: Lampen am Helm bringen wenig auf dem Meeresgrund. Jede Bewegung wirbelt Schlamm auf, und schon das kleinste Stahlstück, das vom Rumpf absplittert, kann die Anzüge beschädigen - bei einem Überdruck von zehn Atmosphären wäre das der sichere Tod.

Nach vier Stunden übernimmt ein zweites Team. Den Durchbruch schafft erst die dritte Mannschaft nach fast zwölf Stunden.

Dann ist erst mal Pause. Das Staatsfernsehen spricht von "unerwarteten Hindernissen in Form von Rohrleitungen und Gummidichtungen" zwischen Außenhaut und dem eigentlichen Rumpf. Kennen die Ingenieure der Firma "Rubin", die die Kursk Anfang der Achtziger gebaut haben, das eigene Konstruktionsschema nicht? Montagabend: Die Hürde ist endlich genommen. Milchig-trübe Bilder zeigen Taucher, die an elastischen Schläuchen wie an einer Nabelschnur hängen, beim Entnehmen von Wasserproben aus dem Bootsinneren. Die Öffnung, die sie dazu in den Rumpf aus Titan-Stahl geschnitten haben, ist ganze zehn mal zehn Zentimeter groß.

Montagnacht: In Moskau ist es kurz nach zwei, als die Taucher im Schnellgang aus der Tiefe geholt werden. Keinen Moment zu spät. Was die Taucher nicht sehen, wohl aber an den Schwingungen der Glocke merken, veranlasst die Offiziere auf der Kommandobrücke der "Regalia", die Mütze abzunehmen: Vier Meter hohe Brecher klatschen an die Bordwand. Erst am Dienstagnachmittag seilt sich wieder eine Taucherglocke ab. Die ganze Nacht wird gesägt.

Mittwochfrüh: Radio Rossija meldet, die Öffnung sei nun groß genug für den Einstieg. Schnee fällt, als in Murmansk ein Hubschrauber zur "Regalia" startet. Mit an Bord gehen zwei Frauen, Witwen von Offizieren. Sie sollen im entscheidenden Moment dabei sein und dann allen anderen berichten.

Sie kommen zu früh. Erst müssen die scharfen Ränder der Öffnungen geglättet werden. Vor den Tauchern werden Kameras das Innere der "Kursk" untersuchen. Die Frauen ringen sich ein Lächeln ab, als sie an die "Regalia"-Besatzung selbst gebackenen Kuchen verteilen. Immer noch schwimmen auf der dunklen See die roten Nelken, die sie nach der Ankunft über Bord geworfen haben.

Auch in der Marinesiedlung Widjajewo, wo jede dritte Familie direkt vom Unglück der "Kursk" betroffen ist, schwimmen Blumen auf dem Wasser. Immer wieder wirft die See sie zurück an den Strand. Ganz so, als verweigere sie das Opfer, solange die Toten nicht geborgen sind. Ein Denkmal soll hier entstehen. Aus dunkelgrauem Granit mit golden eingravierten Namen. In der Siedlung selbst wird jetzt regelmäßig geheizt, täglich gibt es warmes Wasser. Auch die Häuserfassaden werden frisch geweißt, Tapeten geklebt und Kinderspielplätze gebaut. Obwohl die Hälfte der Familien weg will. Selbst bei denen, die bleiben wollen, kommt keine Freude auf. "Mussten unsere Männer erst sterben", fragt eine der Witwen die Reporterin des Staatsfernsehens, "damit wir wie Menschen leben können?"

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