Zeitung Heute : Kurven aus Licht

Er feiert Glamour und Schönheit, er ist der Großmeister der erotischen Fotografie: Heute kommt Peter Basch zurück in seine Geburtsstadt Berlin. Eine Begegnung

Peter Becker

Nehmen wir einmal an, wir müssten in einem einzigen Satz alles sagen, was wir über diesen älteren Herrn im roten Rollkragenpullover zu wissen glauben. Der Satz würde lauten: Peter Basch hat die schönsten Frauen der Welt fotografiert!

Ach, wirklich? Haben wir’s nicht ein bisschen kleiner, fragt da die innere Stimme, die uns gemeinhin vor solchen Superlativen warnt. Alles sei doch immer nur relativ. Aber nein, antworten wir, diesmal gilt der Höchstsatz. Denn die Bilder beweisen es.

„Stars!“ ist ein opulenter Bildband betitelt, mit dem der 1921 in Berlin geborene und 1933 mit seinen Eltern nach Amerika ausgewanderte Peter Basch nun spät noch einmal in sein Geburtsland zurückkehrt: als einer der großen Porträtisten des 20. Jahrhunderts, der in seinen besten Zeiten fast alle Götter und Diven des Hollywoodfilms und des europäischen Kinos vor der Kamera hatte. Mit seinen Fotos von der jungen, nur wenig verhüllten Bardot hat P.B. die BB ab 1956 in den USA zu Frankreichs Exportschlager gemacht. Basch war einer der Auserwählten, die Marlene Dietrich vor einem Auftritt in ihre Garderobe ließ und bei dessen Bildern sie später keine Retuschen verlangte; und Basch war wohl der einzige, der Grace Kelly zu einer Fotosession ohne Make-up und im Negligé verführte. Weil er ihr Vertrauen gewann.

Das ist das Bemerkenswerte bei diesem heute 82-jährigen kahlköpfigen Herrn aus New York, dessen weißes Menjoubärtchen sich gerne über einem verschmitzt amüsierten Lächeln rundet: Er war in den 50er, 60er Jahren einer der teuersten Fotografen der Welt, er wurde auf den Titelseiten von „Life“ und „Vogue“, von „Esquire“ und dem „Stern“, vom „Playboy“ und von „Twen“ gedruckt – aber zumindest in Deutschland hat ihn zuletzt kaum mehr jemand gekannt.

Lockende Zwischentöne

Was sich jetzt ändern wird. Denn seine „Stars!“ (erschienen im Berliner Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag) sind eine Sensation. Es ist nicht einfach das Fotobuch des Jahres – sondern die Entdeckung, die Wiederentdeckung der erotischen Fotografie. Plötzlich gehen uns die Augen über vor Bildern, die – von Ursula Andress bis Natalie Wood, von Claudia Cardinale bis Kim Novak oder Liz Taylor – noch im posenhaftesten Geräkel in Bettlaken, auf Wiesen oder an Meeresstränden einen Stil zeigen, einen Sinn für dezente, lockende Zwischentöne und jenen stolzen Hauch von Glamour, der das inflationäre Sexgetue einer abgebrühten Enthüllungsindustrie heute ganz nackt, grob und unsinnlich aussehen lässt.

Doch die Geschichte von Peter Basch ist nicht nur die eines Star-Fotografen. Als wir uns einen Tag nach seiner Landung aus New York und seinem ersten Fernsehauftritt in einem Hotel in Bremen treffen, spricht Basch gleich von der Weiterreise nach Köln und nach Berlin, wo er heute Abend bei Hugendubel an der Gedächtniskirche sein Buch präsentieren wird. Basch sagt dazu als Erstes: „In Köln war ich am 9. November 1938.“ Die Auskunft überrascht, weil man denkt, der bis zum 13. Lebensjahr in Berlin-Schöneberg aufgewachsene Sohn österreichischer Juden, habe Hitlers Reich nach der Emigration 1933 nicht mehr betreten. Aber das galt nur für seinen Vater Felix Basch, einen Ufa-Regisseur, Schauspieler, Impresario und als Flüchtling auch Gastwirt, der 1944 in Amerika starb. Mit der Mutter jedoch, der Wiener Schauspielerin und Operettensängerin Grete Freund, war der 17-jährige Peter, der zwischenzeitlich auch in England zur Schule ging, im November nach Köln gereist. Sie wollte sich dort um einen jungen Tenor kümmern, den Sohn einer befreundeten Familie. „Am zweiten Morgen“, erzählt Basch, „war die Innenstadt wie ausgestorben. Der Hotelportier meinte, das habe mit irgendwelchen Krawallen gestern Abend in einem anderen Stadtviertel zu tun. Aber jetzt sei alles vorbei. Daraufhin nahmen wir den nächsten Zug von Köln nach Paris, und an der Grenze holte man schon einige Leute aus dem Waggon. Es war der Tag nach der so genannten Reichskristallnacht.“

Auch im Juli 1939 war Peter Basch noch einmal im Hitlerreich, in Berlin bei seinem vermögenden Patenonkel. Der hatte ihm eine Winterreise an die Riviera und die Cote d’Azur spendiert, wo Basch mit seiner ersten Kamera ein Bild mit Meer und Wolken machte, für das er in seinem englischen College den ersten Fotopreis gewann. „Später in Amerika merkte ich dann, dass man mit Porträts, vor allem von hübschen jungen Frauen, leichter sein Geld verdienen kann als mit wolkigen Seestücken!“

Kurz bevor der Krieg ausbrach, war dann die ganze Familie in Amerika, gerettet. Doch für Baschs Berlin-Reise im Sommer 1939 interessierte sich ein paar Jahre später sein Vorgesetzter bei der US-Airforce. Basch war allerdings kein Flieger, sondern Filmer geworden: im technischen Stab der „First Movie Picture Unit“, die in Hollywood Informations- und Trainingsfilme für die Luftstreitkräfte produzierte. Als der Offizier ihn nach Berlin fragte, antwortete der junge Basch zunächst: „Sie haben meinen Vater erschossen!“ – „Wer hat deinen Vater erschossen?“ – „Sie, Sir. Zusammen mit Errol Flynn.“

Baschs Vorgesetzter in Uniform war der Hollywoodschauspieler Ronald Reagan, der Papa Basch im Spielfilm „Desperate Journey“ in der typischen Emigrantenrolle eines deutschen Gegners umgelegt hatte. Worauf Reagan lachte: „Oh, das tut mir Leid. Wie geht es deinem Vater?“ Solche Anekdoten, die am Ende ein Leben und manchmal ein Überleben sind, sprudeln bei Peter Basch in Fülle. Man muss nur aufpassen, dem Berliner aus New York, der gerade eine Chemotherapie hinter sich hat und über die Zeiten hinweg ein beneidenswertes Gedächtnis für Namen, Orte, Pointen besitzt, beim fabulierenden Gedankenspringen zu folgen. „Das ganze Leben ist Zufall und keine Kellertür“, lacht er, und fast alles, was er aus seinem Leben erzählt, ist zugleich ein Stück Kulturgeschichte, manchmal, am Rande, auch Weltgeschichte.

Schon seine erste Foto-Lehre bei dem Pariser Bildkünstler Paulus Leeser bringt ihn 1938 in Kontakt mit dem damals weltberühmten Regisseur G.W. Pabst, der unter anderem Brechts „Dreigroschenoper“ verfilmt hatte. In Paris drehte Pabst gerade ein Kinostück, das in einer Mädchenschule spielte, „mit 27 bildhübschen jungen Französinnen“ (P.B.). Eine von ihnen nahm kurz darauf ihren Rollen-Namen an und machte als Micheline Presle Karriere. „Der erste Filmstar, in den ich mich folgenlos verliebt habe.“

Der Verbündete der Frauen

Aber die Liebe hat dennoch Folgen. Nach 1945 beginnt der Frauenbewunderer Peter Basch im New Yorker Hotel „St. Moritz“ angehende Models und Schauspielerinnen zu fotografieren, um ihnen bei Bewerbungen für Rollen oder Reklame-Aufträge zu helfen. Baschs Vater hatte ihm zur Fotografie geraten: „Du hast einen guten Blick, und die Sprache der Bilder versteht man überall auf der Welt.“ Basch kannte das Emigrantenschicksal von Autoren oder Schauspielern, die an ihrer Muttersprache hingen. Hinzu kam der Blick. Den hatte Peter Basch für die attraktivsten Seiten seiner Foto-Modelle: „Ich habe Menschen nie bewusst geschönt, sondern wollte immer ihre natürlichen Vorzüge, vielleicht auch Charakteristika, zum Strahlen bringen. Dabei haben die Frauen schnell gemerkt, dass ich sie nicht voyeuristisch ausbeute, sondern ihr Partner, ihr Verbündeter war.“

Basch hat auch viele Männer im Film- und Showbusiness fotografiert. „Stars!“ zeigt wunderbare Aufnahmen vom jungen Brando, Belmondo oder Horst Buchholz, von Truffaut und Michelangelo Antonioni, von Sammy Davis jr., von Tony Curtis, Fellini, Marcello Mastroianni, dem frühen Sean Connery, Robert Mitchum, der Factory mit Andy Warhol oder auch das schönste Profil-Bild des alten, auf seinem Sofa Zeitung lesenden Billy Wilder. Doch das Besondere und das Häufigere sind die Porträts, die Schnappschüsse oder sorgsam arrangierten Halbakte und Viertelverhüllungen der meist noch jungen Frauen. Oft, wie Catherine Deneuve, Anita Ekberg oder Liz Taylor, noch am Beginn ihrer Weltkarrieren.

Heinz Rühmann, gewiss kein Beau, sang im Film einst, ich breche die Herzen der stolzesten Frauen. Peter Basch könnte sagen, er zeigte die Herzen der stolzesten Frauen. In einer Zeit, in der der Blick auf ein schönes Dekolleté noch in keinem Silicon Valley endete. Und Basch verletzte sie nie, nicht die Herzen und nicht die Seelen. Dafür gibt es ein erstaunliches Beispiel: Wohl Ende der fünfziger Jahre – seine Bilder sind leider zu selten datiert – hat P.B. die noch mädchenhafte Jane Fonda im hochgeschnürten Mieder fotografiert und später, auf, nun ja: einer Art Bärenfell, auch nackt, wenngleich mit spärlichen Drapierungen. Diese Bilder waren eine Sensation, weil es das damals noch nicht gegeben hatte: solche Fotos von der Tochter eines etablierten Hollywoodstars wie Henry Fonda. Kurze Zeit später fotografierte er Susan Strasberg, die Tochter Lee Strasbergs, des Schauspiellehrers fast aller amerikanischen Stars, von Marlon Brando bis Marilyn Monroe.

Susan hatte zuvor gerade als erste Schauspielerin die Rolle des von den Nazis ermordeten Mädchens Anne Frank verkörpert, deshalb verzichtete Peter Basch auf jegliche erotische Anspielung. Bald darauf rief der „Playboy“ an und wollte von Susan Strasberg mindestens so freizügige Bilder sehen wie von Jane Fonda: „Je mehr Epidermis sie zeigt, desto höher das Honorar. Sie kriegen pro Zentimeter 1000 Dollar mehr!“ Basch antwortete: „Ich kaufe mir nicht die Haut einer Frau.“ Aber zu seiner eigenen Überraschung meldete sich Susan Strasberg irgendwann aus Rom, wo sie dem Regisseur Franco Zeffirelli beweisen wollte, dass sie auch Kurtisanen spielen könne. „In diesem Fall habe ich Susan angeboten, sie dürfe hinterher an den Kontaktstreifen alles abschneiden, was sie nicht auf dem Bild haben will.“ Als er danach dann in Neapel Sophia Loren fotografierte, hat sie ihm gesagt: „Bei mir bringen Sie eine große Schere mit!“

Während einer intimen Foto-Session sind Schauspieler stärker ausgeliefert als beim Film oder auf einer Bühne. Denn sie haben zunächst keine Rolle, keinen Text. Deshalb ist das Vertrauen in den Fotografen doppelt nötig. Basch sagt: „Ich habe nie Alkohol oder Drogen eingesetzt. Ich arbeite intuitiv, spontan und verlasse mich auf die Intelligenz einer ambitionierten Frau, die gefallen will. Manchmal habe ich sie mit kleinen Geschichten entspannt, manchmal mit einer Geste oder einem Requisit überraschte, damit sie ihren Sex-Appeal, ihren emotionellen Charme der Kamera preisgibt.“ Die Überraschung konnte sein, dass er zu Brigitte Bardot, einer zuerst Unausstehlichen, ins Bett sprang und sie sanft in den Hintern trat; ein anderes Mal ist die in den Formen eines Rubensakts schwelgende, an sich selbst sichtbar entzückte Jayne Mansfield ihm am Ende – eingeschlafen. „Auf meinem Tischtennistisch, dort hatte ich sie anstelle eines Bettes platziert.“ Und wieder lacht Basch sein spitzbübisches, altersweises Lächeln.

Dann sagt er: „Damit Sie mich nicht missverstehen, ich fliege nicht auf typische Sexbomben. Meine Frau dachte manchmal, dass mir eine Anita Ekberg oder Jayne Mansfield gefallen könnte. Aber ich bin kein Mann, der besonders auf Oberweiten reagiert.“ Trotzdem sind gerade die virtuos mit Licht und Schatten, mit gleißender Haut und der blonden Mähne spielenden Bilder der jungen Anita Ekberg ein Höhepunkt der erotischen Glamour-Fotografie: eines heute, wo schon Diätwässer mit gestylten Aktbildern werben, beinahe ausgestorbenen auratischen Genres.

Was aber meint das noch: Glamour? Ich lese Peter Basch einen Satz aus seinem Verlagsprospekt vor: „Glamour – das ist die Herrschaft des Mythos über den Alltag.“ Basch wirkt verblüfft und bittet, den Satz zu wiederholen. Dann nickt er, die Ironie eines New Yorkers im Blick. „Das klingt gut, aber stammt nicht von mir.“ Wahrscheinlich stammt es vom deutschen „Star!“-Herausgeber Michael Petzel. Der ist ein Karl-May-Filmspezialist und wird sich gefreut haben, dass wir die junge Karin Dor, einst blasse Zierde der Edgar-Wallace-Filme oder an Winnetous und Old Shatterhands Seite, bei Basch nun wieder als dunkelhaarige Schönheit der deutschen Sechziger entdecken.

Aber der Glamour? „Ich glaube, der ist die wunderbare Glasur, die über einen Cheesecake geht. Oder die zauberhafte, leicht zerreißende Verpackung, wegen der man eigentlich ein Geschenk nicht öffnen mag.“ Später sagt Basch mit einer in der Luft plötzlich wie festgesaugten Bewegung der kräftigen Hände: „Für große, sensible Schauspieler ist ihre Maske die Schutzhülle, aus der heraus sie erst selbstbewusst agieren können. Und wenn man manchen Menschen den Schein raubt, dann raubt man ihnen ihr Sein.“

Das berührt wohl auch das Geheimnis dieser Fotos, ihre erotische Anziehung: dass nicht alle und alles ausgezogen ist. Dass es die Kunst der nicht schamhaft verklemmten oder schamlos lüsternen, sondern bezaubernd reizenden Verhüllung noch gibt. Ein anderes Wort für diese Gewandung und Verwandlung wäre: Kultur.

Maid in Germany

Kultiviert (und hoch manieriert) sind in anderer Weise auch die Bilder des gleichaltrigen, ebenfalls in Berlin geborenen Helmut Newton. Im Gegensatz zu berühmten amerikanischen Kollegen wie Richard Avedon oder Bert Stern, dem großen Monroe-Fotografen, ist Newton nicht mehr Baschs Fall. „Ich respektiere sein Können und seinen Erfolg. Aber ich mag nicht, wie er Frauen immer wieder zu Objekten macht.“ Das sind für ihn Sex-Spiele, aber keine eigentlich erotischen Inszenierungen. – Merkwürdig, dass einer wie Basch, dessen Pin-ups der Frauenbewegung der 70er Jahre als sexistisch galten, im heutigen Blick als Vorkämpfer der Emanzipation erscheint. Traurig stimmt ihn selbst im Rückblick nur, dass so viele dieser schönen jungen Frauen die sein Buch versammelt, zu früh starben: durch Unfälle, Mord und Selbstmord, von Jean Seberg bis Sharon Tate, von Jayne Mansfield bis Natalie Wood.

Peter Basch ist seit über 50 Jahren verheiratet mit der kanadischen Schauspielerin Jacqueline Bertrand, die in „Stars!“ einmal sehr attraktiv mit Salvador Dalí auftaucht. Sie leben in einer lichtdurchfluteten Wohnung an der Westside von Manhattan, am Riverside Drive, mit Blick auf den Hudson. Und dort wird Basch bald sein nächstes Buch vorbereiten. Ich frage ihn nach dem Titel und verstehe „Made in Germany“. Da lacht er sein unhörbares Lächeln. „Nein, es heißt:,Maid in Germany’!“ Peter Basch will uns dann zeigen, dass er damals, in den Sixties, der Erfinder des in Amerika sprichwörtlich gewordenen deutschen „Fräuleinwunders“ war. Seine Bilder, von Senta Berger als meergeborene Venus oder der jungen Romy Schneider, lassen schon jetzt manch Schöne ahnen.

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