Zeitung Heute : Kurz und gut: Walter Grasskamp: Konsumglück

Heike Kunert

Die Ware Erlösung. Vor der Verführung, die über das Auge zum Herzen geht, kommt heute die Verführung über die Ware zur Geldbörse. Die Welt ist ein Warenhaus voller ebenso verlockender wie unnützer Dinge. Nichts wird wirklich gebraucht, aber alles gewollt. Wir unterliegen dem Kaufrausch. Die lila Kuh verkauft uns Schokolade, wir eilen in Nike-Schuhen auf den weißen Riesen zu, hetzen von einem Konsumtempel zum nächsten. Gier treibt uns. Und wer nicht zahlen kann, muss stehlen gehen. "Shoplifters of the World Unite!" - Ladendiebe aller Länder, vereinigt Euch! - sangen "The Smiths" 1986, und auch das zitiert Walter Grasskamp in seinem wunderbaren Essay, der sich den schönen, guten Waren widmet, anstatt dem Wahren, Schönen, Guten. Da nimmt uns der Autor, Kunsthistoriker und Professor an der Universität München, am Eingang zum Supermarkt in Empfang und führt uns durch den Irrgarten der Wa(h)renwelt. Mit einem erhobenen Zeigefinger, den er mit Bedacht hinter dem Rücken hält, und mit einem schmunzelnden Auge erklärt er das Konsumglück in seinen Auswirkungen und Ursachen und macht deutlich, dass die erlösende Ware keineswegs ins Paradies führt. "Werbung will stets etwas anderes verkaufen als sich selbst, Kunst dagegen immer nur sich selbst", schreibt Grasskamp. Und wir Konsumenten fallen freiwillig auf Werbung herein. Der Leser fühlt sich hier ertappt: Er praktiziert ja wirklich eine Lebensgemeinschaft mit den Dingen und wird selbst zum Inventarstück eines Konsumkosmos. Der Autor vollzieht in seinem Essay einen gekonnten Balanceakt: Lesend werden wir zu Richtern unserer selbst, wir klagen uns selbst an. Das Anhäufen von Dingen über Dingen ist eine Anhäufung von Überfluss, eine Anhäufung von Luxus-Müll. Wir beziehen aus ihnen falsches Prestige, konstruieren unsere Lebenskulisse auf den Fundamenten des Marktes. Wir setzen unsere Existenz durch Tand und Trödel in Szene. Wir schaffen im Kaufrausch Reservate der Unnützigkeit. Die Werbung verlockt uns so lange, bis Dr. Best und Meister Proper uns regieren. Grasskamp unternimmt einen schonungslosen Amoklauf durch Supermärkte und Warenhäuser. Seine Schüsse auf die Dinge in den Regalen prallen zurück auf die Gesellschaft. Da wird deutlich, dass die Inflation der Dinge den Geist abhanden kommen lässt. Grasskamps Sprache ist lebendig, temporeich und trotzdem zurückhaltend. Und so entscheidet sich der Autor im Zeifel für den Angeklagten, den Leser und Käufer (Verlag C.H.Beck. München 2000. 176 Seiten, 19,90 DM).

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