Zeitung Heute : Kurz vor dem Notstand

Nach der Tötung von Scheich Jassin: Die Hamas und ihre Anhänger schwören Rache – und Israel macht sich gefasst auf weitere Anschläge

Charles A. Landsmann[Tel Aviv]

Von Charles A. Landsmann,

Tel Aviv

Tausende waren zuvor zum Schifa-Krankenhaus gerannt, um sich selbst davon zu überzeugen, dass der von ihnen verehrte Hamas-Gründer, der Patron und geistige Führer, tatsächlich tot ist. Dann vom Krankenhaus zu Scheich Ahmed Jassins Haus, weiter zur großen Moschee in Gazas Stadtzentrum und von dort zum Friedhof.

Sie sahen unter anderem: verbrannten Gummi und ein wenig Metall, ein paar Männer hielten die Reifen in die Luft – mehr war nicht geblieben von Jassins Rollstuhl. Sie hörten einen jungen Mann davon erzählen, wie er zusammen mit einer Krankenschwester die Leichenteile vom Boden aufsammelte, in Plastiktüten tat und ins Krankenhaus brachte. Er sei hier vor der Moschee gewesen, weil es die Zeit des Morgengebets war. Fünf Uhr, beim Rausgehen, habe er eine erste Rakete gehört, dann eine zweite und dritte. An einigen Mauern ringsum kleine Einschläge, wohl von Splittern, auf dem Asphalt Blut. Blut auch über der Inschrift auf der Moscheetür: „Wir begrüßen den Märtyrertod mit einem Lächeln“. Ein Mann hob einen einzelnen Schuh auf.

Ein unvorstellbares Gedränge in den Straßen von Gaza, als der mit der grünen Hamas-Flagge bedeckte Sarg Jassins und die der übrigen sieben Toten zu Grabe getragen werden. Ladenbesitzer schließen ihre Geschäfte und Schulen schicken ihre Schüler heim.

Schwarze Rauchwolken über der Stadt, von brennenden Autos und Reifen, Schüsse, Sprechchöre kündigen blutige Rache an, „Wir alle sind Jassin, wir alle sind Märtyrer“, skandieren die Massen. Die Hamas-Führung droht: „Scharon hat die Tore zur Hölle aufgestoßen.“ Ismail Hanijeh, einer der engsten Mitarbeiter Jassins, erregt sich: „Worte können die Gefühle des Zornes und des Hasses in unseren Herzen nicht beschreiben“, die Rache werde „den Boden unter den Füßen des Feindes in eine Hölle verwandeln. Ganz Palästina wird zu einem Vulkan, der die Feinde verbrennen wird.“ Ein Flugblatt kündigt an: „Der Tod wird in jedes israelische Haus kommen“, und: „Heute beginnt die neue Intifada.“

Abdel Asis Rantissi ist, seitdem er eine ähnliche israelische Liquidierungsaktion im Juni des letzten Jahres knapp überlebt hat, nicht mehr ansprechbar für Nicht-Araber. Und jetzt wird er wohl Jassins Platz nicht nur an der Spitze von Hamas einnehmen, sondern auch an der Spitze der israelischen Liquidierungsziele. Auch er droht mit fürchterlicher Rache: „Jassin ist ein Mann in einer Nation und eine Nation in einem Mann. Und die Vergeltung dieser Nation wird der Größe dieses Mannes angemessen sein.“

Rantissi verschwindet, kurz nachdem die Särge mit Erde bedeckt sind, aus dem Sichtfeld der israelischen Armee-Helikopter, die über der Szenerie kreisen. Genauso wie die anderen aus der Führung der Islamisten zwar an der Beerdigung teilnahmen, jedoch sofort wieder in den Untergrund zurückkehrten, versteckt vor den israelischen „Vögeln“, wie einer von ihnen die mit zielgenauen Raketen bestückten Hubschrauber einmal nannte.

Sie sind wieder weg, aber die Stadt Gaza, der gesamte Gazastreifen ebenso wie das Westjordanland wollen an diesem Tag nicht zur Ruhe kommen. Und werden es wohl auch in den kommenden Tagen nicht.

Zwar sagen viele, sie hätten keine Angst. Doch israelische Bürger und palästinensische Politiker fürchten um ihr Leben. Alarmstufe C gilt für die israelische Polizei, die zweithöchste Stufe. D würde Notstand bedeuten.

Die Tel Aviver Buslinie 5 hat einige Terroranschlägeerlebt und dutzendweise Tote. Die Passagiere haben sich daran gewöhnt, mit der ständigen Gefahr zu leben. Aviva zum Beispiel, eine rüstige 76-jährige Dame. Sie sagt, sie habe „keine Angst vor Arabern und auch keine Angst im Autobus“. Sie hat Minuten vor der Fahrt gehört, dass ein jugendlicher Araber im benachbarten Ramat Gan drei Passanten mit einer Axt angegriffen hat: „Das kann überall passieren.“ Anders Silvia Levy, sie hat jetzt „Angst vor einem Mega-Anschlag vor dem anstehenden Pessach-Fest“. Jassins Liquidierung sei vielleicht richtig gewesen, aber nicht weise. Es sitzen auch zwei Soldaten im Bus, sie sind auf dem Weg zu ihrer Basis. Der eine sagt, er erwarte zwar „als Soldat, dass sie auf dich schießen und dich angreifen, aber der Gedanke, dass ein Terrorist sich im Bus in die Luft sprengen kann, macht mir Angst.“ Ja, er habe Angst vor der Rache der Hamas.

Auch der Jerusalemer Linienbus 19 war vor zwei Monaten Ziel eines Anschlages. Jetzt steht Linda Israeli an der Haltestelle im vornehmen Rehavia-Viertel und wartet auf ihn. Sie ist „sicher“, sagt sie, „dass die Liquidierung Auswirkungen auf die Fahrten im Autobus in Jerusalem haben wird. Vor allem in den ersten Tagen.“ Die neben ihr stehende Studentin Inbal sagt, die Raketen auf Jassin, auf den Mann, der unermüdlich die Vernichtung des Staates Israel predigte, seien nicht richtig gewesen, man hätte klüger sein sollen. Sie würden noch mehr Anschläge auslösen und noch mehr Tote.

Ruth Yaron, die Armee-Sprecherin, gibt sich gar nicht die Mühe, die eigene Bevölkerung zu beruhigen. Vielmehr stellt die Frau Brigadegeneralin Stunden nach Scheich Jassins Tötung knapp und nüchtern fest: „Dies ist der Krieg gegen den Terror, gegen Gewalt.“ Und diesen Krieg müsse man gewinnen, aller ausländischen Kritik und aller Furcht im eigenen Land vor Rache zum Trotz.

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