Zeitung Heute : Kurzmeldungen

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Von Marion Kerstholt

Am Samstag ist es wieder soweit: Dann werden die Erstklässler die Berliner Grundschulen mit prall gefüllten Schultüten stürmen. Schokoriegel, Lutscher und Bonbons sollen den Kleinen den ersten Schultag versüßen. Doch diese Naschereien können sich viele von ihnen eigentlich nicht mehr erlauben: Immer mehr Berliner Kinder sind übergewichtig.

Bei den Einschulungsuntersuchungen werden jedes Jahr alle angehenden Schulkinder gemessen und gewogen. Eine Studie des Berliner Senats aus dem Jahr 1999, in der 14 500 Kinder untersucht wurden, hat ergeben: In Berlin ist jedes achte Kind fettsüchtig und damit schwerer als 90 Prozent seiner Altersgenossen.

Zur Bestimmung des relativen Körpergewichtes wird der Body-Mass-Index (BMI) verwendet. Er gibt das Verhältnis zwischen der Körpergröße und dem Gewicht einer Person an. Allerdings kann Fettsucht bei Kindern nicht allein durch den BMI definiert werden, auch das Alter und das Geschlecht spielen eine Rolle.

Während noch 1994 nur etwa elf Prozent der Berliner Kinder zum Zeitpunkt der Einschulung an Fettsucht (Adipositas) litten, stieg die Quote 1999 auf 13 Prozent an. Kinder türkischer Eltern sind sogar fast doppelt so häufig von Fettleibigkeit betroffen: Von ihnen sind 20 Prozent stark übergewichtig. Und der Trend zeigt nach oben. Jedes Jahr werden die ohnehin übergewichtigen Kinder noch fülliger.

Besonders Großmütter sehen gut genährte Enkel gern. Doch die Zunahme der „Pummelchen“ hat auch ernste Folgen für die Gesundheit der Kinder. Ausgelöst durch falsche Ernährung und fehlende Bewegung haben sie ständig einen hohen Blutzuckerspiegel. Darauf reagiert der Körper wie sonst bei älteren Menschen: mit Altersdiabetes. Diese wurde mittlerweile auch schon bei Berliner Kindern festgestellt. Eine düstere Zukunftsaussicht: Die hohe Zahl fettleibiger Kinder könnte zu einer starken Zunahme junger Diabetiker führen. Und die Zuckerkrankheit potenziert auch das Risiko der Kinder für Herzinfarkt und Schlaganfall in späteren Jahren. In Zukunft kommen auch Gelenkbeschwerden und –verschleiß auf die Heranwachsenden zu, denn ihr großes Körpergewicht überfordert ihren Bewegungsapparat.

Jedes sechste Kind ist zu dick

Die Ursachen für die Fettleibigkeit bei Kindern sind zwar vielzählig, doch grundsätzlich gibt es eine Gemeinsamkeit: Wir leben in einer inaktiven Gesellschaft, wir bewegen uns zu wenig. Ärzte und Wissenschaftler haben bestätigt, dass Fettsucht mit den Erbanlagen der Eltern weitergegeben wird. Doch kommt es auf das Zusammenspiel der erblichen Grundlagen und der Lebensweise an: Fettleibigkeit war deshalb früher kein Problem, weil die Kinder übermäßigen Kalorien mit Klettern, Laufen und Toben beikamen. Doch wer jeden Tag mit dem Auto zur Schule gebracht wird, nachmittags nur mit der Playstation Fußball spielt und abends vor dem Fernseher entspannt, speichert überzählige Energie in den Fettzellen.

In den USA, wo heute jedes fünfte Kind als fettsüchtig eingestuft wird, trat Adipositas zuerst auf. Aber mittlerweile haben wir nachgezogen: In Deutschland leidet jedes sechste Kind an starkem Übergewicht. Auch Großbritannien und Frankreich stehen vor einer ähnlichen Situation. Nur in Skandinavien sind die Kinder noch dünner. „Die genaue Ursache dafür ist noch nicht erforscht. Wahrscheinlich herrscht dort ein anderes Freizeitverhalten“, sagt Heiko Krude, Kinderarzt an der Charité in Berlin. Die Weltgesundheitsorganisation WHO benennt die Fettleibigkeit als häufigste chronische Erkrankung im Kindes- und Jugendalter – Handlungsbedarf ist nötig, da zwei Drittel der fettsüchtigen Kinder voraussichtlich auch im Erwachsenenalter unter starkem Übergewicht leiden werden. Inzwischen gibt es immer mehr Einrichtungen, die gegen den Bewegungsmangel vorgehen. In Berlin lernen „Pfundige Kids“ im Sport- und Gesundheitspark in Wilmersdorf, wie sie ihr Verhalten im Alltag ändern können. „Wenn die Kinder das schaffen, nehmen sie im Anschluss automatisch ab“, sagt Geschäftsführer Peter Schwitters. Jeden Sonntag kommen die Kinder zu dem zweistündigen Training, das pädagogisch geschulte Diplomsportlehrer leiten.

Die Eltern müssen umdenken

Es werden Koordination, Ausdauer und Geschicklichkeit trainiert – so sollen die fettleibigen Kinder erst einmal Spaß am Schul- oder Freizeitsport bekommen. Auch die Eltern nehmen am Sportprogramm teil: Die nämlich sollten, so die Pädagogen, mehr mit ihren Kindern unternehmen – die Familie muss aktiver werden. Statt eines gemütlichen Fernsehnachmittags empfehlen sie eine Fahrradtour in die Umgebung. An erster Stelle der Veränderung steht die gemeinsame Mahlzeit. In der Ernährungsberatung lernen Eltern und Kinder, worauf sie beim Kochen und bei der Auswahl der Nahrungsmittel achten sollten. Fette reduzieren lautet die Devise für den Ernährungswandel.

Auch die Schulen können bei der Vorsorge gegen Fettsucht helfen. „Mit dem Zeitpunkt der Einschulung steigt auch die Zahl übergewichtiger Kinder stark an. Deshalb sollten Schulküchen eingerichtet werden, die mittags eine gesunde Mahlzeit für die Kinder anbieten“, schlägt Krude vor.

Doch vor Übergewicht ist kein Kind gefeit. Selbst vor Hollywood macht Adipositas nicht halt: Schauspieler Nicholas Cage hat einen stark übergewichtigen Sohn. Mit dem geht er jetzt zweimal die Woche ins Fitnessstudio – um den überflüssigen Pfunden des Zehnjährigen Beine zu machen.

Für Interessenten gibt es zwei Schnuppertermine im Sport- und Gesundheitspark am 25.8. oder 1.9.2002. Anmeldung unter der Telefonnummer (030) 897 91 70.

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