Zeitung Heute : Kurzmeldungen

Schmidt schnäuzte laut ins Taschentuch, als Strauß in die Kamera redete. Schröder und Stoiber haben sich beim TV-Duell dagegen gut benommen. Sie haben alles richtig gemacht. Trotzdem fühlt sich die Union als Sieger, die Regierung hat einen kleinen Kater – und das Volk muss entscheiden. Die 80-Millionen-Frage

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Von Robert von Rimscha

Am Montagmorgen, als die ersten Kameras vor der CDU-Zentrale am Rande des Berliner Tiergartens auf die Unions-Prominenz lauern, fahren zwei blonde Schülerinnen im Bus 187 an ihnen vorbei. „Der Stoiber war gar nicht so krass daneben, wie ich gedacht hätte“, sagt die eine. Die andere nickt.

Eben. Und so ist wenig später in der Bundesgeschäftsstelle der Christdemokraten Jubel zu hören, allerdings jene Art, die sich als Bescheidenheit kaschiert. In den Gremien ist die Devise „Ruhe“ ausgegeben worden: „Tun müssen wir ja nichts!“ Mit grinsendem Understatement tuscheln die Großen der Union in alle offenen Ohren: „Och, es ging uns schon schlechter.“

Beim möglichen Koalitionspartner FDP sorgt Vize-Chef Walter Döring zeitgleich für ein Bonmot. „Aus diesem Duell hätte man sich rausklagen müssen“, witzelt der Baden-Württemberger. Sein Chef Guido Westerwelle, der sich ja per Karlsruhe in das zweite Duell einklagen will, bilanziert trocken: „Ich glaube nicht, dass wir uns in zwei Tagen an irgendetwas erinnern können, außer, dass es stattgefunden hat.“

Im rot-grünen Regierungslager ist man am Montag weniger gut gelaunt. Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye lässt den Versuchsballon steigen, für die zweite Runde eine Regeländerung zu erwägen. Das harte Nein von Angela Merkel und Edmund Stoibers Manager Michael Spreng kommt prompt: „Das ist besprochen, das ist entschieden!“ Spreng schreibt dann auch gleich einen Brief ans ZDF. Man habe doch „das Format für die Sendungen soweit wie möglich den amerikanischen Regeln angenähert“. Deshalb beharre er nun auf strikter Einhaltung. Und ob das ZDF den Kanzler vielleicht hierüber informieren könne?

Außenminister Joschka Fischer gibt zu Protokoll, Politik werde noch immer im Bundestag gestaltet, wo Schröder und Stoiber am Donnerstag bei der Debatte über die Flutkosten noch einmal aufeinandertreffen. Fernsehduelle möge man doch nicht überbewerten; der beste Beweis, dass wirklich etwas geschehen ist am Sonntagabend.

Der Duell-Knigge

Das TV-Duell – das augenscheinliche Patt scheint den Parteien als ein Punktsieg Stoibers. Und das, obwohl alle fast alles richtig gemacht haben. Woher die Siegesfreude der Union, woher der kleine Kater der Regierung? Versuchen wir es mit den Regeln aus den USA, wo man 42 Jahre Erfahrung mit solchen Duellen hat.

Do-s and Don’t-s: Was man tun darf, und was man tunlichst unterlassen sollte. Mehrmals rieb sich der Kanzler die Langeweile aus den Augen. Er musste niesen, griff sich sein Taschentuch und schnäuzte in die Vorträge seines Herausforderers hinein. Meist baumelte ihm eine Zigarette von der Unterlippe. Und wenn der gegnerische CSU-Mann genüsslich sozialdemokratische Fehleinschätzungen rügte, die Jahrzehnte zurückliegen, studierte der Kanzler in seinen mitgebrachten Aktenbergen. Die typischste Haltung des Sozialdemokraten war der lässig über die Stuhllehne geworfene Arm, mal rechts, mal links.

Nein, das war nicht vorgestern. Das war im Herbst 1980, als der letzte Sozialdemokrat vor Schröder Kanzler und der Herausforderer ebenfalls Ministerpräsident in Bayern war. Helmut Schmidt gegen Franz Josef Strauß, ihnen zur Seite Helmut Kohl und Hans Dietrich Genscher, alle sitzend statt stehend: Lange ist’s her. Und weil es vier waren, hieß es nicht „Duell“. Gegen all das, was Berater ihren Matadoren heute sagen, verstießen die damaligen Spitzen der Politik. Endlose Sätze, Angola und Äthiopien und Afghanistan in eine Randbemerkung verpackt, kein Lächeln, zur Schau gestellte Arroganz. So gesehen war Schröder gegen Stoiber nicht nur eine Premiere, sondern der Beweis, dass sich die politische Selbstdarstellung in gut 20 Jahren völlig verändert hat. Niemand machte einen gravierenden Fehler. Keiner benahm sich daneben. Alle Regeln wurden eingehalten, bis auf die koketten Verstöße gegen die Disziplinierungsversuche der Moderatoren.

Der symbolische Händedruck ist ebenfalls Vorschrift im TV-Duell. Er soll zeigen, dass es jenseits allen Streits um einen demokratischen Wettbewerb unter Konkurrenten, nicht unter Feinden geht. Die höhere Kunst des Handschlags besteht darin, dass es im Interesse des Größeren unter den Bewerbern liegt, den Kleineren an sich heranzuziehen, ihn zur Kamera zu drehen, ihm vielleicht sogar, von oben herab, eine Hand auf die Schulter zu legen. Das klassische Vorbild ist George Bush der Ältere, der Mike Dukakis von den Demokraten 1988 so vereinnahmte.

Stoiber und Schröder gaben sich zweimal die Hand. Zuerst ohne Kameras. Stoiber stand bereits hinter seinem kühlschrankartigen Rednerpult, Schröder kam von vorn auf ihn zu, eine knappe Begrüßung, dann nahm auch der Kanzler seinen Platz ein. Der zweite Handschlag kam nach der Debatte, wenn in den USA die entzückten Familienmitglieder der Kandidaten auf die Bühne zu stürmen und ihre Helden zu herzen pflegen. Stoiber bewegte sich als Erster auf den Kanzler zu, zögerte aber, denn Schröder sprach noch mit den Moderatoren. Dann wandte sich der Kanzler entschieden dem Herausforderer zu. In der Mitte trafen sich beide.

„Das ist ja abenteuerlich hier“

Anschließend Abgang nach links, erst Stoiber, dann Schröder. Der Bayer ist stets schneller: Er kommt eine Viertelstunde früher, ist zuerst am Pult, zuerst wieder draußen. Beim Einmarsch der Gladiatoren in Adlershof, wo draußen vor dem Studiogelände die FDP-Jugend „gegen die große Koalition der Steuererhöher“ demonstriert, sind beide betont jovial. „Das ist ja abenteuerlich hier“, entfährt es Schröder. Während der Kanzler drei Stunden später noch durchs Studio huscht, ist Stoiber schon fast an seinem Wagen und lässt seiner Erleichterung freie Bahn. „Jetzt hätt’ i gern a Weißbier“, sagt der gelegentliche Pflicht-Trinker zu seinen Getreuen.

Absolute Pflicht im Duell ist es, Irrtümer im Vortrag des Gegners sofort aufzudecken. „Rapid Response“ oder „Reality Check“ nennen das die Amerikaner. Während Schröders Mannschaft die „rapid response“ verschlafen hat, leistete Michael Sprengs Team ganze Arbeit. Keine zehn Minuten waren nach dem Ende der Debatte vergangen, da quoll aus dem Drucker ein engbeschriebener, boulevardtauglicher Zweiseiter: „Schröder – das ging daneben! Seine 10 größten Fehler im 1. TV-Duell.“ Kursiv folgte jeweils, was der Kanzler behauptet hatte, und darunter stand: „Fakt ist…“ So wissen wir jetzt, wann Schröder über Stoiber sagte: „Er hält, was er verspricht, und er zieht es dann auch durch.“ Der Kanzler sagte es, als er selbst noch um die Macht rang, im Februar 1996.

Sieger wird nicht, wer besser ist, sondern wer die in ihn gesetzten Erwartungen übertrifft; „Expectation Game“ heißt das in den USA. Berühmt war das Duell zwischen George W. Bush und Al Gore 2000, als beide beteuerten, sie seien die Außenseiter. Der leidgeprüfte Kampa-Boss Matthias Machnig sitzt in Adlershof vor der Großbildleinwand im Publikumsraum neben dem Studio und wird gefragt, ob denn von Schröder nicht haushohe Überlegenheit erwartet werde, von Stoiber dagegen bestenfalls, dass er keine wichtigen n verwechsle. Machnig raucht und wiegelt ab. Erwartungen seien doch nur für die Profis interessant, das Volk am Bildschirm sehe sich die beiden viel unvoreingenommener an.

Als Stoiber über Rückendeckung der gesamten Union die verschwurbelte Meinung äußert, „ich bin in der Deckungsgleichheit“, lacht Machnig und erklärt ins nächste Mikrofon, Schröder präsentiere eben klare Ideen, Stoiber aber nur seine unpräzise Sprache. Dafür verspricht sich der Kanzler kurz darauf bei den Worten „regenerierbar“ und „CO2“. Nach 30 Minuten Duell schlagen sich beide wacker, doch der Kanzler ist erstaunlich nervös. „Es ist zu früh, jemanden zum Sieger zu erklären“, räumt Machnig ein. Kurz darauf wird die Steuerpolitik diskutiert, und der SPD-Stratege schleudert dem Bildschirm-Stoiber ein kräftiges „absurd!“ entgegen. Kurz darauf ist Machnig verschwunden. Stoiber punktet gerade in der Wirtschaftspolitik, er fordert heraus, ohne zu aggressiv zu wirken.

Meist geht es bei den Zuschauern in Adlershof ruhig und manierlich zu. Höhnisches Gelächter erntet Stoiber nur einmal, als er über seine Frau sagt: „Sie hat eine soziale Aufgabe als meine Frau in Bayern.“ An anderen Orten Berlins mit organisierter Duell-Verfolgung, in der American Academy oder im Willy-Brandt-Haus etwa, erntet Stoiber mehr spöttische Lacher.

Aber fragen wir die Neutralen. John Kornblum, früher US-Botschafter in Berlin, freut sich nach dem Duell: „Das war hervorragend. Beide kann man sich ohne Abstriche in höchster Verantwortung vorstellen, und das ist gut für Deutschland.“ Die Redeschlacht sei „fifty-fifty“ ausgegangen, aber gemessen an den Erwartungen ergebe dies wohl einen knappen Punktsieg für Stoiber.

Til Schweiger als Spin Doctor

Auf jedes Duell folgt das „Spin Doctoring“, das ostentative Loben des eigenen Kandidaten, ganz egal, wie der sich geschlagen hat. Klaus Meine, der Sänger der Hard-Rock-Band Scorpions aus Schröders Heimat Hannover, hat im Publikumsraum in Adlershof die Baskenmütze tief ins Gesicht gezogen, als er die Annäherung der Politik an die Kultur lobt, wobei er „Kulturschaffende" sagt. Klaus Meine findet die SPD toll, Til Schweiger auch. Der Schauspieler antwortet auf Fragen nach eventuellen Versäumnissen von Rot-Grün: „Die alte Bundesregierung hatte doch 16 Jahre Zeit, die Probleme zu lösen!“

Die Union ist nicht mit Kulturschaffenden, sondern mit Politikern präsent. Günter Nooke sitzt tief in seinem schwarzen Couchsessel und meint, Stoiber habe zweimal über den Osten gesprochen, Schröder gar nicht. „Schröder passt nicht zu seiner eigenen Kampagne. Er kommt nicht als das Arbeitstier rüber, das er zu sein vorgibt. Er wirkt müde, abtrittsbereit, als wolle er sagen: Gebt mir einen ruhigen Job in der Wirtschaft, und ich gehe! Stoiber dagegen signalisiert: Ich will!“

Die höhere Kunst des „Spin Doctoring“ besteht freilich darin, Überraschungen zu inszenieren. Wenn Sozialdemokraten Schröder und Christdemokraten Stoiber loben, ist das langweilig. Perfekt wäre dagegen gewesen, wenn die Union es geschafft hätte, Helmut Schmidt nach Adlershof zu bringen und zu einem Bekenntnis zu Stoibers Wirtschaftspolitik zu bewegen, oder wenn Helmut Kohl gekommen wäre, um die Außenpolitik Schröders zu loben – nichts dergleichen. Kurz vor Mitternacht leert sich das kaltblaue Studio. Der Zirkus geht heim. Die Karawane zieht weiter; in zwei Wochen kehrt sie bei ARD und ZDF ein.

Helmut Schmidt jedenfalls, der 1980 gegen Strauß siegte und zwei Jahre später dennoch am Ende war, steht den heutigen Duellen distanziert gegenüber: „Äußerlichkeiten spielen bei einer solchen Geschichte eine zu große Rolle.“ Schlimm stehe es um die Republik, wenn die farbliche Stimmigkeit von Krawatten entscheidend sei.

Doch über die Krawatten gab es nicht viel zu diskutieren; auch da haben die Kandidaten keine Fehler gemacht. Schmidts Nach-Nachfolger Schröder gab sich daher am Montag bestens gelaunt. Ob er in der nächsten Runde weniger defensiv sein will? „Ich werde das nächste Mal so sein, wie ich bin“, doziert der Kanzler. Aber lagen nicht Welten zwischen dem, was der Medienprofi leisten kann, und dem, was er am Sonntag zeigte? Schröder scheint es einzuräumen. Dem Fragesteller sagt er: „Mit Ihnen kann man ja auch reden. Das war gestern nur begrenzt möglich.“ Da blitzt durch, dass der Kanzler weiß, um was es geht. Nicht um den Sieg in einer Rate-Show. Um Macht, Zukunft, Existenzen.

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