Zeitung Heute : Kurzmeldungen

Wer meinte, die Grünen wären tagelang berauscht von ihrem Wahlsieg, hat sich getäuscht. Joschka Fischer hat Bescheidenheit verordnet – und Arbeit. Diesmal wollen sie alles anders machen als vor vier Jahren: Zügig soll es bei den Koalitionsverhandlungen zugehen und vor allem realistisch. Die grüne Woche

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Von Hans Monath

Schaulaufen vor Joschka-Plakaten muss der Kanzler und SPD-Chef nicht. Wenn Gerhard Schröder am Montag mit gewohnt energischen Schritten den Sitzungssaal im ersten Stock der Grünen-Zentrale betritt, werden dort fleißige Helfer die Wahlposter, Werbesprüche und Parteilogos längst von den Wänden entfernt haben. Die Grünen wollen übers Wochenende in dem mit Stuck verzierten Zimmer, in dem monatelang ihr Wahlkampfteam tagte, eine neutrale Atmosphäre schaffen. Wenn die sieben Unterhändler von SPD und Grünen um sieben Uhr abends an dem schwarzen Tisch Platz nehmen, beginnt die erste Verhandlungsrunde, in der Ziele der neuen Regierung besprochen werden.

Es ist durchaus von symbolischer Bedeutung, dass der alte und künftige Regierungschef sich zum kleinen Partner bemüht, denn beide Parteien laden nun wechselweise ein. Vor vier Jahren in Bonn traf man sich auf neutralem Boden. Einmal war der Kanzler in Berlin zwar schon in der grünen Parteizentrale am Platz vor dem Neuen Tor zu Gast. Aber damals trat er fast als Privatmann auf, vor zwei Jahren, als die Grünen hier ihr Sommerfest feierten. Jetzt kommt er zu offiziellen Gesprächen mit der Partei, die seine Regierung gerettet hat und dafür auch mehr politisches Gewicht verlangt.

Joschka Fischer, dessen Werbefeldzug in dem Raum mit den hohen Fenstern geplant wurde, hat seinen Leuten allerdings demonstrative Bescheidenheit verordnet – und die meisten Grünen halten sich in den Tagen nach dem dramatischen Wahlsonntag auch daran. Es ist nicht die Zeit des Feierns. Lediglich am Dienstag hat sich der Außenminister fast einen halben Tag Zeitungslektüre gegönnt, um die Beschreibung seines Sieges zu genießen. Seither wird gearbeitet. Aufmerksam haben Grüne registriert, dass Fischer sich konzentriert auf Details der Finanzpolitik vorbereitet hat, als ihr Spitzenteam am Freitagmorgen das erste Thema der Verhandlungen bespricht.

Ganz anders sollen die Verhandlungen mit den Sozialdemokraten diesmal laufen als vor vier Jahren in Bonn, als sich die Gesprächsrunden über viele Wochen zäh hinzogen. Und die Führung der Grünen hat sich auch so schnell auf Vorentscheidungen über wichtige Personalfragen verständigt, dass die übliche Posten-Spekulation nach dem Wahlsieg schon bald beendet sein wird.

Ein halbherziges Dementi

Am Dienstag, als die neue Fraktion mit ihren 55 Abgeordneten sich im zweiten Stock des Reichstags zum ersten Mal zusammensetzt, ist etwa Rezzo Schlauchs Zukunft als Fraktionschef noch ungewiss. Seine Kollegin Kerstin Müller dementiert vor Journalisten nur noch halbherzig, was viele Abgeordnete längst für gewiss halten und gern verbreiten: Die bald 39-Jährige wolle als Staatsministerin ins Auswärtige Amt. Nach der Sitzung, in der sich alle kurz vorgestellt haben, spricht Fischer-Weggefährte Schlauch noch ganz begeistert über die neuen Abgeordneten, von denen viele Sachkenntnis, Lebenserfahrung und Standfestigkeit mitbrächten.

Zwei Tage später aber steht schon fest, dass auch für Schlauch nach vielen Gesprächen eine andere Aufgabe gefunden werden muss und die Fraktion durch Mithilfe des Spitzenteams zumindest einen halben Neuanfang wagen will. Weiblich ist die neue Doppelspitze. Weil 32 von 55 Mitgliedern der Fraktion Frauen sind, gilt ihre Wahl als gesichert, auch wenn Ex-Bürgerrechtler Werner Schulz und Umweltexperte Reinhard Loske weiter Interviews geben, in denen sie entweder Argumente für ihre Wahl ausbreiten oder ihren Spitzenleuten ungebetene Tipps für die Verhandlungen geben.

Es ist ein ungewöhnlicher Mix von Ost und West, neuer und alter politischer Parteikultur, Erfahrung innerhalb und außerhalb des Parlaments, der den Grünen im Bundestag Orientierung geben soll. Die Thüringerin Katrin Göring-Eckardt, bislang Parlamentarische Geschäftsführerin, hat anders als viele Grüne aus den neuen Ländern ihre Herkunft aus der (kirchlichen) Oppositionsbewegung der DDR nie als Argument gebraucht, wonach die Politik ihr heute etwas schulde. Die studierte Theologin, die auffällig viel lacht und sich als Sozialpolitikerin einen n machte, steht damit gleichzeitig mitten in der Gegenwart und ist doch vielen einflussreichen Grünen voraus, weil sie nicht den Milieus oder gar Strömungen angehört, die sich in ihrer Partei über Jahre befehdet haben.

Ihre Unterstützer setzen darauf, dass sie als Organisatorin politischer Abläufe im Bundestag Erfahrungen gewonnen hat, von denen auch ihre künftige Partnerin Krista Sager profitieren soll. Die ehemalige Hamburger Wissenschaftssenatorin entstammt zwar eindeutig einem von zwei politischen Lagern innerhalb der Grünen, freilich dem, das sich inzwischen weitgehend durchgesetzt hat: Als „Reala“ war es Mitte der 90er Jahre ihre Aufgabe, an der Spitze der Partei ihrem damaligen Kollegen Jürgen Trittin Paroli zu bieten, der dort die Parteilinke vertrat. Freilich gelang es den Hamburger Grünen und ihrer Spitzenpolitikerin zuletzt nicht, sich mit neuen Ideen von der verbrauchten SPD der Hansestadt abzusetzen. Die Wahlen vor einem Jahr verlor der rot-grüne Senat.

Bei Gesprächen mit Grünen hört man dieser Tage auch Stimmen, die vor dieser Lösung warnen. Wenn manche Fraktionsmitglieder nun mit süffisantem Unterton an ein anderes Frauenteam in der Parteigeschichte erinnern, so tun sie das nicht ganz uneigennützig: Joschka Fischer habe schon das Duo Antje Radcke und Gunda Röstel „verheizt“, heißt der Vorwurf. Die beiden Politikerinnen, von denen keine Parlamentserfahrung hatte, sollten in den ersten beiden Jahren der Koalition als Parteichefinnen die Grünen führen und scheiterten nicht zuletzt an der Ungeduld des Außenministers, der im Hintergrund die Fäden zog. Die Abgeordneten der Fraktion entscheiden in 14 Tagen autonom. Aber die einflussreichen Unterstützer der neuen Frauenlösung, zu denen vor allem Joschka Fischer zählt, haben keine Angst, den gleichen Fehler noch einmal zu begehen. Krista Sager hat als Senatorin viel Regierungserfahrung gesammelt und kennt die Partei von innen, auch Katrin Göring-Eckardt wird ein gesunder Machtinstinkt nachgesagt. Obwohl die Thüringerin auch manchmal mit der Grünen-Führung von Fritz Kuhn und Claudia Roth aneinandergeraten ist, versichern Gesprächspartner aus der Parteizentrale nun, alle seien an einer starken Fraktionsführung interessiert, die sowohl gegen den Kanzler als auch gegen manche Zumutung aus den eigenen Reihen bestehen könne.

Schließlich hat auch der strahlende Wahlsieg vom Sonntag nicht alle alten Konflikte ausgeräumt – manche hat er vielleicht sogar zugespitzt: Vor dem Fraktionssaal, in dem sich am Dienstag zum ersten Mal die alten und neuen Parlamentarier treffen, versuchen die Abgeordneten Winfried Hermann und Hans-Christian Ströbele einen Hauch von Afghanistan zu verbreiten. Wie im vergangenen Herbst, als die zwei nun ins Parlament zurückgekehrten entschiedenen Kriegsgegner sich bei der Entscheidung über den Bundeswehreinsatz stur gaben und mit dem Scheitern der Regierung drohten, belagern wieder Journalisten die beiden Fischer-Opponenten.

Die 19-Jährige

Vor Kameras und Mikrofonen sprechen sie mit glänzenden Augen von knappen Mehrheiten und von ihrem somit gewachsenen Einfluss, auf den eine neue Fraktionsspitze gefälligst Rücksicht nehmen solle. Aber obwohl in der Außenpolitik noch brisante Entscheidungen auf die Koalition zukommen können, wirkt das Dissidenten-Schaulaufen diesmal inszeniert. Ein möglicher Verbündeter aus der neuen Fraktionsspitze, der Kölner Volker Beck, der Parlamentarischer Geschäftsführer werden will, gilt zwar als Vertreter der Linken. Ein Dogmatiker indes ist er nicht.

Während viele neue Grünen-Parlamentarier am Dienstag in den Fraktionssaal schlüpfen, ohne dass sie ein Mikrofon unter die Nase gehalten bekommen, muss sich Anna Lührmann durch ein Spalier von neugierigen Journalisten fast hindurchkämpfen: Die junge Frau mit der auffälligen Brille ist erst 19 Jahre alt, damit jüngste Abgeordnete des Bundestages und wird schon zwei Tage später in der Fernsehshow von Johannes B. Kerner ihr Leben erklären. Viel verrät sie vor der Fraktionssitzung nicht über sich, nur dass sie die Politik verändern wolle und neugierig sei. Und ein bisschen aufgeregt, ja, das gibt sie denn auf Nachfrage auch noch zu.

Sicher wird die Studentin, die gerade erst Abitur gemacht hat, in den kommenden Monaten für Fischers These herhalten müssen, dass seine Partei nun endlich der Generationenfalle entkommen sei, die hinter den prägenden Grünen-Politikern aus der Protest- und Rebellenorganisation zuzuschnappen drohte. Aber vielleicht steht die junge Frau auch tatsächlich für eine neue Generation in ihrer Partei. Sie fällt weder durch bunte Haare auf noch durch besonders flotte Sprüche oder etwa ein Piercing und würde von daher auch in den Reihen der Jungen Union eine gute Figur machen. Auf ihre Homepage (anna-nach-berlin.de) hat die Hessin ein nettes Foto gestellt, das sie zwischen Vater (im Dreiteiler), Bruder (mit Fliege) und Mutter im schwarzen Trägerkleid lachend auf einem Ball zeigt.

Aus dem Bürgertum direkt in die Politik ohne Umweg über das Rebellendasein und ästhetisch-provozierende Auflehnung gegen die Alten – vielleicht ist das auch eine Zukunft für die Regierungspartei. Wie unterscheiden sich die Grünen dann noch von den anderen Parteien? Vielleicht eine zu große Frage für die kommende Woche, wenn die Grünen im Regierungsprogramm von den Sozialdemokraten auch den Mut zu unbequemeren Reformen verlangen wollen. Wenn der Kanzler kommt, am Montag im Stuck-Saal.

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