Zeitung Heute : Kurzmeldungen

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Frau Schrader, wir möchten beginnen mit zwei ziemlich persönlichen Fragen aus dem Fragebogen von Max Frisch. Also: „Haben Sie Ihre Lebensgefährten gewählt oder wurden Sie gewählt?“

Beides. Na ja…

Sie lachen.

…ich bin in Sachen Lebensgefährten jetzt bei der Zahl drei angelangt. Da kann man noch keine klare statistische Aussage machen.

Noch mal Max Frisch: „Was hat Sie am häufigsten verführt? Dass Sie sich bewundert wähnen? Die Angst, keine Frau zu sein? Schönheit? Alkohol? Oder die voreilige Gewissheit, dass Sie der überlegene Teil sein können?“

Also, die voreilige Gewissheit, dass ich der überlegene Teil sein könnte, hat mich schon immer abgehalten. Das hat mich nie interessiert. Wenn ich mich herausgefordert fühle, das zieht mich an. Schönheit an sich nicht. Was war noch mal das andere?

Alkohol.

Dass man sich quasi alkoholisiert verführen lässt? Dass man morgens aufwacht und denkt, wer ist denn das? Nein. Einfach aus dem Grund, weil ich so ein schlechter Trinker bin, ich bedauere das sehr. So richtig sturzbetrunken kann ich gar nicht werden, weil ich immer schon vorher anfange zu kotzen. Ich bräuchte wahrscheinlich andere Drogen.

Frau Schrader, wenn Sie eine gefühlsbetonte Szene spielen – rufen Sie dann Gefühle aus Ihrem eigenen Leben ab?

Meinen Sie das berühmte Sense-Memory? Dass man Kraft seines Gedächtnisses aus bestimmten Situationen des eigenen Lebens schöpft, das funktioniert bei mir nicht so gut. Sich am Set so eine Art Parallelwelt aufbauen, ich kann das nicht. Ich habe immer das Gefühl, mich damit mehr zu verschließen als zu öffnen. Es ist einfacher für mich, die Szene, die ich spiele, zur Wirklichkeit zu machen und mich fallen zu lassen. Ich kann mich gut konzentrieren. Man sucht nach dem Zustand, wo man nichts mehr kontrolliert, sondern tatsächlich vergisst. Ich sehne mich nach dem Kontrollverlust.

Sie wollen immer wieder eine neue Welt schaffen.

Das haben Sie jetzt gesagt. Es klingt aber schön. Je mehr die Arbeit in einem Art Labor stattfinden kann, weitgehend unbeeinflusst von äußeren Faktoren, desto glücklicher macht sie mich.

Sie haben mal gesagt, ohne Filmemachen können Sie nicht leben.

Ich kann vielleicht ohne Arbeit nicht leben, aber das hört sich auch blödsinnig an, weil das Wort Arbeit so falsch klingt. Es ist eher die Beschäftigung mit einer Sache, das kann vieles sein. So bin ich erzogen worden: Man soll eine Beschäftigung finden, im besten Fall eine Leidenschaft, über die man sich selbst vergisst. Oder durch die man erst zu jemandem wird. Meine Eltern haben so gelebt, die Zielsetzung meines Vaters war nie ein gutes Auskommen, eine funktionierende Familie und zwei Urlaube im Jahr, sondern die Erfüllung war für meinen Vater seine Arbeit, mein Vater war Maler.

Durften Sie Ihren Vater bei der Arbeit stören?

Ja, immer. Er war ein sehr liebevoller Vater, er konnte sich nie seiner Familie entziehen, er hätte es sicher manchmal gern getan. Er hat mir auch oft gesagt, er wüsste nicht, ob er sich eine Familie noch mal antun würde. Er hatte zu wenig Zeit zum Malen, er hat chronisch zu wenig geschlafen, über Jahrzehnte. Auch deswegen ist er wahrscheinlich früh gestorben.

Sie sind heute selbst Mutter einer kleinen Tochter. In Ihrem neuen Film „Väter“ sagen Sie: „Ich weiß nicht, wie andere Mütter das schaffen. Noch ihr eigenes Leben leben.“

Die „Melanie“, die ich spiele, schämt sich dafür, das zugeben zu müssen. Obwohl sie privilegiert ist, nur ein Kind hat. Ich denke, woran moderne Mütter wie Melanie oder vielleicht auch ich am ehesten scheitern, sind die eigenen Ansprüche, die natürlich auch gesellschaftliche Ansprüche sind, aber die man sich anzieht wie einen Socken. Man soll und will alles auf einmal können, und zwar mit links: gute Mutter, gut im Job, gut im Bett, gute Figur und vor allem gute Laune. Und in fünfzehn Jahren möchte man für die ältere Schwester seines Kindes gehalten werden und nicht für seine Mutter. Ich sage Ihnen: Dabei erlebt man seine Grenzen.

Sie lachen. Es geht um die Krankheit unserer Zeit: Man will ständig alle Möglichkeiten haben und wehe, irgendwelche Türen gehen zu.

Es ist diese permanente Verpassungsangst. Wenn ich hier bin, kann ich ja die Party nebenan verpassen. Ich kenne diese Atemlosigkeit. Selbst wenn ich alle Partys weglasse, dann ist die Atemlosigkeit trotzdem noch da. Denn es sind ja nicht nur die ungenutzten Möglichkeiten, sondern auch die Dinge, die man schon angefangen hat, da fächert sich das Leben ganz schön auf. Als ich mit 17 nach Wien gegangen bin, auf die Schauspielschule, da war der Tag lang. Heute sind die Tage kurz, weil mein Leben so voll ist.

Voll mit was?

Voll mit Wünschen und Plänen, Projekten, Organisation. Es ist einfach reichhaltiger geworden. Das ist wie mit einer Wohnung: In 170 Quadratmetern gibt es viele schöne Ecken, in meinem Zimmer in Wien gab es nur ein Bett und einen Tisch. Außerdem gibt es jetzt Menschen, gewachsene Verbindungen, die es damals in Wien noch nicht gab. Das sind nicht nur Beziehungen, das sind auch Freundinnen, die mir viel bedeuten. Viele gibt es davon sowieso nicht.

Wie viele?

Zwei. Sie leben beide in Berlin. Die eine ist Fotografin, die andere Schauspielerin. Mit meiner Freundin, der Fotografin, habe ich ein paar Jahre zusammengelebt, da war es so, dass ich viel weg war von Berlin und immer wieder zurückgekommen bin. Sie war für mich der Anker für mein soziales Leben. Sie hatte ein großes Netz von Freundschaften, und ich konnte mich da einfach einklinken. Ich war ein Trittbrettfahrer.

Hat sich Ihre Freundschaft mit den Jahren verändert?

Klar. Sie hatte damals viel mehr Zeit, unter anderem weil sie nicht in einer so heftigen Liebesgeschichte steckte wie ich. Inzwischen ist sie auch ein richtiger Workaholic geworden, und ich erlebe plötzlich, wie das mit mir wohl schon all die Jahre immer gewesen ist. Wenn man nie da, viel unterwegs ist. Aber das gehört eben dazu, zu Freundschaften. Ich war mal mit ihr sechs Wochen in den USA in Ferien. Wir sind mit dem Auto quer durch die westlichen Staaten gefahren.

Wie in „Thelma und Louise“.

Ja, nur ohne jemanden umzubringen und mit einem besseren Ende. Das war eine der schönsten Reisen überhaupt. Davon zehren wir heute noch. Sie kam jetzt auch nach Worms…

…wo Sie als Krimhild in dem Nibelungenstück von Moritz Rinke auf der Bühne standen…

…das ist eine treue Verbindung. Man kann eine ganze Zeit lang auf Kredit leben, ohne ständig gegenseitig präsent zu sein. Aber dann kommt plötzlich wieder die Sehnsucht, gemeinsame Erlebnisse zu haben.

Haben Sie manchmal die Sehnsucht, sozusagen gedanklich ein Waisenkind zu sein? Man stellt sich vor: Man kommt alleine in Los Angeles an und erfindet die Welt neu.

Ja, diesen Wunsch kenn ich gut, und Gott sei Dank erfüllt er sich auch immer wieder. Ich war gerade eine Woche in New York. Ich habe da ein paar Tage gedreht, aber ich hatte noch genügend Zeit für mich. Ich bin nur fremden Menschen begegnet, ich konnte mir aussuchen, welchen Freunden ich in New York sage, dass ich da bin, und welchen nicht. Wenn man einen Film anfängt, ist es ja meistens so, dass man hauptsächlich auf neue Leute stößt. Man hat immer wieder die Möglichkeit, sich selbst neu auszuprobieren. Oder ein unbeschriebenes Blatt zu sein. Oder mit einem Menschen einfach bei Null anzufangen. Das ist wunderbar. Dieses Gefühl brauche ich.

Ist Ihnen die Dauer oder die Intensität von Freundschaften und Beziehungen wichtiger?

Es gibt Begegnungen mit Menschen, die waren sehr kurz und sind mir bis heute sehr wichtig. Und ich meine jetzt keine Affären. Jedenfalls nicht nur. Zum Beispiel die russische Autorin Natascha Dubrowskaja, die habe ich kennen gelernt, als wir den Film „I was on Mars“ in Los Angeles auf dem Paramount-Gelände gezeigt haben. Sie war damals mit einem französischen Produzenten zusammen und hat durch einen Zufall diesen Film gesehen. Er handelt von einer Polin in New York und er hat sie, glaube ich, unerwartet getroffen und an ihre eigene Einwanderungsgeschichte erinnert. Sie ist sehr persönlich auf uns zugekommen, und wir haben ein paar sehr lange Abende erlebt. Sie hat mir viel aus ihrem Leben erzählt und ich ihr aus meinem. Es bräuchte große Energie, wenn wir uns heute wiederfinden wollten. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass auch ihr diese merkwürdige Intensität in Erinnerungen geblieben ist. Es ist wie eine Tür, die man kurz aufmacht und eine Welt dahinter sieht und denkt, wow, was für ein toller Raum, und dann macht man sie wieder zu. Wenn man reingegangen wäre, hätte vielleicht etwas ganz anders werden können.

Träumen Sie…

Ja, nachts in meinen Träumen tauchen solche Menschen öfters auf. Ich hatte mal eine Liebesgeschichte, sehr kurz und sehr intensiv.

Was heißt kurz?

Kurz heißt eine Woche. Eine Woche auf einer griechischen Insel, ohne gemeinsame Sprache. Er ist dann noch mal für ein paar Tage zu mir nach Wien gekommen, da gab es dann U-Bahnen und Telefone und es wurde schnell ganz schwierig. Ich habe ihn nie wieder gesehen. Außer in Träumen manchmal. Ich weiß gar nicht, ob ich ihn noch erkennen würde.

Das Leben und die Arbeit: Bei Ihnen scheint das noch mehr als bei anderen zusammenzugehören. Sie waren lange mit dem Filmregisseur Dani Levy liiert, Sie haben ein Kind mit dem Regisseur Rainer Kaufmann und sind jetzt seit kurzem mit dem Schauspieler Sebastian Blomberg zusammen, der die Hauptrolle in „Väter“ spielt.

Ich weiß, was Sie meinen, aber ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll. Es ist schon so, dass man in unserer Branche immer wieder auf neue, interessante Menschen trifft. Aber es gibt keine Liebe nach Plan. Es gibt vielleicht so eine Art Utopie hinter der Vereinigung von Arbeit und Privatleben, die Dinge miteinander zu verbinden, weil sie auch in meinem Kopf und in meinem Herz verbunden sind. Dass alles zusammen gehört, unter ein Dach. Ich habe es schon erlebt, was es für ein Glück sein kann, mit einem Menschen alles zu teilen.

Könnten Sie Ihre Biografie an Hand Ihrer Filmografie erzählen? Sie sagen, Sie versuchen sich in jeder Arbeit ein bisschen neu zu erfinden. Wissen Sie heute noch, wie Sie sich während der verschiedenen Dreharbeiten gefühlt haben, welche Maria Schrader Sie jeweils waren?

Ja, das weiß ich ziemlich genau.

Gut, dann fangen wir an. Der erste Film war „RobbyKallePaul“, 1988. Wie war da Ihr Gefühlszustand?

Großes Unwohlsein und viel Kampf. Das war meine erste Begegnung mit Film, und ich bin nach Berlin gegangen und war plötzlich in Danis Leben und das war ziemlich omnipräsent. Das war seine Wohnung, der Film war sein Projekt, das waren seine Freunde, seine Ex-Freundin, das war sein Metier, in dem er einen riesigen Vorsprung hatte. Mir war das sehr fremd. Ich war für alle Danis neue Freundin. Ich habe mich damals bis zur Selbstaufgabe assimiliert. Dani würde wahrscheinlich aufschreien, wenn er das hört. Aber das war mein Gefühl.

Diese Fremdheit hat Sie angezogen.

Unbedingt. Ich wollte mit ihm zusammensein, ich wollte das auch ausprobieren. Obwohl es auch Momente gab, in denen ich weglaufen wollte, zurück in mein altes Leben. Aber eigentlich ging das gar nicht. Dani hatte einen Grad an Absolutheit, auch was er von uns als Paar wollte. Er hat mich zum Schreiben gebracht. Er hat eigentlich in allem sehr an mich geglaubt. Wir hatten eine große Idee von uns. Das war romantisch und das gab uns auch jahrelang enorme Kraft.

Kann das aber nicht auch eine Belastung sein: das ewige Traumpaar…?

Wenn ich heute darüber nachdenke…, oh Gott, ist das ein schrecklicher Anfang eines Satzes.

Wollen Sie noch mal neu anfangen?

Nein, lieber nicht. Ich bin, glaube ich, von Film zu Film mehr zu der Person geworden, die ich sein wollte. Das hatte auch damit zu tun, dass ich bald auch unabhängig von Dani gearbeitet, bei anderen Filmen mitgespielt habe. Ich wurde selbstbewusster. Und bei „Meschugge“ war ich dann ein echter Partner. Aber da waren wir ja schon nicht mehr zusammen.

Sie sind vor zwei Jahren mit dem Bestseller „Liebesleben“ von Zeruya Shalev auf Lesereise gegangen, waren ihre deutsche Stimme. Dieses Buch handelt davon, wie sich eine erfolgreiche, in geordneten Verhältnissen lebende Frau durch eine erotische Affäre in die Nähe des Untergangs bringt. Was fanden Sie daran faszinierend?

Es war vor allem mein eigenes Erlebnis beim Lesen. Das Buch hat mir gar nicht erlaubt, irgendwas gut oder schlecht zu finden. Ich bin so in die Erzählerin versunken, als sei es nur für mich geschrieben. So ein Gefühl, als hätte sie in einer geheimen Sprache geschrieben, und nur ich könnte sie verstehen. Das war seltsam. Auch intim. Und mit Zeruya, das war bestimmt eine der tollsten Begegnungen für mich in letzter Zeit.

Es gibt Schauspieler, die haben das Problem, dass sie so sehr in ihren Rollen stecken, dass sie auch im wirklichen Leben davon nicht mehr loskommen.

Ich kenne das Gefühl, dass man sich von einer Rolle wieder befreien muss, aber ich habe noch nie das Gefühl gehabt, ich werde zu der Rolle, die ich spiele. Ich weiß schon immer ziemlich genau, was ich tue. Ich würde es eher umgekehrt beschreiben: Für mich ist die Arbeit eine Suche nach Momenten, wo einfach kein Haar mehr dazwischen passt, wo sich etwas verselbstständigt und tatsächlich passiert. Plötzlich wird man von dem Karren überholt, den man die ganze Zeit zieht und man rennt ihm hinterher. Ich denke, dass man wegen solcher Momente auch ins Kino geht.

In dem Buch „Glamorama“ von Bret Easton Ellis wird in einer Szene eine Party voller schicker Menschen beschrieben, auf der sich alle gegenseitig mit kleinen Kameras filmen, als ob sie sich vergewissern müssten, dass sie existieren.

Ich bin gerade neulich in New York angekommen und das erste was ich gemacht habe: Ich bunkerte mich in meine Hotelzimmer ein und machte nur Fotos von diesem Zimmer, stundenlang.

Und was haben Sie fotografiert?

Mich selbst. Details dieses Zimmers. Den Ausblick. Irgendwelche Arrangements auf den Tischen, mein Gepäck, meine Handtasche. Mich im Badezimmer. Das hat etwas Tagebuchartiges. Ich habe mich auch für ein paar Stunden verbarrikadiert. Vor dieser Stadt drumrum. Um anzukommen.

Wenn Sie sich Filme von sich anschauen…

…dann finde ich in fast jedem Momente, die ich nicht ertrage. So ein Film ist wie ein Kosmos an Ereignissen. Für mich ist es ja nicht nur die Szene, die man auf der Leinwand sieht. Ich weiß ja noch, wie ich mich vorher vielleicht am Telefon gestritten habe. Oder was unser Fahrer für eine Cordhose anhatte. Verstehen Sie? Oder wie es irgendwo gerochen hat. Geruch spielt eine große Rolle. Ich weiß zum Beispiel noch ganz genau, wie es in dieser komischen Pension „Franz“ gerochen hat, in der ich in Wien gewohnt habe, als ich die Aufnahmeprüfung machte. Eine Mischung aus einem bestimmten Putzmittel und altem Holz. Oder wenn ich in das Haus meiner Mutter komme, es gibt diesen spezifischen Geruch. Den rieche ich aber nur das erste Mal. Wenn ich zum Einkaufe gehe und dann wiederkomme, ist er weg.

Zurück zu Ihrer Filmografie. Das Roadmovie „Burning Life“, 1993, Regie Peter Welz…

…war eine Enttäuschung. Es war wahnsinnig anstrengend, und die Arbeit war zeitweise auch sehr schön, aber am Ende hat der Film seine Möglichkeiten nicht genutzt.

„Flirt“ von Hal Hartley…

…waren für mich genau zwei Stunden am Schlesischen Tor. Die waren lustig. Ich habe zwanzigmal „Nein“ gesagt, das war mein Text. Und ich sah aus wie sich eben ein Amerikaner eine Kreuzberger Punkerin vorgestellt hat. Als verspätete 80er-Jahre-Erscheinung, mit Neon, Neonbody, Lederjacke, großen Ohrringen, weiß geschminkt und Ringen unter den Augen.

Im Jahr 1995 haben Sie den Film „Stille Nacht“ gedreht, eine ziemlich wilde, ziemlich zerstörerische Dreiecksgeschichte. Ihre Schauspielerkollegen waren Jürgen Vogel und Mark Schlichter, der Regisseur Dani Levy. Waren Sie da noch liiert?

Ja. Vielleicht waren wir als Paar da schon etwas angeschlagen. Und wenn nicht: Ganz bestimmt hat uns der Film angeschlagen. Wir haben unterschätzt, was für ein Monster ein Film werden kann, welche destruktive Kraft da auf einen zurückstrahlt. Das haben wir zu spüren bekommen, als Paar, das sich eineinhalb Jahre jeden Tag mit diesem Projekt beschäftigt hat. Ich bin sehr stolz auf diesen Film, obwohl er an der Kasse kein Erfolg war. Er ist auf der Berlinale gelaufen, das war einer der schönsten Premierenabende, im Zoo-Palast sind die Leute wirklich aufgesprungen und haben durcheinander geschrieen, Buhs und Bravos. Das war ein saftiger Abend.

Aber eine solch destruktive Geschichte würden Sie nicht mehr machen?

So will ich das nicht sagen. Aber nach „Stille Nacht“ wollten wir eigentlich das Buch von Paul Auster „Im Land der letzten Dinge“ verfilmen. Wir hatten es optioniert und uns richtig arm daran bezahlt. Es ist großartig, aber sehr düster und apokalyptisch. Und da war plötzlich ich diejenige, die gesagt hat: Nein, das packe ich nicht, ich kann mich jetzt nicht noch mal von so einem Stoff aufessen lassen.

In „Stille Nacht“ hat Jürgen Vogel mitgespielt. Bei ihm hat man das Gefühl, er trennt viel stärker zwischen Arbeit und Privatleben.

Ja, ich glaube, Jürgen lebt ein ganz anderes Leben und das sehr bewusst. Ich bewundere das. Er ist in seiner Arbeit nicht weniger persönlich. Jürgen ist ziemlich ungefährdet, als Typ, er sieht sehr klar, wie er sein Leben führen möchte und lässt sich dabei viel weniger verunsichern als ich.

Halten Sie sich für gefährdet?

Ich habe schon ein gewisses Suchtverhalten in Bezug auf verschiedene Dinge, auf verschiedenste Dinge.

Dinge?

Mir fällt es schwer, Balance zu halten. Ich muss manchmal aufpassen, mich nicht zu verlieren in bestimmten Gefühlen, die sehr plötzlich über mich hereinbrechen können und ich vergesse dann, dass man sich innerhalb eines Tages auch wieder ganz anders fühlen kann.

Sie können sich also reinsteigern in bestimmte Situationen.

Ich bin die Königin des Reinsteigerns, die absolute Königin.

Frau Schrader, Ihre jetzt vierjährige Tochter heißt Felice. Diesen Vornamen trug auch Felice Schragenheim – die Jüdin, die Sie in dem Film „Aimée und Jaguar“ gespielt haben.

Ich habe mich in diesen Namen schon am Set verliebt. Ich habe ihm immer hinterher gehört und gedacht, das ist ein super Name. Er ist frech, eigenwillig und hat mit Glück zu tun. Als ich schwanger wurde, fiel mir sofort dieser Name ein. Dann dachte ich natürlich: geht nicht, weil ich ja diesen Film gemacht habe, weil es diese Frau gegeben hat, weil sich die Leute das Maul zerreißen werden, und so weiter. Ich habe 150 andere Namen erwogen, um dann, nachdem meine Tochter vier Tage namenlos auf der Welt war, doch zu sagen, alles Quatsch, diesen Namen soll sie haben. Das ist der schönste.

Frau Schrader, Max Frisch fragt: „Wann tun Ihnen die Männer Leid?“

Na ja, darauf kann man viele Antworten geben. Die Männer tun mir Leid, wenn sie einen Kampf verloren haben, einen Kampf gegen mich. Wenn ich mich tatsächlich durchgesetzt habe, dann tun mir die Männer Leid. Das ist keine Situation, die ich genieße. Ich glaube, das ist was sehr Typisches zwischen Männern und Frauen, Männer genießen es viel mehr zu gewinnen. Und gerade wenn es Beziehungen betrifft: In Beziehungen gewinnen Frauen nicht gerne. Für mich war das jedenfalls nie eine Genugtuung.

Sind da Männer und Frauen wirklich grundsätzlich anders?

Ich weiß nicht, ob ich das verallgemeinern will. Ich bin jedenfalls immer eher diejenige gewesen, die sich den Regeln von Männern angepasst hat als umgekehrt. Vielleicht ist das ja genetische Veranlagung. Dieses angeborene Chef-Dasein, was Männer so haben, das fehlt den Frauen. Ich hab das bemerkt, als ich plötzlich mit auf dem Regiestuhl saß. Das war bei „Meschugge“. Ich habe Dani und die anderen Schauspieler inszeniert, und ich hatte irgendwie ein schlechtes Gewissen. Mein größter Energieverlust entstand dadurch, dass ich immer dachte, ich muss es wieder gutmachen, dass ich hier dauernd die Ansagen mache. Ich war ständig am Kaffeeholen und wollte es allen möglichst recht machen. Ich glaube nicht, dass Männer mit so was zu kämpfen haben.

Und wann wollen Sie wieder Chef sein?

Hm. Eine ganz gute Frage. Einerseits habe ich große Lust drauf, andererseits auch Angst.

Wenn wir bislang richtig verstanden haben: Angst ist eher etwas, was Sie anzieht.

Stimmt schon. Ich möchte etwas nicht nicht getan haben, nur weil ich Angst davor hatte. Das würde ich mir nicht verzeihen. Das würde sich wie eine Last auf mich legen. Vielleicht bin ich auch neugierig auf die Angst.

Vertrauen Sie Ihren Instinkten oder eher nicht?

Ich vertraue ihnen. Ich rede auch nicht davon, gegen meine Instinkte zu handeln, mich irgendwie selbst zu vergewaltigen, daran habe ich überhaupt kein Interesse. Ich mache kein Bungee Jumping und lasse mich auch nicht auf einen Regisseur ein, bei dem alle meine Antennen nein sagen. Das muss ich nicht haben. Das ist auch etwas anderes als eine Angst, von der man sich angezogen fühlt, Dinge, von denen ich mir insgeheim Großes verspreche. Das kann auch damit zu tun haben, sich auf Menschen einzulassen, die einem vielleicht das ganze Leben umdrehen.

Bei den Dreharbeiten zu Ihrem Film „Väter“…

…ist mir das passiert, ja. Ich bin einem Menschen begegnet, der mein Leben auf den Kopf gestellt hat. Oder auf die Füße.

Sie sind jetzt mit dem Schauspieler Sebastian Blomberg zusammen.

Ja. Aber darüber lässt sich gar nicht so viel sagen. Über Glück.

Sie haben dafür den Vater Ihrer Tochter verlassen. Solche Entscheidungen können auch ins Unglück führen.

Die Option gibt es immer. Das liegt dicht beieinander. Und das wusste ich auch sehr früh. Dass er mich treffen kann. Dass sich etwas ändern wird. Natürlich macht einem das auch Angst. Aber ich will mich davon nicht bestimmen lassen. Melanie, meine Rolle in „Väter“ tut das. Sie handelt eigentlich in erster Linie aus Angst und auch deshalb handelt sie bis an die Grenze der Unverständlichkeit. Sie tut lauter Dinge, die sie eigentlich gar nicht will. Das wiederum finde ich den besonderen Reiz dieses Films: Man sieht zwei Menschen zu, wie ihnen die Situationen entgleiten.

Frau Schrader, woran merken Sie, wenn Sie in einer Krise stecken?

Wenn ich viel schwitze. Wenn ich nachts aufwache und das T-Shirt wechseln muss. Da stimmt dann irgendwas nicht, manchmal hat es ja auch medizinische Gründe. Meistens hat es mit dem Gefühl zu tun, überfordert zu sein. Wenn der Motor permanent so hochtourig läuft, dass man eigentlich handlungsunfähig wird.

Wie war eigentlich Ihr dreißigster Geburtstag?

Interessant war der.

Sie lachen.

Und wechselhaft. Er begann in Nevada und endete in Utah. Morgens war es noch ziemlich romantisch in einer Tropfsteinhöhle, abends saß ich dann allein in einem Coffeeshop in einem Kaff, das hieß Monroe und hab geheult.

Harald Schmidt hat mal gesagt, er habe sich schon immer wie 55 gefühlt.

Ganz schön kokett. Ich bin mir sicher, er gehörte auch zu den Menschen, die sich lange nicht mal vorstellen konnten, ihren dreißigsten Geburtstag überhaupt zu erleben. Ich hatte keine Angst vor dem Dreißigsten. Ich habe bis jetzt zweimal ein großes Fest gemacht. Mit 17 und mit 29, da stand auf der Einladung: „…und ich werde immer noch nicht 30!“

Wenn Ihr Leben mal verfilmt werden würde, wer sollte Maria Schrader spielen?

Hm, warten Sie: Jeanne Moreau. Dann würde der Film „bigger than life“.

Noch mal zu Max Frisch. Er fragt: „Wie stehen Sie zu Frauen, wenn Sie die Nachfolgerin sind, wenn Sie die Vorgängerin sind, wenn Sie den selben Mann gleichzeitig lieben?“

Ich bin neugierig auf eine Frau, die von dem Mann geliebt wurde, der jetzt mich liebt. Ich will es schon wissen. Portionsweise, sagen wir mal. In kleinen Dosen. Ich kann sehr eifersüchtig werden. Auch auf die Vergangenheit. Als Vorgängerin muss man sich zurückhalten, finde ich. So eine Ex kann ganz schön Macht ausüben. Das hab ich einmal selbst zu spüren bekommen, ich wurde fast erdrückt von guten Absichten, Ratschlägen und alten Fotos. Dani hat sich nach mir in eine Frau verliebt, die ich gut kannte. Die auch sehr viel von uns wusste. Sie war meine Freundin. Und auch Maskenbildnerin. Da gab es schon zunächst ein paar Verunsicherung. Auf allen Seiten. Jetzt ist es schön. Sie haben ein Kind zusammen. Wenn man denselben Mann liebt? Das habe ich Gott sei Dank noch nicht erlebt.

Frisch fragt: „Was bezeichnen Sie als männlich?“

Eine gewisse Lässigkeit. Ich finde es sehr unsexy, wenn ich spüre, jemand zwängt sich in ein Bild, das er von sich hat.

Möchten Sie ein Mann sein?

Um mal zu gucken, ja, gerne. Ein Mann zu sein: Ich würde es schon eine Weile ertragen.

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