Zeitung Heute : Kurzmeldungen

Ausgelassen läuft Klaus Wowereit über den Hollywood Boulevard. Für einen Moment sind beim Los-Angeles-Besuch die Berliner Sorgen fast vergessen. Nach all der Kritik an ihm fühlt sich der Regierende Bürgermeister jetzt im Aufwind. Und er zeigt, wie ihn sein erstes Jahr im Amt verändert hat. Der Wandlungsreisende

Gerd Nowakowski

Los Angeles

Das war knapp für den Bürgermeister. Die Teilung der Stadt wurde noch einmal abgewendet. Die reichen Stadtteile wollten mit ihren Steuern nicht mehr die Problembezirke finanzieren. 1,4 Millionen Einwohner hätte die Metropole bei einem Erfolg des Referendums vom 5.November verloren. Der Bürgermeister heißt James Hahn, seine Stadt Los Angeles. Mit einer geteilten Stadt kennt sich sein Gast aus. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit besucht Los Angeles, um das 35-jährige Jubiläum der Partnerschaft zwischen den beiden Städten zu feiern. Klaus Wowereit wird sich über die Abspaltungswünsche der wohlhabenden Bürger von Hollywood und San Fernando Valley seine Gedanken gemacht haben. Vielleicht wird er sich sogar ein wenig erinnert fühlen an die harsche öffentliche Kritik, als die SPD vor einem Jahr Koalitionsverhandlungen mit der PDS aufnahm. Da war die Stadt wieder gespalten, wurden alte Grenzen erneut spürbar, zwölf Jahre nach dem Mauerfall.

Ja nichts Persönliches

Wenn Klaus Wowereit solche Gedanken hat beim festlichen Empfang in der Residenz des Kollegen von Los Angeles, dann behält er sie für sich. Auf dieser Reise ist ein gut gelaunter Regierender Bürgermeister zu erleben. Die wache Vorsicht aber verlässt ihn nie. Die ist in den 18 Monaten im Amt gewachsen. Immer auf der Hut sein, nichts Persönliches preisgeben. Das hat System. Nach Los Angeles ist Wowereit schon einen Tag vor dem offiziellen Programm gekommen, um ihn ganz privat und fern seiner Mitarbeiter zu verbringen. Was er gemacht hat – kein Wort von ihm. Anderenorts ist zu erfahren, dass er unter anderem Thomas Gottschalk auf dessen Anwesen in Malibu besuchte. Der Fernsehstar ist hier ein Unbekannter, der mit seiner Familie gänzlich ungestört lebt. Auch Wowereit kämpft um sein Privatleben. Keine Homestory, keine Informationen über seine Urlaubsziele.

In Los Angeles sind die Berliner Probleme für kurze Zeit zur Seite geschoben. Die Koalition mit den Sozialisten – davon will hier niemand etwas wissen. Wowereit ist hier als der oberste Handelsvertreter der Stadt. Das quirlige, kreative Berlin, die Stadt der Möglichkeiten, der Ort für Pioniere – das ist seine ständige Botschaft an Tourismusmanager, Unternehmer oder Künstler. Er geht auf seine Zuhörer zu mit Charme und Witz. Am besten kommt er an, wenn er frei spricht, auch wenn er bei den konsequent auf Englisch gehaltenen Reden zuweilen stolpert. Ein „nice guy“ mit Gespür für öffentliche Auftritte. Mit Managern von Sony will er über mehr Aufträge für die Studios in Babelsberg reden, mit dem Unternehmer Anschutz die letzten Probleme beim Bauprojekt einer Sport-Arena am Berliner Ostbahnhof ausräumen. In Hollywood trifft er Maria Riva, die Tochter von Marlene Dietrich, und deren Urenkel Matthew Riva, der das Porträt der Ehrenbürgerin gemalt hat, das künftig im Berliner Abgeordnetenhaus hängen wird. Die Ehrung für die Diva ist sein persönlicher Höhepunkt der Reise.

Hast du auch Kinder?, fragen spielende Mädchen, als sich Wowereit auf einem Spaziergang in Hollywood zu ihnen auf die Bank setzt. Nein, ich bin schwul, antwortet er. Die Kinder machen große Augen. In Berlin dagegen hält er sich mit Aussagen zum Thema Homosexualität zurück. In West-Hollywood wird Klaus Wowereit einen Buddy-Bären als Geschenk Berlins übergeben. Eine Regenbogenfahne ist aufgemalt, das Wahrzeichen der Lesben und Schwulen.

Klaus Wowereit darf dieser Tage in Los Angeles entspannt sein. Das ist nicht wenig, nach diesem harten Jahr der rot-roten Koalition. Viel Prügel hat er einstecken müssen. Schon der Start am 17.Januar geriet zur Zitterpartie. Der Architekt des Bündnisses, der SPD-Landesvorsitzende Peter Strieder, benötigte zwei Wahlgänge, um in den eigenen Reihen eine Mehrheit zu bekommen. Anfänglich ging vieles schief und wenig zusammen. Überall nur politische Baustellen, aber keine Entscheidungen: ob bei der Bundeshilfe für die Kultureinrichtungen, dem geplanten Verkauf der Bankgesellschaft, dem neuen Schulgesetz, der Umsetzung des Sparhaushalts oder dem Stellenabbau im öffentlichen Dienst. Die Flucht des Wirtschaftssenators Gregor Gysi aus dem Amt ließ im August die Koalition wackeln. Als Bundesratspräsident machte Wowereit beim Abstimmungs-Eklat um das Zuwanderungsgesetz eine unglückliche Figur. In Los Angeles wird er auch an seine letzte große Auslandsreise denken. Er erntete Empörungsstürme, als er während des Besuchs von US-Präsident George Bush nach Australien reisen wollte. Das trieb die Berliner um, die sich gut erinnern, dass es die Amerikaner waren, die dem Westen der geteilten Stadt die Freiheit sicherten. Wowereit hielt seine Anwesenheit für überholte Symbolik. Da hatte sich der Pragmatiker verrechnet, er musste die Reise verschieben.

Immer wieder gibt es in Los Angeles Verbindungslinien in die Vergangenheit. Vor zehn Jahren, beim 25. Jahrestag der Städtepartnerschaft, war sein Vorgänger Eberhard Diepgen in der Partnerstadt. Damals herrschte in Berlin Euphorie, es war die Zeit der Visionen, nicht der Buchhalter. Wowereit wird sich daran erinnern, dass auch die Sozialdemokraten das Geld mit vollen Händen ausgeben wollten. Die Stadt war auf dem Weg, Bundeshaupstadt zu werden, war die größte Baustelle Europas, hatte großartige wirtschaftliche Perspektiven, bewarb sich um das teure Abenteuer Olympia und sah sich schon als Stadt mit fünf Millionen Einwohnern. Wer hätte gedacht, dass zehn Jahre später Berlin die unvorstellbare Schuldensumme von 46 Milliarden Euro drückt und die Stadt den Haushaltsnotstand erklären muss?

In Los Angeles blitzt beim Spaziergang über den Hollywood Boulevard auf, wie unbeschwert Wowereit sein kann. Neugierig ist er, fast ausgelassen läuft er über den Boulevard, wo die Namen von Stars im Asphalt verewigt sind. Erst war Wowereit für die Medien der lebenslustige Gegenentwurf zum eher drögen Eberhard Diepgen, dann wurde ihm vorgeworfen, er feiere zu viel und arbeite zu wenig an den Problemen Berlins. Wowereit hat viel dafür getan, um das böse Wort vom „Regierenden Partymeister“ vergessen zu machen. Arglos sei er am Anfang seiner Amtszeit gewesen, sagt er.

Nun fühlt er sich im Aufwind. Nach all der Kritik am Senat hat sich das Image des Regierenden Bürgermeisters gewandelt. Plötzlich erinnert man sich, dass er schon zu Amtsbeginn knallhart formuliert hat, dass Berlin nur mit härtesten Maßnahmen zu sanieren ist. Dass es ohne drastische Reduzierung der Personalkosten nicht geht. Nun glaubt man ihm, dass er den Konflikt austragen will. Nun gilt er in der Öffentlichkeit als der Mann, der die Macht des öffentlichen Dienstes knacken will. Seine Bundesratsinitiative für die Öffnung der Beamtenbesoldung hat nicht nur die Zustimmung der Ministerpräsidenten der anderen Bundesländer gefunden, sie sicherte ihm bundesweite Aufmerksamkeit.

Der Taktiker

Im Ringen um einen Solidarpakt ist das taktische Geschick aufgeblitzt, das Wowereit in wenigen Jahren vom Bezirkspolitiker in die erste Reihe hat rücken lassen. Richtiges Timing und die kaltblütige Entschlossenheit: Das hat er gezeigt, als er Diepgen die Macht entriss und seine zaudernde SPD aus der großen Koalition trieb. Kühl kalkulierte er, dass es die Stadt zwölf Jahre nach der Wende aushält, wenn die PDS mitregiert. Geschickt hat er die Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes die eigene Niederlage vorbereiten lassen. Über Monate ließ er die fruchtlosen Gesprächsrunden laufen, machte zugleich selber ein Angebot: Arbeitszeitverkürzung gegen Lohneinbußen. Zu spät haben die Gewerkschaften kapiert, dass sie mit ihren immergleichen Muskelspielen die Stimmung in der Stadt haben kippen lassen. Die Zeiten sind vorbei, als in West-Berlin gegen den öffentlichen Dienst kein Senator regieren konnte. Wowereit hat begriffen, dass er eine Stadt regiert, in der seit dem Mauerfall eine Million Menschen neu hinzugezogen sind.

Im Getty House, der offiziellen Residenz des Bürgermeisters von Los Angeles, trifft Wowereit auf Vertreter der Wirtschaft. Der verstorbene Unternehmer Paul Getty, der der Stadt das weltberühmte Museum stiftete, hat ihr auch einst das prachtvolle Haus geschenkt. Höchstens sechs Mal im Jahr wird die Residenz mit dem großen Garten für Empfänge genutzt. In Berlin hat die Koalition gerade beschlossen, das Senatsgästehaus zu verkaufen. Die Stadt braucht jeden Euro. Da sind sie wieder, die Berliner Sorgen.

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